Sie hängen in der Kollwitzstraße, im Winsviertel und auch im Bötzowviertel hat man sie gesehen. Wie viele es sind, weiß keiner, wer sie entworfen hat, auch nicht. Unbekannte haben vor wenigen Tagen auffällige Plakate an Häuserwände und Stromkästen geklebt, die seitdem für Debatten im Kiez sorgen. "Wir sind ein Volk! Und ihr seid ein anderes. Ostberlin, 9. November 2009", steht da. Seit mehreren Jahren polemisieren offenbar Alteingessene gegen den Zuzug Westdeutscher nach Prenzlauer Berg. "Schwaben, verpisst euch!", steht an Hauswänden.Doch wer stellt heute noch die Frage: Kommst du aus dem Osten oder aus dem Westen? "Es geht doch eigentlich nicht um Ost oder West, sondern um unterschiedliche Lebensentwürfe", sagt Wolfram Kempe. Der 49-Jährige lebt seit 1983 in Prenzlauer Berg, heute ist er Bezirksverordneter der Linken in Pankow. "Spießer gibt es auch im Osten. Problematisch wird es dann, wenn eine Seite ihren Entwurf zum allgemeingültigen erklärt", sagt er. Kempe kennt die Konflikte mit Anwohnern, denen es im Viertel zu laut ist, die sich an Auto- und Kinderlärm stören. "Aber wenn man in der Nähe des Fernsehturmes wohnt, kann man die Verkehrsverhältnisse nicht so regeln, als lebe man in einem schwäbischen Dorf", sagt Kempe.Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) findet die Plakate "ziemlich absurd". "Wir waren in dieser Hinsicht schon mal weiter." Für viele Menschen aus dem Westen, die in den 1990er-Jahren nach Prenzlauer Berg gezogen sind, sei das Miteinander von Ost und West längst völlig normal, sagt er. Köhne wurde vor 42 Jahren in Itzehoe geboren, er lebt seit 1994 im Ostteil der Stadt, seit 1996 in Pankow. In dieser Zeit ist auch der (westdeutsche) Stadtsoziologe Hartmut Häußermann an den Kollwitzplatz gezogen. Er sagt, im Alltag spielten Ost-West-Differenzen nicht die geringste Rolle. Dass nun irgendein Bewohner den Anspruch erhebe, darüber bestimmen zu wollen, wer hier leben könne und wer nicht, zeuge von einem "ausgesprochen provinziellen Bewusstsein". "Ich bin nur froh, dass sich das gegen die eigenen Landsleute richtet und nicht gegen Menschen, die aus noch fremderen Kulturen kommen", sagt Häußermann.Der Comic-Maler OL, in Ost-Berlin geboren, hält die Plakate für "auf jeden Fall total beknackt". "Im schlimmsten Fall fühlt sich doch eh keiner angesprochen davon. Die Schwaben sind immer die anderen, und wahrscheinlich gibt es hier eh mehr Bielefelder als Stuttgarter."Am vergangenen Sonnabend steht Marktbetreiber Philipp Strube auf dem Markt am Kollwitzplatz und sammelt Unterschriften für dessen Erhalt. Einige Anwohner klagen gegen den Wochenmarkt. Sie sagen, sie lebten schon viel länger dort, als es den Markt gibt. Sie wollen Ruhe. Strube zog 1980 von West-Deutschland nach West-Berlin, 1995 nach Prenzlauer Berg. "Ost-West spielt heute keine Rolle mehr", sagt er.Wenige Meter vom Markt entfernt feiern die Inhaber eines Geschäfts für Kinderbekleidung ihr fünfjähriges Bestehen. Ein Strampler kostet dort 80 Euro, eine Kindermütze die Hälfte. Der Laden ist voll.Vielleicht ist es ja das, was die Verfasser der Plakate so stört am neuen Prenzlauer Berg: mit welcher Normalität und Rasanz sich Reichtum, Wohlstand und Lebensstil verbreiten und so selbstbewusst zur Schau gestellt werden, dass selbst Einkaufen zur Inszenierung gerät.Aber ist das eine Ost-West-Frage?"Ich glaube, es handelt sich bei den Plakaten einfach um eine Meinungsäußerung von Leuten, die hier keiner mehr versteht", sagt eine Frau, die schon lange vor der Wende in Prenzlauer Berg gelebt hat. Sie sieht die Plakate als Kritik im Umgang des Westens mit der DDR-Geschichte. "Der Osten war eben nicht nur Stasi, Trabbis und leere Läden, doch das ist bei der breiten Masse nicht so ganz durchgesickert. Ein Mensch der im Westen aufgewachsen ist, kann so etwas aus den Plakaten aber nicht herauslesen", sagt die Frau.------------------------------Foto: Tausende Menschen kommen jeden Sonnabend auf den Markt am Kollwitzplatz: Anwohner und Touristen, Ossis und Wessis. Die Herkunft ist vielen egal.
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