BERLIN. Das Personal in der Leitwarte der Vattenfall Europe Transmission in Berlin kommt ordentlich ins Schwitzen: Ein sehr kräftiger Wind bläst in Ostdeutschland, wo das Unternehmen alle Höchstspannungsleitungen betreibt. Fast die gesamten Windräder in der Region laufen an diesem 18. November auf Volllast und produzieren über 9 000 Megawatt Strom - ein Rekordtag - das entspricht der Leistung von neun Kernkraftwerken. "Damit konnten wir 60 Prozent des Strombedarfs in unserem Netzgebiet decken", sagt Vattenfall-Transmission-Sprecher Volker Kamm. "Damit stoßen unsere Netze aber auch unter optimaler Verwendung aller Ressourcen derzeit an ihre Kapazitätsgrenzen."Stromquellen im NordenWie Vattenfall geht es allen Netzbetreibern: Sie sind für den ökologischen Umbau der Energieversorgung noch nicht ausgestattet. Der Netzausbau hat sich zu einer entscheidenden Größe in der Frage entwickelt, ob Deutschland seine hochgesteckten Ziele beim Ausbau regenerativer Stromquellen erreichen kann. Gestern hat sich deshalb ein breites Bündnis ungewöhnlicher Partner organisiert: Das Forum Netzintegration Erneuerbare Energien. Dort sind Stromriesen wie Vattenfall, EnBW und RWE Mitglied, aber auch Umweltverbände wie die DUH und kleine Bürgerinitiativen, die gegen neue Strommasten sind und auf Alternativen drängen. Das Bundesumweltministerium fördert das Vorhaben. Einen derart breiten Zusammenschluss hat es bisher noch nie gegeben.Unterschiede gibt es noch bei der Frage, wie schnell es gehen sollte. Die Öko-Strom-Branche selbst glaubt, bis 2020 knapp die Hälfte der benötigten Elektrizität stellen zu können, die Bundesregierung will mindestens 30 Prozent erreichen, die großen Stromkonzerne sind zum Teil selbst bei dieser Zahl skeptisch. Klar ist jedoch, dass auch das moderatere Ziel einen massiven Ausbau der Stromnetze verlangt. Das Hauptproblem: Ein großer Teil des neuen Ökostroms entsteht durch Windmühlen im Norden Deutschlands. Der Bau von vielen Offshore-Windfarmen vor der Küste wird das Ungleichgewicht noch verstärken. Doch die großen Verbrauchszentren liegen im Süden und Westen der Republik, dort befinden sich die dichtbesiedelten Gebiete und die Industriezentren. Das Forum ist sich deshalb einig: "Der Um- und Ausbau der Stromnetze droht zum Flaschenhals zu werden."Weniger Einigkeit innerhalb des Forums herrscht jedoch darüber, ob wie bislang hauptsächlich große Strommasten gebaut werden sollen oder Erdleitungen zum Einsatz kommen, die bis zu zehn Mal teurer sind, dafür aber die Landschaft nicht verschandeln und. Dafür setzen sich die Bürgerinitiativen (etwa unter dem Namen "Hochspannung tieflegen") vehement ein. Vattenfall zum Beispiel sieht das kritisch: "Auch der Bau von Erdleitungen ist nicht unproblematisch. Vielen ist zum Beispiel nicht klar, dass über einer 380-Kilovolt-Trasse kaum noch etwas wächst aufgrund der Wärmeentwicklung", sagt der Sprecher. Doch man hat fest vor, sich zu einigen, und das ist ein völlig neuer Vorgang im ansonsten von Grabenkämpfen dominierten Diskurs um die Energiezukunft: Am Ende des Forums soll ein sogenannter "Plan N" entstanden sein, eine Handlungsempfehlung für die Bundesregierung. Die will nämlich bis Herbst 2010 ein neues Energiekonzept vorstellen. Zwar war bereits im Mai der Bau von sechs sogenannten Stromautobahnen bis 2015 beschlossen worden - doch es besteht noch bedarf an vielen weiteren Hochspannungstrassen.------------------------------Zwei Stromnetze werden verkauftAbgetrennt: Das deutsche Höchstspannungsnetz ist in vier Gebiete aufgeteilt, die von den Stromriesen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW betrieben werden.Abgesetzt: Eon und Vattenfall, die besonders viel Ökostrom in ihren Gebieten in Nord- und Ostdeutschland haben, verkaufen ihre Netze derzeit.Unabhängig: Eigenständige Netzbetreiber müssen keine Rücksicht nehmen auf den Mutterkonzern, der womöglich Konkurrenz durch Öko-Strom fürchtet.------------------------------Foto: Wohin mit dem unsteten Windstrom? Neue Leitungen müssen her, damit der Öko-Ausbau auch Sinn macht.
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