BERLIN. Einmal hat sich Edmund Stoiber in den letzten Tagen eine Pause gegönnt. Mit seinem Enkelsohn Johannes ist er in den Zirkus gegangen. In einen richtigen Zirkus mit weißen Tigern, tanzenden Dackeln und dem kleinsten Löwen der Welt. Es waren möglicherweise einige der wenigen entspannenden Momente, die Stoiber in den vergangenen Wochen erlebt hat. Es kann aber sein, dass Stoiber bei Tigern und Dackeln und dem kleinsten Löwen der Welt auch wieder nur an die CSU dachte. Vielleicht hat er sich eine Peitsche wie im Zirkus gewünscht. Damit die anderen wieder mehr auf ihn hören.Das tun sie in der CSU gerade nicht, zumindest nicht alle, vor allem eine nicht, die Landrätin Gabriele Pauli aus Fürth. Die macht seit Monaten Stimmung gegen Stoiber, sie fordert von ihm den Rückzug aus der Staatskanzlei, weil er mit seiner Flucht vor dem Bundeswirtschaftsministerium nach der Bundestagswahl 2005 das Vertrauen der Bevölkerung verloren habe. Stoiber fiel nach der Rückkehr aus Berlin in der Tat in ein Umfrage-Tief. Über das Jahr rappelte er sich wieder auf, mit einer Buße-Tour durch die Ortsverbände und bayerischem Gepolter in Berlin. Pauli blieb bei ihrer Kritik, richtete ein Internet-Forum ein, in dem über die Stoiber-Ablösung diskutiert wurde. Kurz vor Weihnachten machte sie dann öffentlich, dass Stoibers Büroleiter Michael Höhenberger sich bei einem Parteifreund über ihr Privatleben erkundigt hatte. Das Wort von der "Spitzel-Affäre" machte die Runde. Höhenberger musste gehen. Die Umfragewerte des CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten fielen erneut.Grund genug für Stoiber, sich Sorgen zu machen. Er will bei den Landtagswahlen 2008 erneut als Spitzenkandidat der CSU antreten. Die Partei wird ihm das nicht verwehren, nur weil Stoiber dann das Rentenalter überschritten hat. Sie wird auch keiner Mitgliederbefragung über Stoiber zustimmen, wie Pauli es durchsetzen will. Einzig die Umfragewerte könnten Stoiber in die Quere kommen. Denn mit einem unbeliebten Spitzenkandidaten könnte die CSU in die Nähe der 50-Prozent-Marke geraten. Ein Drama wäre das in Bayern.Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass Stoiber in den Weihnachtsferien viel Zeit am Telefon verbracht hat. Das "blonde Fallbeil", wie er als CSU-Generalsekretär unter Franz Josef Strauß betitelt wurde, ließ sich von Getreuen und Funktionsträgern der Partei deren Unterstützung zusichern.Es traten in Folge öffentlich auf: CSU-Generalsekretär und Stoiber-Zögling Markus Söder, der ein ums andere Mal Paulis Vorwürfe zurückwies. Peter Ramsauer, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, der ein ums andere Mal, "felsenfest" hinter Stoiber stand. Der Vorsitzende der Landtagsfraktion, Joachim Herrmann, der ankündigte, seine Abgeordneten würden Stoiber bei ihrer Klausurtagung Mitte Januar in Wildbad Kreuth zum Spitzenkandidaten ausrufen. Die CSU-Landesministerinnen, die ihren Chef gegen Paulis Vorwurf in Schutz nahmen, er könne nicht mit Frauen umgehen. Ein paar junge Bundestagsabgeordnete kündigten an, auf der Zugspitze ein Plakat zu hissen mit der Aufschrift "Bayerns Spitze: Edmund Stoiber 2008". An diesem Montag will das CSU-Präsidium Stoiber das Vertrauen aussprechen, am Nachmittag werden die CSU-Bundestagsabgeordneten, die sich ebenfalls in Kreuth treffen, wohl das selbe tun.Es ist ein sehr lautes Trommeln für Stoiber, das da eingesetzt hat. Mag sein, dass das verfängt in Bayern. Dass es die CSU-Anhänger beeindruckt, wenn sich ein Prominenter nach dem anderen vor Stoiber stellt. Mag sein, dass einige Stoiber auch deswegen stützen, weil die selbstbewusste Pauli ihnen irgendwie suspekt ist oder weil sie auf Geschlossenheit der CSU Wert legen.Sicher ist es so, dass Frau Pauli keine prominenten Unterstützer finden wird, weil die meisten noch etwas werden wollen, wenn Stoiber dann mal gegangen ist, im Zweifel wollen sie seinen Posten. Diese Leute glauben, dass es ihrer Karriere nicht gut tut, wenn sie sich als "Königsmörder" einen Namen machen. Es gibt Leute darunter, wie Fraktionschef Herrmann, die können noch ein Weilchen warten, weil dann Konkurrenten wie Innenminister Günther Beckstein oder Wirtschaftsminister Erwin Huber aus Altersgründen nicht mehr in Frage kommen. Beckstein und Huber wiederum müssen einen schnellen Wechsel herbeisehnen.Interessant ist auch, wer sich nicht äußert: Horst Seehofer etwa, der stellvertretende Parteivorsitzende. In der Vergangenheit war bei seinen Lobeshymnen auf Stoiber stets ein begleitender ironischer Unterton mitzuhören, wenn er den Ministerpräsidenten als "absolutes Ass" rühmte etwa. Dieses Mal hat Seehofer in den Solidaritätschor gar nicht erst eingestimmt. Er könnte Stoiber als Parteivorsitzender nachfolgen, das nächste mögliche Datum ist der Parteitag im Herbst.Bis dahin ist vieles möglich. Es gebe eine "diffuse Stimmung" in der Partei gegen Stoiber, von der man nicht genau sagen könne, wie tief sie gehe, sagt einer aus der CSU, der den Ministerpräsidenten eigentlich gerne verteidigt. "Wenn man die Vertrauensfrage stellen muss, ist das Problem schon groß. Wenn sich andere vor einen stellen müssen, ist es noch schlimmer", sagt ein anderer hochrangiger CSU-Politiker. Solidaritätsadressen und Kandidatenausrufungen seien nichts wert, fügt er dann noch hinzu. "Die kann man jederzeit wieder zurückholen."Es ist also die Illusion der Kontrolle, die Stoiber sich organisiert hat. Wenn die Lage sich beruhigt, kann das ausreichen, aber es muss nicht. Entscheidend ist, dass Stoiber nicht noch mehr Fehler macht.Einen Fehler wie der Umgang mit Pauli: Stoiber hat sie abtropfen lassen, ihren Wunsch nach einem persönlichen Gespräch hat er abgelehnt. Er hat sie als unwichtig bezeichnet. Das lässt sich niemand gerne sagen, Landräte in Bayern schon gleich gar nicht.Es passiert nicht das erste Mal, dass Stoiber etwas falsch einschätzt. Meistens handelt es sich dabei um Krisensituationen, wie etwa den BSE-Skandal und die Affäre um die Millionenverluste der Landeswohnungs- und Städtebaugesellschaft Bayern LWS, die schließlich zu den Rücktritten von Sozialministerin Barbara Stamm und Justizminister Alfred Sauter führten.Es ist einer der Widersprüche in Stoibers Person: Er ist einer der größten Kontrollfreaks der deutschen Politik - gleichzeitig schafft es kaum ein anderer, immer wieder so auffällig die Kontrolle zu verlieren wie er. Die Kontrolle fängt damit an, dass er in seiner Staatskanzlei zahlreiche Abteilungen aus anderen Ministerien zusammengezogen hat und damit die Macht zentriert. Er arbeitet sich in so viele Akten und Vorgänge wie möglich ein, liest bis tief in die