„Nichts tun ist unterlassene Hilfeleistung.“ Mit diesem Transparent ließen sich Betriebsräte des Dresdner Pharma-Werkes von GlaxoSmithKline (GSK) und Gewerkschafter der IGBCE mit Sachsens Ministerpräsident fotografieren. Das Signal soll von allen Seiten heißen: Wir kämpfen für den Standort, so einfach abwickeln lassen sich die 641 Angestellten nicht.
Eine Woche nach der Ankündigung von GSK, das Dresdner Impfstoffwerk bis 2028 schließen zu wollen, ziehen Betriebsrat und IGBCE eine erste Zwischenbilanz. „Dresden, Sachsen, ganz Deutschland hat davon erfahren. Und auch auf europäischer Ebene ist angekommen, was hier auf dem Spiel steht“, erklärt Philipp Zirzow, Bezirksleiter der IGBCE Sachsen, in einem Pressestatement. „Jetzt wird nicht mehr nur über Konzernrenditen gesprochen, sondern über 641 Menschen, ihre Familien und ihre Lebensleistungen. Das ist unser erster gemeinsamer Erfolg.“
Das Werk wurde vom Odol-Erfinder gegründet
Das Dresdner Werk wurde am 17. Oktober 1911 vom Dresdner Unternehmer Karl August Lingner – bekannt geworden durch sein Mundwasser Odol – als Sächsisches Serumwerk und Institut für Bakteriotherapie ins Handelsregister eingetragen.
Schon acht Jahre nach der Gründung wurden im Herzen Dresdens fast 80 Medikamente und Impfstoffe hergestellt. In den 1920er-Jahren zählte das Werk zu den bedeutendsten Sera- und Impfstoffherstellern im deutschsprachigen Raum. Um 1936 stellte das Werk rund 90 verschiedene Impfstoffe, Seren, Arzneimittel und diagnostische Tests her – von Diphtherie- und Tetanus-Seren bis zu Milzbrand- und Botulinum-Präparaten.
1945 wurde der Standort in der Dresdner Innenstadt schwer beschädigt, doch die Produktion dringend benötigter Arzneimittel konnte binnen weniger Wochen wieder aufgenommen werden. Verstaatlicht wurde das Werk vergleichsweise spät – erst 1972, zu DDR-Zeiten.
Nach der Wiedervereinigung verkaufte die Treuhand den Betrieb 1992 an den britischen Konzern SmithKline Beecham. Im Jahr 2000 fusionierte dieser mit Glaxo Wellcome zu GlaxoSmithKline (GSK), das den Standort übernahm. 2005 investierte GSK rund 100 Millionen Euro, um die Kapazität von 30 Millionen auf über 70 Millionen Impfdosen jährlich zu verdoppeln – auch um FDA-Standards für den US-Markt zu erfüllen.
Die Werbung aus dem Jahr 1908 zeigt das Mundwasser von Odol, das der Dresdner Unternehmer Karl August Lingner erfand. Er gründete auch das Serumwerk.
© Gemini/imago
Ende 2007 wurde der Neubau eingeweiht, 2008 legte man den alten Namen „Sächsisches Serumwerk Dresden“ ab und firmierte fortan als GlaxoSmithKline Biologicals Dresden. Laut Wirtschaftsförderung Sachsen flossen seit 1992 mehr als 350 Millionen Euro an Investitionen in den Standort, die die Produktion um mehr als das Fünffache erhöht haben.
All das soll nun rückabgewickelt werden. Zumal die Pharmaindustrie in Dresden durchaus andernorts Zukunft hat. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hat gleich zwei Termine in der Branche in der kommenden Woche: Am Montag setzt er bei der Rotop Pharmaka GmbH den ersten Spatenstich für den Bau einer neuen radiopharmazeutischen Produktionsanlage in Dresden. Sie soll zukünftig Radiopharmaka für die Diagnostik und Therapie in der Nuklearmedizin herstellen.
Und am Dienstag wird das 20-jährige Bestehen des Pharmaunternehmens Menarini Von Heyden mit dem Werk in der Dresdner Neustadt gefeiert. Dort sitzt die deutsche Tochtergesellschaft der Menarini Gruppe, Italiens größtem Pharmaunternehmen mit Hauptsitz in Florenz.
