Die nächste Plastikflasche im Kühlschrank könnte aus einem Buchenwald in Mitteldeutschland stammen. Möglich machen soll das eine Fabrik in Leuna, die der finnische Konzern UPM am Donnerstag offiziell eingeweiht hat.
Die Bioraffinerie zerlegt Holz in Grundstoffe, für die die Chemieindustrie bisher Erdöl braucht. Mit einer Jahreskapazität von 220.000 Tonnen ist sie nach Unternehmensangaben die größte Anlage ihrer Art weltweit, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.
Ausgerechnet Leuna. Hier wurde ein Jahrhundert lang aus Kohle und Erdöl Chemie gemacht. Jetzt rollen Holzstämme in den Chemiepark.
So wird in Leuna aus Holz Chemie
Das Holz wird in mehreren Schritten aufgespalten. Heraus kommen vor allem flüssige Zuckerlösungen und Lignin.
Lignin ist der Stoff, der Holz hart macht. Die Papierindustrie verbrennt ihn bisher meist zur Energiegewinnung. In Leuna wird er zum Rohstoff.
Von der PET-Flasche bis zum Autoreifen
Das wichtigste Produkt ist ein Glykol auf Holzbasis. Es ist laut UPM Ausgangsstoff für PET-Flaschen, Verpackungen, Polyester-Kleidung und Kühlmittel für Motoren und Batterien.
Ein zweites Glykol soll in Reinigungsmitteln, Enteisern und Kosmetik landen. Aus dem Lignin entstehen Füllstoffe, die in Autoreifen den bisher üblichen Industrieruß ersetzen sollen.
Im Supermarkt wird davon niemand etwas merken. Die Holz-Glykole lassen sich nach Firmenangaben ohne Umbau in bestehenden Fabriken verarbeiten und ganz normal recyceln.
Woher das Holz für Leuna kommt
Verarbeitet wird vor allem Buchenholz aus der Durchforstung von Wäldern, dazu Reste aus Sägewerken. Es soll aus einem Umkreis von rund 200 Kilometern stammen.
Für Möbel oder den Hausbau tauge dieses Holz ohnehin nicht, sagt UPM. Unabhängig überprüfen lässt sich das bisher nicht.
Ein Teil kommt per Zug. Mit DB Cargo hat UPM eine direkte Gleisverbindung zum Holzplatz eingerichtet.
Kosten zweieinhalbmal so hoch wie geplant
Die Weltpremiere war teuer. Bei der Ankündigung im Februar 2020 sprach UPM von 550 Millionen Euro und einem Start Ende 2022.
Am Ende stehen nach Konzernangaben 1,37 Milliarden Euro auf der Rechnung. Das ist rund zweieinhalbmal so viel.
Fertig ist die Anlage trotzdem nicht. Stabil laufen bisher nur die Zucker und die Spezialchemikalien aus Lignin. Volle Leistung soll Leuna erst 2027 bringen.
Vom DDR-Kombinat zur Holzchemie
Gegründet wurde das Werk 1916 von der BASF, um Ammoniak herzustellen. In der DDR waren die Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ einer der größten Betriebe des Landes und das Herz des mitteldeutschen Chemiedreiecks.
Die Bioraffinerie ist die größte Investition am Standort seit 1997. Damals ging die Ölraffinerie von Elf Aquitaine in Betrieb, die heute zu TotalEnergies gehört.
Für die Region ist das eine seltene gute Nachricht. Gerade wackeln anderswo im Osten Industriejobs, vom VW-Werk Zwickau bis zu den Zulieferern.
Was sich Politik und Konzern erhoffen
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) ist seit der Landtagswahl nur noch geschäftsführend im Amt. Bei der Einweihung sagte er, UPM solle nicht allein bleiben, aber Vorreiter werden. Dafür brauche es weiter Unterstützung aus Berlin und Brüssel.
UPM-Chef Massimo Reynaudo sprach von einer „wegweisenden Investition“. Der Konzern will neue Märkte erschließen und die Abhängigkeit von importierten fossilen Rohstoffen verringern.
Ob sich die 1,37 Milliarden Euro rechnen, zeigt sich erst unter Volllast. Also frühestens 2027.
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