Einbürgerungsfeier in Neukölln. Migranten erzählen, warum sie Deutsche werden wollen

Mit Bundesadler und türkischem Halbmond

Eva Dorothée Schmid
4 Min

Nabaz Dargalaee hat sich schick gemacht. Er ist einer der wenigen, die am Dienstagnachmittag im blumengeschmückten Saal der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung Anzug und Krawatte tragen. Nabaz Dargalaee hat seine Frau und seine neun Monate alte Tochter ins Neuköllner Rathaus mitgebracht, denn für ihn ist dieser Dienstag ein besonderer Tag. Es ist der Tag, an dem der Iraker endlich Deutscher wird.Zum zweiten Mal veranstaltet der Bezirk Neukölln einen Festakt zur Einbürgerung ausländischer Bewerber. 54 Migranten aus 15 Nationen erhalten ihre Einbürgerungsurkunde mit goldenem Bundesadler. Es gibt Klavier- und Cellomusik, eine Ansprache des Bezirksstadtrates Michael Brügge (CDU) und des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) und zum Schluss ein Erinnerungsfoto zum Mitnehmen.Neun Jahre musste Nabaz Dargalaee aus dem Nordirak auf die deutsche Staatsbürgerschaft warten. In dieser Zeit hat der 36-jährige Kurde Deutschland schätzen gelernt, vor allem die Freiheiten, die die Bürger hier haben. Er kam als Asylbewerber aus Arbil, er musste fliehen, weil Bürgerkrieg herrschte und er der falschen Partei angehörte. "Man fühlt sich wohl, wenn man eine europäische Staatsangehörigkeit hat", sagt er. Außerdem wolle er, wenn er hier lebe und seine Tochter hier aufwachse, auch wählen können. Der Kurde hätte die Staatsangehörigkeit gern früher beantragt, aber Deutscher werden kann in der Regel nur, wer mindestens acht Jahre hier lebt, nicht straffällig wurde und den Sprachtest besteht. Seine Frau muss noch warten, sie stammt ebenfalls aus dem Irak und ist erst fünf Jahre in Deutschland. Seine Tochter dagegen ist seit ihrer Geburt Deutsche.Nabaz Dargalaee sagt, es sei ihm nicht schwer gefallen, die irakische Staatsangehörigkeit aufzugeben, er fühle sich sowieso als Kurde und habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Situation im Irak bald besser wird. Er glaubt, er werde mit dem neuen Pass leichter einen Job finden, denn einmal hat er sich auf eine Stelle beworben und wurde nur wegen des fehlenden deutschen Passes abgelehnt.Auch Ahmet Ögrenci verspricht sich von seiner neuen Staatsbürgerschaft berufliche Vorteile. Der türkischstämmige 18-Jährige, der in Neukölln geboren ist, macht eine Ausbildung zum internationalen Versicherungskaufmann. Sein Chef hat ihm gesagt, es sei leichter, wenn er den deutschen Pass hat, weil er mehrmals im Jahr ins Ausland reisen muss. Auch seine Brüder und die meisten seiner Freunde haben einen deutschen Pass. "Wenn man den hat, fühlt man sich schon irgendwie deutsch, aber das Türkische ist schon auch noch in einem drin", sagt Ögrenci, der eine dicke Goldkette mit Stern und Halbmond, dem Symbol der Türkei, um den Hals trägt. Wenn man ihn darauf anspricht, sagt er etwas verlegen, das sei ein Geschenk seiner Freundin. Während der Übergabe seiner Einbürgerungsurkunde hat er die Kette schnell unter seinem roten T-Shirt verschwinden lassen. Die Feier hat ihm besser gefallen, als er dachte. "Das spricht einen schon an, so was hat man ja nicht jeden Tag."Auch Andrea Gimenez fand den Festakt schön, vor allem das gemeinsame Singen der Nationalhymne, auch wenn die 27-jährige gebürtige Argentinierin noch nicht ganz textsicher ist, wie sie in fast perfektem Deutsch zugibt. Ihr Ehemann hat sie zur Feier begleitet. Als ihr Buschkowsky die Einbürgerungsurkunde übergibt, strahlt die junge Frau übers ganze Gesicht. Sie kam der Liebe wegen nach Deutschland und ist mit einem Neuköllner verheiratet. "Ich fühle mich als Deutsche, bin integriert und will die gleichen Rechte haben wie mein Mann", sagt sie. Gerne wolle sie sich aktiv in der deutschen Gesellschaft engagieren, wie der Bezirksbürgermeister in seiner Ansprache gefordert hat. Bei der WM kann sie sich schon zur neuen Heimat bekennen: Ihr Mann hat ihr zur Feier des Tages ein DFB-Trikot von Michael Ballack geschenkt.------------------------------Foto: Nabaz Dargalaee ist stolz, nach der Flucht aus dem Irak endlich Deutscher zu sein.------------------------------Foto: Andrea Gimenez bereichert ihre neue Heimat mit argentinischem Temperament.------------------------------Foto: Ahmet Ögrenci bekennt sich mit einer goldenen Halskette zur Heimat Türkei.------------------------------Foto: Bekenntnis in Schwarz-Rot-Gold: Die 24-jährige Tanja Kleber-Barbera ist seit Dienstag keine Französin mehr.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner