Einer will U-Bahn fahren, einer denkt schon an seinen Abschied - Ministerwechsel in Berlin

Freundliche Übernahme

Jörg Michel Timot Szent-Ivanyi Daniela Vates
4 Min

BERLIN. Guido Westerwelle sagt, wenn er das mit den pannenanfälligen Regierungsflugzeugen früher gewusst hätte, dann hätte er es sich nochmal überlegt mit dem Außenminister-Wunsch. Frank-Walter Steinmeier hat da gerade erzählt von Flügen mit offenen Türen und von Bränden im Frachtraum. "Die alten Schätzchen Challenger" hat er die Regierungsflieger genannt.Wenn Westerwelle seine Bemerkung ernst meinte, es wäre zu spät. Er hält seine erste öffentliche Rede als Minister - im Auswärtigen Amt bei der offiziellen Amtsübergabe im riesigen Weltsaal des Ministeriums, vor Weltkarte und unter Kristall-Lüstern. Mit langem Applaus hatten die Mitarbeiter gerade Steinmeier bedacht. Der Ex-Außenminister, der nun quasi den Sessel tauscht mit dem bisherigen Oppositionsführer, hatte die wohl längste Abschiedsrede an diesem Tag gehalten, an dem es einige Abschiedsreden gab in Ministerien.HarmoniegesäuselEr habe gelernt, dass die Welt zerbrechlicher sei, als es den Anschein habe und dass internationale Partner manchmal unvernünftig große Erwartungen an Deutschland hätten, sagte Steinmeier. Und er gab seinem Nachfolger mit, der müsse in manchen Situationen aushalten, alleine zu stehen, auch gegen Freunde. Westerwelle redet nicht so lange, dafür ist er wohl der, der sich am häufigsten bedankt an diesem Tag, besonders bemüht nicht anzuecken, ganz Diplomat zu sein, vor all den Abwägern vom Dienst. Er tut dabei kund, was er sich zu seinem eigenen Abschied wünscht ("hat sich um das Land verdient gemacht") und lobt Steinmeier, als solle der bleiben, was er ist. Sie können auch nett sein, die Politiker.Ulla Schmidt allerdings ist nicht nach Harmoniegesäusel - in der Gesundheitspolitik gibt es schließlich mit die deutlichsten Gegensätze. Also weist die SPD-Frau ihren FDP-Nachfolger Philipp Rösler darauf ihn, dass sich die Belegschaft des Ministeriums bei aller Loyalität dem Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes verpflichtet fühle. Eine Kopfpauschale mit einem Sozialausgleich über Steuern würde dem klar widersprechen: "Man darf die Menschen nicht zu Bittstellern machen." Doch Loyalität macht tatsächlich flexibel. Rösler ignoriert also Schmidts Bemerkung und lobt statt dessen seine Vorgängerin als starke Führungspersönlichkeit. Den größten Ärger wird er eher mit der CSU haben als mit seinen Beamten. Und die Sicherheitsbeamten haben ihm schon andere Pläne ausgeredet: Rösler hatte verkündet, er wolle mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Das darf er nun nicht. Er muss sich vom Dienstwagen abholen lassen, auch wenn der Weg ins Ministerium nicht weit ist."Ich beneide mich nicht"Ein anderer CDU-Minister tritt seinen Posten mit einem eigentümlichen Geständnis an: Er habe den Finanzminister in den letzten vier Jahren nicht um seinen Job beneidet, sagt Wolfgang Schäuble. "Und jetzt beneide ich mich selbst auch nicht." Er wisse schließlich um die enormen Probleme. Sein Vorgänger Peer Steinbrück sagt, es sei richtig gewesen, in den letzten Jahren nicht nur zu sparen. Für seine Verhältnisse bleibt Steinbrück freundlich. Er sagt nur, er wisse nicht, wie Schäuble Steuersenkungen, Investitionen und Haushaltskonsolidierung gleichzeitig hinbekommen wolle. "Das ist mir schlicht ein Rätsel." Und dann rät er Schäuble noch, in den Finanzverhandlungen mit den Ländern härter zu sein, als er es gewesen sei. Das ist kein netter Rat - die Länder haben gerade schon vorsorglich Geldmangel geschrien.Dort, wo sich niemand in die Opposition verabschieden muss, ist es noch kuscheliger. Im Wirtschaftsministerium lobt FDP-Mann Rainer Brüderle Übergangs-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg ob seiner Strahlkraft und findet nur zu bemängeln: "Wäre schön gewesen, wenn Sie Opel abgewickelt hätten." Das muss Brüderle jetzt übernehmen, aber Amtsübergaben sind keine Zeit für Grundsatzreferate, sondern für launige Sätze. Er habe sich schon nach der Uni im Ministerium beworben, sei aber nicht genommen worden, sagt Brüderle also. "Es hat sich verzögert, nun bin ich da."Der neue Umweltminister Norbert Röttgen traut sich all das nicht, zumindest nicht öffentlich. Bei der Schlüsselübergabe in Bonn sind Journalisten nicht zugelassen. Der neue und der alte Minister wollten mit ihren Mitarbeitern unter sich bleiben, hieß es. Der Neue wollte sich keine Blöße in Sachen Umweltpolitik geben, der alte - Bald-SPD-Chef Sigmar Gabriel - nicht schon wieder nach seiner Partei gefragt werden, kann man mutmaßen.------------------------------Foto: Gelöste Stimmung: Wolfgang Schäuble übernimmt von Peer Steinbrück.Foto: Sag's mit Blumen: Ulla Schmidt und ihr Nachfolger Philipp Rösler.Foto: Blick zurück: Auf Guttenberg (r.) folgt im Wirtschaftsressort Rainer Brüderle.

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