Am Montag beginnt die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA 2002 in Berlin-Schönefeld. Für die Branche sind die Zeiten alles andere als einfach, sagt der Co-Vorstandschef des Europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, Rainer Hertrich.Herr Hertrich, Sie haben Ihren Job als Co-Vorstandschef des Europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS vor zwei Jahren unter besseren Vorzeichen angetreten. Jetzt steckt die Branche in einer tiefen Krise, wie lange noch? Bei den Airbus-Auslieferungen drohen offenbar noch größere Rückschläge als bisher angenommen.Da scheinen Sie mehr zu wissen als ich. Richtig ist, dass die Luftfahrtindustrie durch eine Abschwungphase geht. Nach dem 11. September hat es einen dramatischen Einbruch beim Passagieraufkommen gegeben, einige Airlines haben Insolvenz anmelden müssen. Wir werden 2002 bei Airbus 300 Flugzeuge ausliefern, nach 325 im letzten Jahr. In den letzten Monaten ging es bei den Airlines aber wieder klar aufwärts - und es wurden auch wieder neue Flugzeuge bestellt. Wie lautet Ihre Prognose für 2003?Wenn uns weltwirtschaftlich nichts dazwischenkommt, die Krise im Nahen Osten nicht weiter eskaliert, dann bin ich zuversichtlich, dass die Signale für die Luftfahrt wieder auf Grün stehen werden. Und dann sollten wir auch 2003 wieder in die Nähe von 300 Auslieferungen kommen. Mit Blick auf die Zukunft ist klar: Luftfahrt bleibt eine Wachstumsindustrie.Ihr Hauptkonkurrent Boeing hat in der Krise Massenentlassungen durchgezogen. Bislang wollte Airbus Personal ohne Entlassungen abbauen. Ist das noch haltbar? Ja, nach heutigem Stand kommen wir mit ein bis zwei Wochen Kurzarbeit aus. Wir sind zum Glück in einer ganz anderen Situation als Boeing. Bei uns wurde vorübergehend der Aufschwung gestoppt. Boeing dagegen muss sich auf eine völlig neue Lage einstellen: Airbus hat nicht mehr nur im Auftragseingang 50 Prozent Marktanteil. Spätestens ab dem nächsten Jahr wird Airbus auch bei den Auslieferungen mit Boeing gleichziehen. Das ist ein Riesenerfolg für uns Europäer.In den vergangenen guten Zeiten haben Sie den hohen Stellenwert des zivilen Flugzeugbaus für EADS betont. Nun stellen Sie die Verteidigungssparte als wachsenden Umsatzträger heraus. Wie soll das angesichts des gekürzten Rüstungsetats funktionieren?Der zivile Flugzeugbau ist und bleibt das Rückgrat für profitables Wachstum in der EADS. Aber wir wollen auch den Mix aus zivilem und militärischem Geschäft verbessern. Denn das ist die Voraussetzung für langfristige Stabilität in der Luft- und Raumfahrt. Bereits bis zum Jahr 2004 wird unser Verteidigungsgeschäft um 50 Prozent wachsen, von heute sechs Milliarden auf dann neun Milliarden Euro Jahresumsatz. Hierzu tragen Beauftragungen aus Deutschland für die Produktion von NH90, Tiger, Eurofighter oder auch die A400M ganz wesentlich bei.Sie warnen immer wieder vor einer technologischen Lücke zu den Amerikanern . . Wir haben weniger eine technologische Lücke als eine Lücke bei der Ausrüstung der Streitkräfte mit modernen Technologien. Und auf Dauer droht die Ausrüstungslücke auch zu einer Technologielücke zu werden. Heute investiert die Bundeswehr so wenig in die Forschung und Entwicklung wie noch nie zuvor. Hier brauchen wir dringend ein Umdenken. Denn die Forschung von heute ist die Ausrüstung von morgen. Vor allem verlangen Sie mehr Geld .. Immer mehr Anforderungen an die Bundeswehr bei anhaltend sinkendem Investitionsbudget - das passt nicht zusammen. Seit Jahren liegt der Investitionsanteil am Verteidigungsbudget weit unter den als Standard geltenden 30 Prozent. Modernisierungsstau und anhaltende Unterfinanzierung der Bundeswehr haben erhebliche Folgen auch für die wehrtechnische Industrie. In einigen Bereichen hat es seit Jahren keine neuen Aufträge gegeben. Das hat gravierende Folgen für Arbeitsplätze, Fähigkeiten und Technologien am Standort Deutschland.Es drängt sich