Nacht, lässt sich über Sitzungsverläufe bis ins letzte Detail informieren. Auch in den Pressekonferenzen der CSU-Landesgruppe in Berlin sitzt zuweilen ein Beamter Stoibers, der eifrig mitschreibt, was gesagt und gefragt wird. Bienenfleißig kann man so einen Ministerpräsidenten nennen. Man kann aber auch sagen, dass es ihm offenbar an Vertrauen in sein Kabinett, seine Parteikollegen und seine Mitarbeiter mangelt.Mitunter gleitet die Kontrollwut ab ins Komödienhafte: Dann nämlich, wenn Stoiber in Koalitionsrunden fieberhaft in seinen Aktenbergen nach einem Beamtenvermerk sucht. Wenn er sich von riesigen Mitarbeiter-Trupps begleiten lässt, um immer schnell eine Nachfrage loswerden zu können. Oder wenn er sich beim Reden gnadenlos verheddert, weil er offenbar bei jedem Satz bereits an den übernächsten denkt. Stoibers Stammel-Stücke über "sich normal verhaltende Bären und Problembären", "Ronaldinho und die anderen Brasilianer", und die "Kompetenz-Kompetenz" haben es zu einigem Ruhm gebracht.Was Stoiber bisher bei allen Krisen geschafft hatte, war, sich selbst zu retten. Minister mussten zurücktreten, der Regierungschef wusste stets von nichts. Seine Flucht aus Berlin im Herbst 2005 allerdings konnte er schlecht anderen anlasten. Er tat es trotzdem. Wenig später musste sein Pressesprecher gehen. Seinen Ruf hatte Stoiber dennoch beschädigt: Galt er vorher nur als Zauderer, so war er jetzt der Unberechenbare, der Unzuverlässige. Dagegen lässt sich schwer angehen. In den Verhandlungen um die Gesundheitsreform, in denen Stoiber Einigung um Einigung unter Vorbehalt stellte, verfestigte sich dieser Eindruck noch.Natürlich hat Bayern wegen seiner großen Stimmenzahl im Bundesrat immer noch eine wichtige Stellung in Berlin. Doch das Ansehen des Spitzenmanns ist geschwunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt Stoiber und seine Partei diesen Bedeutungsverlust spüren. Mal tritt sie nur mit SPD-Chef Kurt Beck vor die Presse, obwohl Stoiber der dritte Koalitionspartner ist. In dieser Woche findet in Berlin eine Kabinettsklausur statt, während am Tegernsee noch die CSU-Landesgruppe tagt. Auf dem CSU-Parteitag im Herbst eilte Merkel nach ihrer Rede in den Saal und ließ sich dort minutenlang bejubeln - auf der Bühne blieb verloren ein irritierter Edmund Stoiber stehen.Auch in München gab es am Wochenende die ersten Anzeichen einer neuen Zeit: Landtagspräsident Alois Glück, ein bedächtiger Mann, der am Ende seiner Karriere steht, forderte den Ministerpräsidenten auf, sich über seinen Nachfolger Gedanken zu machen. Landesgruppenchef Ramsauer erklärte, auch eine Doppelspitze aus Parteichef und Ministerpräsident sei möglich. Der Fraktionsvorsitzende Herrmann mahnte mehr Offenheit für Diskussionen an.Edmund Stoiber veränderte seine Strategie erst einmal in einem Punkt. Er kündigte an, die Rebellin Gabriele Pauli zu einem Gespräch einzuladen.------------------------------"Wenn man die Vertrauensfrage stellen muss, ist das Problem schon groß. Wenn sich andere vor einen stellen müssen, ist es noch schlimmer."------------------------------Stoiber ist einer der größten Kontrollfreaks der deutschen Politik - gleichzeitig schafft es kaum ein anderer, immer wieder so auffällig die Kontrolle zu verlieren wie er.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]