Zuletzt ist Hans-Eckardt Wenzel, der mutige Barde und einstige Hauptinitiator der Resolution der Rockmusiker und Liedermacher vom September 1989, als Mitunterzeichner der Schwarzer-Wagenknecht-Friedensinitiative in Erscheinung getreten. Der in der DDR groß gewordene und auch nach der Wende erfolgreiche Liedermacher spricht auch hiermit vielen seiner Fans aus dem Herzen. Er erscheint als ehrliche Haut, als einer von den Guten, die sich nicht verbiegen lassen, die hingucken, wo andere verblendet sind. „Ein Mann mit Eiern“, wie es der freundschaftlich verbundene Andreas Dresen verwegen und verlegen zugleich formuliert. Gegen die Zweifel an der pazifistischen Argumentation hilft der Hinweis auf die Atombombe. Man sieht gleichsam, wie der Weinbecher leergetrunken und auf den Holztisch gedroschen wird. Ende der Diskussion? Oder doch noch einmal nachgeschenkt.
In Lew Hohmanns Dokumentarfilm „Glaubt nie, was ich singe“ hat man viel Zeit, Wenzel ins Gesicht zu blicken. Gut ist er gealtert. Die einst dunkle Mähne fliegt ihm unsortiert ums Haupt, changiert zwischen ergraut und sonnengebleicht, das Ringelshirt steht ihm unverändert. So einen hätte man gern als Freund. Die Furchen erzählen vom Grübeln und vom Lachen, vom Feiern und vom Plagen. Die Augen funkeln vor frischem Zorn. Und Vater einer Tochter ist er vor einem Jahr auch noch einmal geworden, zum fünften Mal, die älteste Tochter ist schon über vierzig.
Ein bisschen gehetzt vom Eifer der Chronistenpflicht, arbeitet der Film die biografischen Eckpunkte, die künstlerischen Erfolge und manche privaten Krisen von Wenzel ab. Weggefährten kommen aus der Bewunderung gar nicht mehr raus. Sehr verständlich, denn wie beeindruckend ist diese Energie, diese Bodenständigkeit bei gleichzeitigen Höhenflügen, die den Liedermacher von den legendären Karls-Enkel-Anfangszeiten über die kabarettistischen Wenzel-Mensching-Clownerien bis ins Allerheiligste nach Nashville in die Grand Ole Opry führte.
Es muss im Frühling vor der Wende gewesen sein, als zwei Freundinnen und ich in der zehnten Klasse Lieder von Hans-Eckardt Wenzel auf dem jährlichen Talentfest unserer Schule darboten. Drei Akkorde konnte ich auf der Gitarre, a-Moll, E-Dur, d-Moll, das reichte für „Halb und halb“ und „Nichts bleibt geheim“ von der neuen Wenzel-Platte „Reisebilder“, die im Mai 1989 erschien. Das fernwehauslösende Cover zeigt in Schwarz-Weiß ein paar haarige Männerunterschenkel in hochgekrempelten Hosen, die Füße in ausgelatschten Espadrilles. „Selbst jeder Pickel auf deinem Bein … nichts bleibt geheim.“ Reisefreiheit, Stasi, Kleinbürgerenge – alle Themen sind angesprochen, mit denen man die schon leise wackelnden Autoritäten in Erklärungsnot oder auf die Palme bringen konnte.
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Ein strammer Pionier und singender Grenzwächter
Dass der Wittenberger Hans-Eckardt Wenzel, Jahrgang 1955, großer Bruder von vier Schwestern, einmal ein strammer Pionier war, während seines Wehrdienstes den Hermann-Jahn-Singeklub der Grenztruppen leitete und als solcher das Lied „Postengang“ komponierte, arrangierte und 1976 für die Eterna-Soldatenplatte „Unser Lied – unser Leben“ einsang – das alles brachte ihn mir näher und die Systemkritik von einem ursprünglich wohlgesonnenen Kind der DDR erschien mir umso schmerzlicher und also wirkungsvoller.
Unser 89er-Vorspiel ging durch, der Applaus war mäßig – das liegt natürlich daran, dass die Lieder in ihrer Einfachheit einen Interpreten brauchen, der jede Silbe und jeden Gedanken mit einem Extrahauch der Poesie und mit wahrheitssuchendem Drang hervorbringt. Ansonsten kommt man leicht ins Leiern.
Hans-Eckardt Wenzel: Sing den Trotz dir aus der Seele!
Das würde Wenzel nie passieren. Er schenkt seine Lieder mit zarter Inbrunst und gebotener Ergriffenheit her, bis er heiser ist, und jeder einzelne im Publikum sich gemeint und verstanden fühlt. Das ist auch eine sportliche Leistung, angesichts der Wirklichkeit, die inzwischen zwei drei Schlenker gemacht und das eine oder andere politische System hinter sich gelassen hat. Es finden sich immer neue Themen, an denen sich politisches Versagen zeigen lässt. Egal, in welcher Gesellschaftsordnung man gefangen ist, es gibt immer welche, die Macht haben und Fehler machen und welche, die es besser wissen, auf die aber keiner hört.
Wenzel und Band
© Sandra Buschow
Deswegen kann Wenzel mit derselben Kraft und Gewissheit gegen das ewige Denunziantentum eintreten wie gegen die Unterdrückung zum Beispiel der Kurden, gegen Rassismus wie gegen überzogene Hygienemaßnahmen während der Corona-Pandemie oder – ein wenig auch in eigenem Interesse, aber in erster Linie für eine bessere Welt – gegen den Verkauf von Land über dem Bodenrichtwert. Das drohte der Hafenwiese in Kamp am Stettiner Haff, dort, wo er der in Berlin lebende Wenzel sein Refugium hat und wo er einmal jährlich ein großes Konzert gibt. Mit einem in dem Film ausführlich begleiteten Benefizkonzert ist es gelungen, Spenden zu sammeln und einen Kredit von 200.000 Euro abzuzahlen. Die Wiese bleibt in Besitz des Hafenvereins.
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Wenzel ist immer auf der richtigen Seite, sogar wenn er auf der falschen Seite ist. Sein Grenzsoldatenlied kommentiert er in dem Film, indem er sagt, dass er den Dienst an der Gitarre dem an der Waffe vorzog, und dass es besser ist, solche Lieder zu machen, als Menschen an der Grenze zu erschießen. Und wieder hat er selbstzweifelsfrei recht, auch wenn das genau genommen gar nicht die Alternative war. Aber der Titel gibt es einem ja schriftlich: „Glaubt nie, was ich singe“.
Wenzel. Glaubt nie, was ich singe. Ein Dokumentarfilm von Lew Hohmann, D 2023, 106 Min., mit: Hans-Eckardt Wenzel, Nora Guthrie, Konstantin Wecker, u.a.
Kinopremiere mit Konzert: 12. Mai, 20 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, anschließend Konzert und Gespräch mit Andreas Dresen, Christoph Hein, Lew Hohmann. Durch den Abend führt Marion Brasch, Karten und Informationen unter Tel.: 24065777 oder volksbuehne.berlin
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