Einkommen sinken im zweiten Quartal trotz geringer Inflation im Schnitt um 1,2 Prozent

Kurzarbeit drückt Reallöhne ins Minus

Ruprecht Hammerschmidt
4 Min

BERLIN. Die Krise hat heftige Verwerfungen bei der Lohnentwicklung zur Folge. Zum zweiten Mal in diesem Jahr stellte das Statistische Bundesamt trotz historisch niedriger Inflation einen Rückgang der Reallöhne fest. Sie seien im zweiten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahresquartal um durchschnittlich 1,2 Prozent gesunken, hieß es. Bereits im ersten Vierteljahr hatten die Reallöhne ein Minus von 0,4 Prozent verzeichnet. Damit dürfte nach Meinung von Experten aber bereits der Tiefpunkt in der Entwicklung erreicht sein. Offen ist, ob Arbeitnehmer im Jahresverlauf ein Minus bei ihren Einkommen verkraften müssen und deshalb die von der Bundesregierung beschlossene Rentengarantie greifen muss. Sie soll das Rentenniveau stabil halten, das an die Lohnentwicklung gekoppelt ist. Bisher war die Regierung davon ausgegangen, dass die Löhne auf Jahressicht nicht sinken werden.Kritik an der StatistikGrund für die geringeren Reallöhne ist in diesem Jahr nicht wie sonst bei solchen Entwicklungen eine hohe Inflation, die ein Lohnplus wieder aufzehrt. Zwischen April und Juni seien die Verbraucherpreise lediglich um 0,3 Prozent gestiegen, hieß es. Die Statistiker machten vielmehr die Folgen der Krise für das Minus verantwortlich. Kurzarbeit und deutlich geringere Sonderzahlungen wirkten sich negativ aus. Insbesondere fehlende Zuschläge - beispielsweise für Schichtarbeit - hätten dazu geführt, dass die Arbeitnehmer sogar nominal weniger verdienten. Um 1,0 Prozent waren laut Statistischem Bundesamt die nominalen Bruttomonatsverdienste gesunken. Ursache für diesen Rückgang seien die um insgesamt 9,2 Prozent niedrigeren Sonderzahlungen. Die Grundvergütungen hätten dagegen im letzten Quartal sogar um 0,9 Prozent zugelegt.Experten kritisieren jedoch, dass die statistischen Zahlen in der Krise wenig aussagekräftig seien. "Die Statistik führt in die Irre", sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der Berliner Zeitung. Betrachte man statt der Monatslöhne die Stundenlöhne, seien diese gestiegen. Hauptursache für das Ergebnis der Statistiker ist aus seiner Sicht das deutlich geringere Arbeitsvolumen. Statt Überstunden extra vergütet zu bekommen, wie noch vor einem Jahr, würden derzeit Arbeitszeitkonten abgebaut oder Kurzarbeit geleistet. Der Ausgleich, den Arbeitnehmer durch das Kurzarbeitergeld erhalten, wurde von den Statistikern bei der Einkommensbeurteilung aber nicht berücksichtigt.Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise hält der Arbeitsexperte vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Hilmar Schneider, das Reallohnminus für das kleinere Übel: "Unter dem Strich ist das Ergebnis in diesem Fall gut", sagte er. Die Alternative zur Kurzarbeit sei nämlich eine höhere Arbeitslosigkeit. Arbeitslose werden bei der Lohnstatistik nicht berücksichtigt. Rechnerisch stiegen somit die Gehälter der regulär Beschäftigten. "Arbeitslose hätten dann aber noch weniger Geld in der Tasche", betonte Schneider. Er erwartet, dass die Reallohnentwicklung nunmehr die Talsohle durchschritten hat. Grund sei, dass die Kurzarbeit zum Jahresende wohl abnimmt. Derzeit arbeiten 1,4 Millionen Arbeitnehmer kurz. Manche Betriebe würden in der Lage sein, demnächst wieder zur regulären Arbeit zurückzukehren, andere müssten entlassen. Beides führe zu einer Steigerung der Reallöhne für diejenigen, die noch Arbeit haben.Die Verdienste sanken im zweiten Quartal aber "nicht auf breiter Front", wie die Statistiker feststellten. Vor allem exportabhängige Branchen traf der Rückgang. So sank der Verdienst im Verarbeitendem Gewerbe um fünf Prozent. Am stärksten waren die Beschäftigten in der Metallindustrie mit Minus zwölf Prozent und in der Autoindustrie mit Minus 8,8 Prozent betroffen. Bei Banken und Versicherungen seien die Sonderzahlungen im Vergleich zum Vorjahresquartal auf ein Fünftel von zuvor einem Viertel der Gesamtvergütung geschrumpft. Profitiert hätten dagegen Arbeitnehmer in den Bereichen Erziehung und Unterricht, deren Verdienst aufgrund der Tariferhöhung um fünf Prozent stieg.------------------------------Der Trend zeigt abwärtsBegriff: Der Reallohn gibt die Kaufkraft der Löhne und Gehälter wieder, also den um die Inflation bereinigten Nominallohn. Dieser ist die tatsächliche Summe des Lohnes.Entwicklung: Trotz überwiegend guter Tarifabschlüsse im Jahr 2008 waren die Reallöhne auch im vergangenen Jahr nur geringfügig gestiegen. Grund war damals die hohe Inflation, die die Lohnsteigerung aufzehrte.------------------------------Grafik: ReallohnindexFoto: Werftarbeiter: Einkommenseinbußen in der Krise.

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