Vertrauliche Gespräche mit dem Ministerpräsidenten
Bereits am Montag trafen sich Betriebsrat und IGBCE mit Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD), um über die Lage und mögliche Perspektiven für den Standort zu beraten. Die Unternehmensseite nahm an dem Gespräch nicht teil. Sie begründete dies damit, sich zu diesem Zeitpunkt um die Beschäftigten kümmern zu müssen.
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Sachsens Kampf für neue Gaskraftwerke und gegen die Krise
Am Mittwoch nahmen das gesamte Betriebsratsgremium und die Gewerkschafter an der Aktuellen Stunde im Sächsischen Landtag teil. Dass die sächsische Regierung alle Hebel in Bewegung setzt, das Werk noch zu retten, beweist ein anschließendes Hintergrundgespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD), Wirtschaftsminister Dirk Panter und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Henning Homann, bei dem zur Zukunft des Werkes beraten wurde.
Ministerpräsident Kretschmer rief der Gewerkschaft zufolge dazu auf, „jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen“ und gemeinsam mit den Beschäftigten und der Gewerkschaft für eine Zukunft als Pharma- und Produktionsstandort zu kämpfen. Henning Homann betonte: „Dresden ist ein effizienter und moderner Standort, der auch innerhalb von GSK wettbewerbsfähig ist.“
Das Dresdner Werk von GSK liegt im Herzen der Altstadt und soll 2028 geschlossen werden.
© Robert Michael/dpa
Auch auf europäischer Ebene wächst die Unterstützung. Der sächsische Europaabgeordnete Oliver Schenk will das Thema gegenüber der Europäischen Kommission aufgreifen. Für Betriebsrat und IGBCE ist klar: Der Erhalt pharmazeutischer Produktionskapazitäten ist nicht nur eine regionale Frage, sondern betrifft die Versorgungssicherheit und Widerstandsfähigkeit Deutschlands und Europas. Das erinnert alles an den ähnlich gelagerten Fall des VW-Werkes in Zwickau, das trotz hoher Effizienz von der Schließung bedroht ist.
Nicht nur Widerstand – ein konkreter Zukunftsplan
Parallel zur eingeworbenen Unterstützung der Politik haben Betriebsrat und IGBCE begonnen, einen belastbaren Zukunftsplan zu entwickeln. Gemeinsam mit externen Fachleuten wird geprüft, welche neuen Impfstoffe, Medikamente oder Auftragsproduktionen nach Dresden geholt werden könnten, welche Partnerschaften, Investoren oder neuen Eigentümermodelle möglich sind, ob der Standort eigenständig oder gemeinsam mit neuen Partnern betrieben werden kann und welche politischen sowie europäischen Instrumente dafür genutzt werden können.
Dazu gehört auch das europäische Gesetz über kritische Arzneimittel. Es soll die Produktion wichtiger Medikamente in Europa stärken und bei politischen Entscheidungen nicht nur den niedrigsten Preis, sondern auch Versorgungssicherheit und vorhandene Produktionskapazitäten berücksichtigen.
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„Wir versprechen heute keine fertige Lösung. Aber wir versprechen, dass wir jede ernsthafte Möglichkeit professionell prüfen und die gesamte Kompetenz und Leidenschaft der Menschen am Standort bündeln werden“, so Zirzow.
„Tief getroffen, aber nicht gebrochen“
Auf der Betriebsversammlung nach der Schließungsankündigung letzte Woche waren neben Sorge und Wut vor allem Zusammenhalt und Entschlossenheit zu spüren.
Peter Mißbach, Betriebsratsvorsitzender von GSK Dresden, erklärt dazu: „Diese Nachricht trifft uns bis ins Mark. Wir sind tief getroffen, aber wir sind nicht gebrochen. Wir werden zeigen, was diese Belegschaft kann und welches Potenzial in diesem Werk steckt.“ Das Werk habe 115 Jahre, „zwei Weltkriege, politische Umbrüche, Hochwasser und zahllose Herausforderungen überstanden“, so Mißbach weiter. „Wir werden nicht zulassen, dass eine verantwortungslose Finanzentscheidung ohne erkennbaren ernsthaften Willen, dem Standort eine Zukunft zu geben, diese Geschichte beendet. Jetzt schreiben wir unsere Geschichte selbst – mit Kompetenz, Leidenschaft, Mut und Zusammenhalt.“
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