Eigentlich ist Michael Naumann der SPD-Spitzenkandidat für Hamburg. Doch beim Wahlkampfauftakt läuft zunächst einmal Gerhard Schröder zu großer alter Form auf

Wie war ich?

Holger Schmale
4 Min

HAMBURG. Der Champion ist wieder da. Wie ein Meister aller Klassen wird er vom Jubel seiner Anhänger im völlig überfüllten Saal des Hamburger Congresscentrums empfangen. Und so betritt er auch die Bühne, selbstsicher, präsent, seiner Wirkung und seiner Rolle in jeder Sekunde bewusst. Gerhard Schröder, der Wahlkämpfer, ist wieder da. Der Mann, den sie in der Union wie keinen anderen Sozialdemokraten fürchten; der Mann, der ihnen zwei böse Niederlagen und noch eine dritte, halbe Niederlage zugefügt hat.An diesem Dienstagabend ist er in Hamburg noch einmal in diese Rolle geschlüpft, zum ersten Mal seit seiner großen letzten Schlacht im Sommer 2005. "Man fragt mich, was mich aufgeschreckt hat aus meinem Pensionärsdasein", beginnt er seine Rede, schon kokett, denn jeder weiß, dass der ehemalige Kanzler vielfältigen Geschäften nachgeht und ganz gewiss kein Pensionär ist. Es sei der Charme dieser Stadt Hamburg, sagt der Mann aus Hannover und kokettiert weiter.Vor allem aber war es wohl der, nun ja, Charme seines Freundes Michael Naumann, den die Hamburger Sozialdemokraten im vergangenen Jahr in höchster Not zum Spitzenkandidaten gemacht haben und zu dessen ersten Ankündigungen zählte, er werde Gerhard Schröder nach Hamburg in den Wahlkampf bringen. Hier ist er nun, zum Auftakt der entscheidenden Phase der Auseinandersetzung um die Mehrheit in der Hansestadt. Gewählt wird dort am 24. Februar.Stolz auf sichSchröder genießt diesen Auftritt nach Kräften. Das Lachen ist so wölfisch, wie seine Fans es lieben, und die Stimme röhrt so tief hinten in der Kehle, dass sie mit der von Willy Brandt konkurrieren könnte.Der alte Kanzler hat vor allem ein Thema: Es ist der Stolz. Der Stolz, den die Sozialdemokraten auf ihre Geschichte und auf ihre Leistungen haben könnten, und damit meint er nicht zuletzt die eigenen. Er nimmt das Wort "Hartz" nicht in den Mund. Er spricht von den notwendigen und harten Entscheidungen, die in schwieriger Zeit nötig gewesen seien, und sogar dafür bekommt er an diesem Abend kräftigen Beifall von einem dankbaren Publikum. Aber er ist großzügig. Er sei ja der letzte der etwas dagegen hätte, wenn die Partei nun die Parole in den Mittelpunkt stelle, die man jetzt so oft hört: Der Aufschwung müsse bei allen ankommen, auch bei jenen, "denen wir damals etwas nehmen mussten", sagt Schröder. "Macht das ruhig, Olaf", er spricht den neuen Arbeitsminister Olaf Scholz an, der als Hamburger Abgeordneter auf der Bühne sitzt und zu Schröders Zeiten als SPD-Generalsekretär die härtesten Hartz-IV-Botschaften zu vertreten hatte.Macht das ruhig. Es spricht der Ahnherr, der einen Freibrief für den Umgang mit seinem Erbe ausstellt. Gerhard Schröder tänzelt am Rednerpult, er gestikuliert mit dem rechten Arm, mit beiden Händen, er dreht sich von links nach rechts, es ist ihm eine Wonne zu polemisieren, zu argumentieren, zu ironisieren, und gelte es auch der eigenen Person. "Ich bin ja nicht politisch mit dem Basta gescheitert", fügt er ganz unvermittelt ein, "eher persönlich". Denn zu Hause habe er es mit seinem zweijährigen Sohn und der sechsjährigen Tochter zu tun, "und da ist überhaupt nichts mit Basta. Man wird bescheiden im Alter." Hätte er sein Publikum nicht schon längst in der Tasche, nun wäre es auf jeden Fall geschafft.Es springt zwar niemand von den Sitzen, schließlich ist man im kühlen Hamburg, aber einer hanseatischen Form von Siedepunkt nähert sich die Stimmung nun an. Dabei hat Schröder seine Pfeile auf die politischen Gegner noch gar nicht abgeschossen. Die hätten in der eigenen Regierungszeit doch nie etwas zu Wege gebracht, röhrt er, auf all den Feldern, auf denen sie sich heute brüsteten: Vom Klimaschutz bis zur Familienpolitik. Fast zurückhaltend klingen da seine Bemerkungen über den "Populisten aus Hessen", über Roland Koch, von dem Sozialdemokraten keine Nachhilfe in Sachen Innere Sicherheit nötig hätten.Gerade mal eine Viertelstunde spricht Schröder, aber es reicht vollauf, um seine Wirkung zu tun. Am Ende steht er gemeinsam mit Michael Naumann auf der Bühne, sie posieren für schöne Bilder, der gefeierte Redner leitet seinen Beifall auf den Spitzenkandidaten der Hamburger Sozialdemokraten. Da wirkt der intellektuelle Weltbürger und einstige Kulturminister in Schröders Kabinett, den irgendetwas zwischen Parteisoldatentum, Überzeugung und Eitelkeit in dieses späte parteipolitische Abenteuer geführt hat, fast linkisch. Dabei läuft sein eigener, ganz anders, eben hanseatisch geführter Wahlkampf besser als viele erwartet haben. Der CDU-Bürgermeister Ole van Beust muss um sein Amt fürchten. Sollte Schröder mit seinen Auftritten in Hamburg am Ende zu dessen Sturz etwas beigetragen haben - der Champion würde so wölfisch wie lange nicht grinsen.------------------------------Foto: Wie Champions: Gerhard Schröder und Michael Naumann in Hamburg.

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