der Eindruck auf, dass in der Zusammenarbeit der Europäer noch Reserven stecken? Absolut, da schlummern noch erhebliche Reserven. Wenn ich allein an den Forschungsbereich denke. Da gibt es noch viele Überschneidungen und Doppelarbeiten. Warum gründen wir nicht eine europäische Forschungsagentur in der Verteidigung? Natürlich berührt das sensible Fragen der nationalen Souveränität, aber die Budgets der Verteidigungsminister müssen effizienter genutzt werden. Hier muss die Politik dringend handeln, die Industrie hat doch gezeigt, dass europäische Integration möglich ist.Angesichts der Terroranschläge denken Regierungen über neue Verteidigungsstrategien nach. Eröffnet Ihnen das Chancen für neue Produkte?Ja, hier gibt es neue Chancen für die Luft- und Raumfahrt. Denn der Schwerpunkt der modernen Ausrüstung der Streitkräfte liegt bei den Produkten unserer Branche. Denken Sie an die Themen Aufklärung, Führung, Information und Kommunikation - dazu braucht man ein Netzwerk an Satelliten, Informationstechnologie, Sensoren, Radare und so weiter. Oder denken Sie an die neue Forderung nach Mobilität - das sind Flugzeuge und Hubschrauber. Es sind bald Bundestagswahlen. Erwarten Sie von einer CDU/CSU-geführten Bundesregierung, dass sie mehr in wehrtechnische Ausrüstung und Forschung investiert?Ich erwarte, dass jede neue Bundesregierung die Investitionen in moderne Ausrüstung deutlich erhöhen wird. Dazu gibt es meines Erachtens keine Alternative. Aber wie soll das geschehen? Die Einnahmen des Staates wachsen nicht?Diese Frage muss und wird die Politik beantworten. Wenn es gesamtwirtschaftlich nicht vertretbar ist, das Verteidigungsbudget insgesamt zu erhöhen und eine Anschubfinanzierung für die Modernisierung zu ermöglichen, wird man entweder über Prioritäten innerhalb des Gesamthaushalts oder über Aufgaben und Umfang der Bundeswehr nochmals nachdenken müssen. EADS hat erst vor kurzem den Wettbewerb um einen milliardenschweren US-Rüstungsauftrag für Tankflugzeuge gegen Boeing verloren. Es heißt, Ihr Angebot war um 40 Prozent günstiger. Warum sind Sie dennoch leer ausgegangen? Wir sind ganz und gar nicht leer ausgegangen. Wir sind erstmals überhaupt als Wettbewerber anerkannt worden. Das ist ein großer Schritt. Für amerikanische Beschaffer gab es bislang nur amerikanische Produkte und amerikanische Hersteller. Das scheint sich nun zu ändern. Die US Air Force hat uns aufgefordert, uns an allen zukünftigen Ausschreibungen zu beteiligen. Wie schätzen Sie in dieser Hinsicht die Bush-Administration ein? Uns stehen in Washington alle Türen auf und wir finden in der Regierung ein offenes Ohr für unsere Vision für mehr transatlantischen Wettbewerb und transatlantischer Kooperation. Aber es gibt in Amerika ein wachsendes Unbehagen darüber, dass die Europäer so unendlich langsam sind bei der Modernisierung ihrer Streitkräfte.Auf der ILA sind diesmal alle namhaften russischen Hersteller vertreten. Sind die Russen ernsthafte und verlässliche Kooperationspartner? Wir arbeiten mit der russischen Industrie intensiv an einer ganzen Reihe von zivilen und teilweise auch militärischen Projekten. Ein Schwerpunkt ist die Raumfahrt, aber auch bei Hubschraubern und Flugzeugen gibt es Kooperation. So haben wir eine Zusammenarbeit beim A400M-Programm angeboten. Das wollten einige in Russland jedoch nicht, denn die A400M wird als Konkurrenz zur russisch-ukrainischen An-70 empfunden. Präsident Putin hat uns jedoch bei seinem kürzlichen Besuch in Weimar versichert, dass er die Teilnahme russischer Firmen an dem europäischen Programm voll unterstützt. Jetzt wollen wir das konkretisieren.Das Interview führte Petra Wache."Nach heutigem Stand kommen wir bei Airbus mit ein bis zwei Wochen Kurzarbeit aus. " .DPA/ARNE DEDERT Rainer Hertrich ist überzeugt, dass die Luftfahrtbranche mittelfristig zu hohen Wachstumsraten zurückkehren wird.
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