Kultur

Entwaffnung ohne Bloßstellung: Alexander Kluge, der klügste von allen

Alexander Kluge lobte Russland und wurde trotzdem nicht zum Kreml-Knecht degradiert. Sein Wissen machte ihn immun gegen Schmähungen. Nun starb er, mit 94 Jahren.

Michael Maier
4 Min
Alexander Kluge im Jahr 2000

Alexander Kluge im Jahr 2000

© teutopress/imago

Viele Fernsehzuschauer kannten nur seine Stimme: In den Anfängen des Privatfernsehens in Deutschland stach das Sendeformat von Alexander Kluge hervor. Mit seiner Gesellschaft dctp produzierte er Interviews, bei denen er nur aus dem Off zu hören war. Er sprach mit allen, die ihm und seinem getreuen Helfer Michel Gaißmayer vors Mikrofon liefen. Lange vor dem Internet war er der erste Podcaster.

Kluges Fragen waren meist literarische oder lexikalische Aphorismen. Zwischen den Antworten gab es wahllos Textschnipsel mit Zitaten aus Opern oder Romanen. Die Ästhetik, bunt, zufällig, typografisch divers, nahm in erstaunlicher Weise die Kurzatmigkeit der Internet-Ära vorweg.

Alexander Kluge war bereits in seiner Zeit als Fernsehmacher eine intellektuelle Lichtgestalt: Schriftsteller, Filmemacher, Poet, politischer Aktivist – in einer Zeit, in der „links“ noch kein Schimpfwort war, aber auch noch kein Kampfauftrag. Links, das war für die Leute der Generation Alexander Kluge eine Kombination aus Skepsis und Gerechtigkeitsfanatismus, mit einem Schuss Lust am Anarchischen.

Ausgerechnet Kluge sorgte dafür, dass der Siegeszug des Privatfernsehens in Deutschland auch etwas für die Intellektuellen parat hatte, und ganz viel für ihn selbst. Kluge, tief verwurzelt in der SPD, hatte nämlich entdeckt, dass die privaten Sender wie RTL, Sat.1 oder Vox für ihre Lizenz verpflichtet waren, einige Sendeflächen von unabhängigen Dritten bespielen zu lassen. Damit sollte Monopol-Tendenzen entgegengearbeitet, eine Fiktion von Vielfalt aufrechterhalten oder aber einfach das schlechte Gewissen der Politik beruhigt werden, dem Drängen von Bertelsmann und Leo Kirch nachgegeben zu haben.

Alexander Kluge rettet das Privatfernsehen

Kluge ging zur SPD und sagte: „Ich löse euch das Problem!“, und produzierte fortan mehrmals in der Woche sein dctp-Panoptikum. Wegen des Billig-Formats „Interview“ wurde das Programm zu einer Gelddruckmaschine sondergleichen. Zugleich konterkarierten die ganz bewusst intellektuell hochgejazzten Sendungen die mindere Qualität des Privatfernsehens. Dessen Grundsätze hatte der österreichische Medien-Manager Helmut Thoma formuliert: Er erfand die „Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen“. Später gestand er, dass es so etwas nicht gab und er damit einen Trick gefunden hatte, an Werbegelder zu kommen.

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Der zweite Grundsatz war noch wichtiger: „Im Seichten kann man nicht ertrinken“ – so rechtfertigte Thoma die oft unterirdische Qualität. Wegen der hohen Kosten war billiges Programm die einzige Möglichkeit, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Im Umfeld von „Der heiße Stuhl“ und der Halbnackt-Show „Tutti Frutti“ fabulierte Alexander Kluge plötzlich unvermittelt aus dem Off über Clausewitz, Schiller, Adorno oder Adenauer.

Er lieh den Sendern etwas von seinem Profil und machte völlig risikolos Profite: Er musste nämlich nicht um Werbegelder buhlen, sondern bekam fixe Summen von den Sendern. Er war völlig frei zu senden, was er wollte. Er hätte den Bildschirm auch schwarz lassen können. Doch Alexander Kluge war Geschäftsmann und Jurist nur in Nebenberufen. In erster Linie war er Künstler, und als solcher der Ästhetik verpflichtet und die Politik in die Pflicht nehmend.

Der 1932 in Halberstadt geborene Kluge war ein Sammler und An-Deuter, ein Universalkünstler: Das zeigen sein literarischer Erstling „Lebensläufer“ aus dem Jahr 1962; sein Buch „Das fünfte Buch“; sein Film „Die Macht der Gefühle“ aus dem Jahr 1983 oder seine „Chronik der Gefühle“ aus dem Jahr 2000. Er hat nie einen Roman geschrieben, sondern die kleinen Formen zur großen verdichtet. Er wollte im Detail das Ganze zeigen und sparte sich damit das Pathos und die Konstruktion des großen Bogens.

Alexander Kluge: Empathischer Intellektueller

Er gewann Menschen, indem er sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln anstrahlte und jedem das Gefühl gab: Der große Intellektuelle schätzt mich, wow! Meist folgte dann ein hingeworfener Gedanke über einen sowjetischen Komponisten oder eine armenische Künstlerin, die Entwaffnung ohne Bloßstellung, seine Königsdisziplin.

Weil er mit dieser Masche auch viele Gegner für sich einnahm, konnte er auch wider den Stachel löcken. Er setzte sich für die britisch-pakistanische Schriftstellerin Kamila Shamsie ein, als dieser wegen ihres BDS-Engagements der Nelly-Sachs-Preis aberkannt wurde. Niemand zieh Kluge deswegen des Antisemitismus. Er protestierte gegen den russischen Überfall auf die Ukraine, kämpfte jedoch mit Verve gegen die anschwellende Russophobie. Bei Wikipedia läuft er trotzdem nicht als Kreml-Sprachrohr.

Zuletzt legte er den monumentalen „Russland-Kontainer“ vor, eine Liebeserklärung in 1000 Fragmenten an eine europäische Kulturgroßmacht (hier das Interview zum Russland-Kontainer). Das Werk ist so umfangreich und so haptisch, dass man es nicht lesen oder erfassen kann. Also seufzt man, gibt ihm recht und sagt: „Er muss es ja wissen!“ Am 25. März ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren gestorben.

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