Lieber Florian Schroeder,
Demokratie bedeutet nicht, dass ein Kabarettist, der auf der Schleimspur des Staates kriecht, ganze Bevölkerungsgruppen diskreditieren darf. Demokratie gibt Satire die Möglichkeit, nach oben zu treten - und den Politikern so richtig aufs Maul zu hauen. Demokratie ist es aber nicht, diesen Politikern den roten Teppich auszurollen.
Natürlich erst, nachdem Sie sich versichert haben, dass die Politiker Sie auch weiterhin mit über den roten Teppich laufen lassen. Über die Richtung müssen Sie sich ja keine Sorgen machen, Sie können diesen „Schei...-Politikern“ einfach hinterhertrotten und deren Worte satirisch zugespitzt wiederholen. Da kann man als Kabarettist trotzdem mal die Orientierung verlieren und nicht so genau wissen, wo hinten und vorn, oben und unten ist.
Das kennt man von Kabarettisten der guten alten BRD so gar nicht - nicht von Dieter Hildebrand, nicht von Hanns Dieter Hüsch oder Gerhard Polt. Das Problem ist, Sie unterstellen dem gemeinen Ossi, er sehne sich nach Bevormundung. Derweil hat der doch im Gegensatz zu den durch den allfürsorglichen Sozialstaat gepamperten Westdeutschen genug Erfahrung, wie es sich anfühlt, sich von genau jenen Bevormundungen zu befreien.
Von Landeiern in Ballungsgebieten
Der Witz ist aber: Sie merken das gar nicht. Sie wollen weiter gemütlich Schleimspuren gegenüber den „Großkopferten“ auslegen und behaglich in Richtung Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide lustwandeln. Also so rein in kapitalistischer Grundprägung versteht sich. Vielleicht ist es ja gar nicht der Osten, sondern der Westen, der das lebende Stockholm-Syndrom darstellt?
Der Staat soll nichts vorschreiben, aber Sie lassen sich - unbewusst vermutlich - bevormunden. Wenn der Staat sagt, was zu denken ist, stimmen Sie mit lieblichem Stimmchen in den politischen Kanon ein - da stört es nur, wenn alle alles sagen dürfen, gell? Der Staat soll den ÖPNV weiterhin nach ausschließlich großstädtischen Maßstäben organisieren, damit man sich von den Landeiern nicht in seinem Ballungsgebiet-Biotop mit merkwürdigen Fragen und Meinungen konfrontieren lassen muss.
Sie müssen sich jetzt einmal entscheiden, welcher Diktatur Sie sich hingeben wollen. Der Diktatur des Stillstands und des globalen Abgehängtwerdens? Oder der einer Veränderung, die man in den gebrauchten Bundesländern ja eher mit enormer Skepsis betrachtet - dort tendiert man ja mehrheitlich zum gemütlichen „war ja schon immer so“.
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Jetzt aber ab in den Schützengraben!
Soziale Marktwirtschaft gibt es jedenfalls von den derzeit Regierenden nicht, sonst hätten die diese ja nicht geschliffen, da müssen Sie sich jetzt eher bei den Linken anbiedern. Die CDU-SPD-Grünen-Blase jedenfalls interessiert sich eher für ihre eigenen Posten, die nun drohen, flötenzugehen, als für die einfachen Menschen, denen man besser immer tiefer in die Tasche greift. Und sie interessieren sich für die wenigen Superreichen, die ganz ohne Vermögenssteuer ihren - auf welchem Weg auch immer erworbenen - Reichtum mit trickreichen Finanzanlagen durch stürmische Zeiten bringen. Wollen Sie eigentlich, dass sich die Leute künftig im „arm, aber sexy“ einrichten?
Natürlich ist es Demokratie, die Angst vorm bösen russischen Bären zu schüren. Aber dann bitte auch konsequent sein - Stahlhelm auf und ab mit Ihnen in den Schützengraben des Krieges, wohin die derzeitige Politik in Europa und Deutschland wohl ohne Zweifel führen dürfte. Das wäre endlich eine Wiederauflage von „am deutschen Wesen, soll die Welt genesen“.
Viele Leute wie Sie, Herr Schroeder, wünschen sich spätabends beim Nachtgebet vermutlich immer mal wieder die Zustände der BRD aus den guten alten 80ern zurück, so mit Ronald Reagan und „Tear down this wall“, mit Schokolade samt Sarotti-Mohr und Twix, der damals Raider hieß.
Wie wäre es mit mehr Soldaten der Westalliierten?
Im Osten gibt es diesen Wunsch nach russischer Okkupation übrigens nicht, keine russischen Panzer, denn die Ossis wissen was es bedeutet, wenn die durch die Dörfer zum örtlichen Schießübungsplatz gedonnert sind. Aber vielleicht würde man sich aus wirtschaftlichen Gründen im Westen ja die Rückkehr der 480.000 Westalliierten mit ihrer alten Kaufkraft wünschen, statt der verbliebenen knapp 40.000 GIs der Amerikaner?
Vielleicht würden die Alliierten in voller Stärke Euch im Westen helfen, Sicherheit und Ordnung aufrecht zu erhalten, so stadtbildmäßig meine ich. Und nein, der Osten sehnt sich nicht nach russischen Soldaten, die augenscheinlich in Ihren wirren Vergewaltigungsphantasien für fünf Kinder pro Frau sorgen würden. Kleiner Spoiler: Wenn der Westen nicht von den vielen zugezogenen, gut ausgebildeten jungen Ossi-Frauen profitiert hätte, bräuchte man da vermutlich heute noch viel mehr kinderreiche Zuwanderung.
Ein kleines Fazit vom Ossi
Nach all diesen Wessi-Triggereien, sagen Sie, Herr Schroeder, jetzt vielleicht: „Na Moment, so hetzerisch und ossifeindlich wie ich, ist doch nicht jeder Westdeutsche.“ Nein, natürlich nicht, aber wer Ihrer Meinung ist, der hat die Deutsche Einheit leider bislang falsch verstanden. Und wenn jetzt jemand sagt: „Du bist ja Ossi und darfst gar nicht so über Wessis reden“, der kann sich gerade auch angesprochen fühlen.
Denn wenn nur Klugscheißer andere Klugscheißer darin bestärken dürfen, dass man pauschal andere Menschen, deren Meinung und Lebensleistung herabsetzen darf, dann ist das doch genau das immer wieder gepflegte Klischee vom undankbaren Ossi, das Sie und Ihre Kollegen so mühevoll kultiviert haben. Also viel Spaß weiterhin im Reich der Überheblichlichkeit!
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