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„Ach, Mensch, Mutter!“, denke ich und spreche es leise aus, als ich neben Dir sitze. Das Licht im Krankenhauszimmer ist heruntergedreht worden, jemand hat das Fenster geöffnet und eine kleine elektrische Kerze brennt neben Deinem Bett. Dein Mund ist geöffnet, aber Deine Augen sind geschlossen. Für immer.
Ich habe eben noch kurz mit den Nachtschwestern und dem diensthabenden Arzt gesprochen. Viel zu sagen gab es nicht mehr. Sie waren nett und zurückhaltend. Sprachen mir ihr Beileid aus. Aber ich merke auch, sie kennen den Tod, er ist ein Teil ihrer Arbeit. Routine.
Ich wundere mich, dass trotz Deiner Covid-Infektion, die erst vor zwei Tagen auch noch dazugekommen ist, meine Frage, ob ich Dich berühren darf, mir vom Arzt, ohne zu zögern, mit „Ja“ beantwortet wird. Würden sich alle an die geltenden Regelungen halten, dürfte ich nicht einmal hier im Krankenhaus sein. Und schon gar nicht ohne Maske jetzt neben Dir sitzen und ein letztes Mal Deine Hand streicheln. Ob Politiker und Beamte, die solche Regelungen getroffen haben, Situationen wie diese kennen?
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Der BVB und Wagenknecht als Gesprächsthemen
Ich wundere mich auch über mich selbst. Wie einfach es mir fällt, das Krankenzimmer zu betreten, obwohl ich weiß, dass Du Deine letzte Reise bereits angetreten hast und ich Dich gleich ein letztes Mal in meinem Leben sehen werde. An Deinem Bettrand auf einem alten Holzstuhl sitzend kann ich immer noch die Qualen der letzten Tage und Wochen in Deinem Gesicht sehen. Du hattest mir erzählt, wie schwach und hilflos Du Dich nach der Notoperation in Rostock gefühlt hast, und auch von den starken Schmerzen nach dem letzten Eingriff in Hamburg. All das hätte die Zeit heilen können.
Ungleich schlimmer, unendlich viel qualvoller muss es für Dich gewesen sein, nicht mehr lesen zu können. Du, die ich nie ohne ein Buch gesehen habe. Unsere Wohnung war immer voller Bücher, der Keller auch, und seit Du ein iPad hattest, sind noch einmal fast 800 Bücher in unserem Kindle-Account zusammengekommen. Die Zahl habe ich, völlig überflüssig, extra nachgesehen. Im September war mir das erste Mal aufgefallen, dass Du keine neuen Bücher bei Amazon mehr bestellt hast. Normal waren ein oder zwei pro Woche.
Darauf angesprochen hast Du es heruntergespielt. Lesen geht eben gerade nicht. Wegen der Operationen. Erst mal wieder zu Kräften kommen.
Dass es Dir sehr schlecht geht, wenn Du nicht mehr lesen kannst, wusste ich sofort. Schlimmer konnte es nicht sein. Aber das war auch meine Hoffnung. Der Tiefpunkt ist erreicht. Und von jetzt an geht es wieder bergauf. Wenn auch zuerst vielleicht nur mit kleinen, fast unsichtbaren Schritten, mit kraftraubenden Rückschlägen, wenn es nicht anders geht, aber am Ende sitzen wir beide vor unserem Haus in Bangkok. Trinken Kaffee Latte oder ein Glas Rotwein, reden darüber, wie Marias Tag in der Schule war, über den BVB, Sahra Wagenknecht, agile Softwareentwicklung. Gott und die Welt.
Der Beweis für die Wiedergeburt
Dass ich jetzt, einen Tag vor dem Jahreswechsel, hier in Rostock, in der Klinik, neben Dir sitze, weinen möchte, aber nicht weinen kann und versuche, ganz sachlich zu überlegen, was jetzt als Nächstes zu tun ist, war unvorstellbar.
Ich ziehe eine kleine Flasche mit rotem Nagellack, den ich extra gekauft habe, aus meiner Jackentasche. Tookta hat mich an den buddhistischen Brauch erinnert, die Toten zu markieren, um sie bei ihrer Wiedergeburt erkennen zu können. Ich male mit dem Nagellack einen etwas zu groß geratenen roten Punkt auf Deinen linken Handrücken.
Kurz überlege ich, ein letztes Foto von Dir zu machen. Ist das pietätlos? Will ich diesen Moment tatsächlich auf einem Foto festhalten oder doch einfach in meinen Gedanken aufbewahren? Am Ende mache ich ein Foto von dem großen roten Punkt auf Deiner linken Hand. Solltest Du wiedergeboren werden, ist das der Beweis. Erst später wird mir auffallen, dass man auf dem Foto auch Deinen geschundenen Arm sieht. Bläulich. Grünlich. Zerstochen von Nadeln, dort, wo die Ärzte und Schwestern versucht haben, Blut abzunehmen und Medikamente in Dich hineinzubekommen.
„Lass mich sterben. Fliege zurück nach Bangkok und kümmere dich um Maria und Tookta!“– „Du meinst jetzt? Sofort?!“ – „Ja!“
Das war am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.
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Selbstbestimmt über das Leben entschieden
Noch knapp zwei Stunden zuvor hatte ich die Ärztin davon überzeugt, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, damit es Dir wieder besser geht und Du, so schnell es geht, das Krankenhaus wieder verlassen kannst. Egal, wie klein die Chance dafür auch sein mag. Ich hatte es Dir versprochen.
Als ich zwei Stunden später mit neuem Covid-Schnelltest für den Tag wiederkomme, hast Du der Ärztin bereits gesagt, dass Du all das nicht mehr willst. An diesem Punkt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich wollte, nein, ich musste stark sein! Trotz der Situation immer noch Optimismus ausstrahlen. Es gelang mir nicht.
Du bist in dem Moment viel stärker, als ich es bin. Ich weiß, Du hättest alles gegeben, um Maria, Deine Enkeltochter, noch einmal sehen zu können. Mit ihr zu spielen und ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. Ihr Deutsch beizubringen. Aber noch wichtiger war es, uns nicht zur Last zu fallen. Wir sollten uns um Maria kümmern und nicht um Dich.
Auch viele Monate später fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass Du einfach nur das gemacht hast, was Du Dein ganzes Leben lang gemacht hast. Du warst selbstlos und großzügig und hast unabhängig und selbstbestimmt über Dein Leben entschieden. Und Du hast uns die Möglichkeit gegeben, das Gleiche zu tun. Das weiß ich alles, und doch hätte ich gerne, selbstsüchtig, ein paar Jahre mehr mit Dir gehabt. „Ach, Mensch, Mutter!“ Die letzten Worte, die wir uns gegenseitig sagen: „Ich liebe Dich.“
Thomas Kessler, Jahrgang 1973, lebt mit seiner Familie seit mehr als 15 Jahren in Bangkok. Er berät seit mehr als 25 Jahren Unternehmen der Telekommunikations- und ICT-Branche und leitet als Managing Partner das Südostasien-Geschäft einer deutschen Unternehmensberatung.
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