Elektronischer Ausweis für Krankenversicherte könnte teurer als erwartet werden / IT-Fachkräfte rechnen mit verzögertem Start

Neue Zweifel an Gesundheitskarte

Timot Szent-Ivanyi Thomas Wendel
3 Min

BERLIN, 2. November. Über Kosten und Termin für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist am Dienstag Streit entbrannt. Während Bundessozialministerin Ulla Schmidt (SPD) fest hält an ihrer Einschätzung, die Gesamtkosten für das Projekt werden maximal 1,3 Milliarden Euro betragen, widersprachen dem Ärztevertreter sowie Informationstechnologie-Experten. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte sei derzeit noch "völlig unausgegoren", erklärte etwa der Ärzte-Verband NAV Virchow Bund. "Dass die Gesundheitskarte mehr kosten wird, als 1,0 oder 1,4 Milliarden Euro, ist klar", sagte der Marketing-Direktor des Darmstädter Softwareanbieters Intersystems, Michael Ihringer, der Berliner Zeitung. Der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl, bezifferte die Umrüstkosten je Arztpraxis auf im Schnitt 2 000 Euro. Auf die 124 000 Arztpraxen kämen somit rund 250 Millionen Euro zu, die über Zuschläge auf Behandlungsentgelte ausgeglichen würden.Schmidt hält an Planung festMinisterin Schmidt sagte, sie sehe keinen Grund, von der Ausgabenschätzung in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro abzurücken. Offenbar werde versucht, die ohnehin nötige Modernisierung der Computeranlagen in Krankenhäusern und Praxen in die Kostenrechnung der Gesundheitskarte einzubeziehen. "Das kann aber der Karte nicht zugeschlagen werden", sagte sie.Die Gesundheitskarte soll 2006 eingeführt werden. Alle rund 80 Millionen gesetzlich und privat Krankenversicherten in Deutschland sollen dann Zug-um-Zug neue Chipkartenausweise erhalten, die anfangs zumindest die Ausstellung eines elektronischen Rezepts erlauben sollen. Später sollen weitere Funktionen wie ein Arzneimittelpass und eine elektronische Patientenakte hinzukommen. Ziel ist die Vermeidung von Doppelbehandlungen, ein besserer Informationsfluss zwischen Ärzten, Apothekern und Krankenkassen sowie eine Senkung der Verwaltungsausgaben.Laut Schmidt sind die Vorbereitungen für die Karte im Zeitplan. Gemäß der Forderung des Ministeriums habe die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen einen neuen Vorschlag für eine straffere Organisation des weltweit größten Projektes der Informationstechnologie vorgelegt. Computer-Spezialisten bezweifelten indes, ob die Karte tatsächlich wie geplant von 2006 an eingeführt werden kann. So sagte der EDV-Verantwortliche einer Berliner Klinik dieser Zeitung, dass die meisten Rahmendaten für das Projekt ungeklärt seien. So sei weder klar, welche Infrastruktur die Krankenhäuser vorhalten müssten noch wie die erforderliche Speicherung von Patientendaten technisch ablaufen solle. Bei der erstmaligen Einführung eines elektronischen Datenaustauschs zwischen Leistungserbringern und Kassen hätte es annähernd zehn Jahre gedauert, bis die Technik bundesweit verfügbar gewesen sei. Intersystems-Sprecher Ihringer wiederum sagte, er rechne für den Jahresanfang 2006 mit rund 100 000 Versicherten, die bereits eine Gesundheitskarte probeweise einsetzen könnten.------------------------------Appell an Kassen // Kritik: Bundessozialministerin Ulla Schmidt forderte am Dienstag die Krankenkassen dazu auf, alle Möglichkeiten zur Kostensenkung zu nutzen. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Kassen immer nur sagen, was nicht geht." Stattdessen sei es nötig, etwa integrierte Versorgungsmodelle anzubieten. Niedrigere Beiträge: Die Ministerin rechnet damit, dass die Kassen am Jahresende einen Überschuss von vier Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Daraus ergebe sich ein Spielraum für Beitragssenkungen von 0,25 Prozentpunkten. Beitragssätze von im Schnitt 14,0 Prozent wären möglich.------------------------------Foto: Auslesbar mittels Taschencomputer: Prototyp der Gesundheitskarte.

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