Die Stickstoffwerke (SKW) Piesteritz in Lutherstadt Wittenberg erleben gerade turbulente Zeiten: Trotz Energiekrise laufen beide Ammoniakanlagen des größten deutschen Düngemittelproduzenten derzeit auf Hochtouren. Geschäftsführer Carsten Franzke warnt jedoch vor einer gefährlichen Preisspirale, die am Ende Verbraucher und Landwirte gleichermaßen treffen könnte. Der Ende Februar ausgebrochene Iran-Krieg und die damit verbundene Blockade der Straße von Hormus haben die ohnehin angespannte Lage auf den Energie- und Rohstoffmärkten weiter verschärft.
„Sollte die Situation so bleiben, wie sie ist, droht eine Spirale in Gang zu kommen, die die Preise weiter verschärft“, warnte Franzke. Als Produzent von Grundstoffchemie sei man gezwungen, die stark gestiegenen Rohstoffkosten bei Erdgas an die Kunden weiterzugeben. „Entsprechend wird auch die Inflation angeheizt – ein Effekt, den wir alle nicht gebrauchen können.“
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Dabei profitiert das Wittenberger Werk derzeit paradoxerweise von der globalen Krise. Stickstoffdünger hat sich weltweit massiv verteuert – allein in der vergangenen Woche seien Preissprünge von 20 bis 30 Prozent verzeichnet worden. Rund ein Drittel des weltweiten seegestützten Düngemittelhandels wird über die Straße von Hormus abgewickelt. Durch deren Blockade ist dieser Transportweg versperrt. Hinzu kommt, dass China keinen Dünger mehr exportiert, weil das Land die Produktion für den Eigenbedarf benötigt. Viele landwirtschaftliche Großhändler setzten daher verstärkt auf regionale Produzenten wie SKW Piesteritz, erklärte Franzke gegenüber MDR Sachsen-Anhalt.
Landwirte in der Zwickmühle
Bei der eigenen Energieversorgung gibt sich der Geschäftsführer vorerst gelassen: „Wir beziehen unser Gas aus Norwegen, den Niederlanden und aus den USA. Da sind die Preise zwar hoch, aber einigermaßen stabil.“ Für die Preisrallye an den Energiemärkten machte er vor allem Spekulanten verantwortlich, die beim Ölpreis „zocken“. Versorgungsengpässe seien aktuell nicht gegeben, allerdings bestehe die Sorge, dass bei einer längeren Blockade der Meerenge Engpässe auf den Weltmärkten auftreten könnten.
Für die Landwirte in der Region stellt die Verteuerung des Düngers ein ernstes Problem dar. Ralf Donath, Bauernpräsident im Landkreis Wittenberg, verwies auf das enge Zeitfenster von vier bis sechs Wochen im Frühjahr, in dem die Grunddüngung erfolgen müsse. „Weniger Dünger, weniger Ertrag“ – diese Faustregel gelte auch langfristig. Donath sprach von einer „dramatischen Entwicklung“, da die Getreide-Verkaufspreise derzeit „unterirdisch“ seien. Bei Weizen, Gerste und Roggen müssten Einbußen von bis zu 40 Prozent verkraftet werden. Manche Landwirte würden den Dünger dieses Jahr daher „sehr, sehr sparsam“ einsetzen.
Parallel zur angespannten Marktlage kündigte der tschechische Konzern Agrofert, Gesellschafter der SKW Piesteritz, Investitionen von rund 120 Millionen Euro in den Agro-Chemie-Park in Piesteritz an. Laut der Staatskanzlei in Magdeburg sollen davon etwa 50 Millionen Euro in die Stickstoffwerke fließen, um neue Projekte zu fördern. Weitere rund 70 Millionen Euro seien für den Ausbau der Produktionskapazität beim ebenfalls zu Agrofert gehörenden Backwarenhersteller Lieken vorgesehen. Seit 2005 hat das tschechische Unternehmen den Angaben zufolge über 1,6 Milliarden Euro in den Standort investiert. Im Agro-Chemie-Park arbeiten rund 2.500 Menschen, weitere 10.000 Stellen in der Region hängen von dem Standort ab.
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Gestiegene Gaspreise und EU-Zölle auf Dünger
Die Investitionszusage kommt nach einer Phase erheblicher wirtschaftlicher Belastungen. Noch Anfang 2025 hatte SKW eine von zwei Ammoniakanlagen für unbestimmte Zeit abgestellt, weil die Produktion schlicht zu teuer war. Allein die Abschaltung kostete das Unternehmen nach eigenen Angaben vier Millionen Euro. Franzke räumte damals ein, dass ein Teil des Weihnachtsgeldes gekürzt und eine Nullrunde mit der Gewerkschaft verhandelt werden musste. „Das kommt schon bei den Leuten an, und sie machen sich natürlich große Sorgen“, sagte der Geschäftsführer.
80 bis 90 Prozent der Produktionskosten bei Düngemitteln entfallen auf Gas. Weil konkurrierende Hersteller aus anderen Ländern deutlich weniger für Energie zahlen, konnte SKW am Markt zeitweise kaum mithalten. Die Auslastung lag nach Angaben des Geschäftsführers seit 2022 nur noch bei 50 bis 60 Prozent im Vergleich zur Vorkriegszeit. Franzke kritisierte, Deutschland sperre zwar die Energiezufuhr aus Russland, importiere aber gleichzeitig Produkte, die mit russischem Gas hergestellt werden. „Damit habe ich nichts erreicht, außer dass ich noch mehr in Russland den Krieg finanziere“, sagte er.
Im Mai 2025 beschloss das Europäische Parlament die Einführung hoher Zölle auf Düngemittel und bestimmte Agrarerzeugnisse aus Russland und Belarus. Die Abgaben sollen in den kommenden drei Jahren schrittweise auf 100 Prozent steigen, was den Handel praktisch zum Erliegen bringen würde. Hintergrund: Seit 2022 ist der russische Düngerimport in die EU sprunghaft angestiegen – allein 2024 um weitere 33 Prozent, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Russland wurde zum wichtigsten Düngerimporteur für die EU und führte seit 2022 rund 6,2 Millionen Tonnen in den Euroraum ein, so die EU-Kommission. Russische Produzenten können Düngemittel dank extrem niedriger Gaskosten zu Dumpingpreisen anbieten.
Chemiebranche unter Druck
In Wittenberg stieß der Beschluss auf Zustimmung. Franzke nannte die Zölle „einen ersten wichtigen Schritt“, betonte aber: „Dies allein wird uns als Wirtschaft nicht retten.“ Er forderte darüber hinaus die Abschaffung der Gasspeicherumlage, die SKW nach eigenen Angaben jährlich 40 Millionen Euro kostet, sowie Reformen bei den CO₂-Zertifikaten und beim Industriestrompreis.
Die aktuelle Belebung im Fall von SKW Piesteritz kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ostdeutsche Chemiebranche strukturell unter Druck steht. Hohe Energie- und Rohstoffkosten in Europa schwächten die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und Asien massiv. Im Zusammenhang mit der „bereits eingesetzten Deindustrialisierung“ stelle der Iran-Konflikt die „schwerste Krise“ für die ostdeutsche Chemiebranche dar. Derzeit seien zwar keine Arbeitsplätze bei SKW Piesteritz durch die aktuelle Krise gefährdet, erklärte Franzke. „Wir bewegen uns alle in der Branche und in der Wirtschaft aber auf sehr dünnem Eis – die Lage ist fragil.“
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