Der Weg ins Berufsleben beginnt manchmal mit einem Kindergeburtstag.
Andres Fernandez, damals Anfang 20, brauchte ein Geschenk für seinen kleinen Cousin und kaufte im Discounter ein Päckchen Pokémon-Karten für fünf Dollar. Sie öffneten es gemeinsam. Heraus kam eine Karte im Wert von 100 Dollar.
Der Cousin freute sich. Fernandez rechnete.
Heute führt der Amerikaner aus Miami die Firma MintlyCollects und setzte damit nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 7,8 Millionen Dollar um. Erzählt hat er das dem Wirtschaftsportal Business Insider.
Studium abgebrochen, Frittierjob gekündigt
Der Weg dahin war unglamouröser, als die Zahl klingt. Fernandez schmiss nach einem Semester das BWL-Studium und stand für zehn Dollar die Stunde in einer Croqueta-Bar am Frittierbecken.
Ende 2020 stieg er bei der Livestream-Plattform Whatnot ein, nach eigenen Angaben als einer der ersten fünf Pokémon-Streamer dort. Zweieinhalb Jahre lang zahlte er sich kein Gehalt und streamte sechs Tage die Woche.
Inzwischen beschäftigt er zehn Leute: Freundin, Bruder, Cousin, den besten Freund aus Kindertagen. Wer in dieser Familie nichts mit Pikachu zu tun hat, muss sich schon anstrengen.
16,49 Millionen Dollar für ein Stück Pappe
Fernandez ist dabei der solide arbeitende Teil einer Branche, die jedes Maß verloren hat.
Im Februar versteigerte der Youtuber und Wrestler Logan Paul seine „Pikachu Illustrator“-Karte beim Auktionshaus Goldin. Endpreis: 16,492 Millionen Dollar. Ein Schiedsrichter von Guinness World Records war anwesend und bestätigte den Weltrekord für Sammelkarten.
Die Karte wurde 1998 als Preis eines japanischen Zeichenwettbewerbs vergeben, offiziell 39 Mal. Pauls Exemplar ist das einzige mit der Bestnote PSA 10. Gekauft hatte er es 2021 für 5,3 Millionen – eine Rendite, für die andere Leute Immobilien erwerben und dreißig Jahre warten.
Die Handelskette GameStop teilte danach auf X mit, man werde für diese Karte nicht einmal vier Dollar bieten.
Die „Pikachu Illustrator“-Karte von 1998: Sie wurde als Preis eines Zeichenwettbewerbs vergeben, offiziell nur 39 Mal. Logan Pauls Exemplar brachte im Februar 16,492 Millionen Dollar.
© dpa/Auktionshaus Goldin
Zehn Milliarden Karten pro Jahr – und trotzdem leere Regale
Die Pokémon Company hat im Geschäftsjahr 2025/26 rund zehn Milliarden Karten gedruckt, insgesamt sind es seit 1996 mehr als 85 Milliarden in 16 Sprachen. In einem einzigen Jahr entstanden also mehr Pokémon-Karten, als Menschen auf der Erde leben.
Die Hälfte aller je gedruckten Karten stammt aus den vergangenen vier Jahren. Die Firma druckt schneller, als die Menschheit sich fortpflanzt – und trotzdem sind die Regale leer, weil die Nachfrage selbst diese Mengen übersteigt. In Morrisville in North Carolina entsteht deshalb eine Fabrik allein für den Kartendruck, im Vollbetrieb voraussichtlich ab 2028.
Als Auslöser des jüngsten Schubs gilt in der Szene die Handy-App Pokémon TCG Pocket, die seit Herbst 2024 täglich digitale Päckchen ausschüttet. Millionen Menschen, die nie physische Karten gekauft hatten, lernten dort das Grundprinzip: aufreißen, hoffen, wiederholen. Ein anderes Wort dafür wäre Glücksspiel mit Sammelwert.
PSA kommt mit dem Benoten nicht mehr hinterher
PSA, das weltweit wichtigste Unternehmen für Echtheitsprüfung und Bewertung von Sammelkarten, hat zum 2. Juni mehrere Bewertungsdienste ausgesetzt.
Eine Firma, deren Geschäft darin besteht, Pappe zu benoten und in Plastik einzuschweißen, kommt mit dem Benoten nicht mehr hinterher.
Im Tokioter Elektronikviertel Akihabara handelt derweil ein achtstöckiges Kaufhaus mit den Karten, es heißt ausgerechnet „Halleluja“. Wo früher Kinder ihr Taschengeld ließen, kaufen heute finanzstarke Sammler. Der weltweite Markt für Sammelkartenspiele lag 2025 bei rund 8,4 Milliarden Dollar.
Angekommen ist der Hype auch im deutschen Vorabendprogramm: Im ZDF-„Fernsehgarten“ führte ein Auftritt zweier Sammlerinnen im Juli zu einem Rassismus-Eklat um Moderatorin Andrea Kiewel.
Pokémon-Karten als Diebesgut
Aus Tauschware ist Beute geworden. In Neu-Ulm schlug im Juli ein vermeintlicher Kaufinteressent bei der Übergabe zu und flüchtete nach Polizeiangaben mit Karten im vierstelligen Wert.
Im niedersächsischen Großburgwedel sollen drei bislang unbekannte Täter im Juni auf einem McDonald's-Parkplatz einen Händler mit Pfefferspray attackiert und fünf Pakete mit je 216 Karten mitgenommen haben. Der Bestohlene schlug laut Polizei eine Scheibe des Fluchtwagens ein – und handelte sich dafür ein Ordnungswidrigkeitenverfahren ein.
Was Ihre alten Karten wirklich wert sind
Jetzt die schlechte Nachricht für den Dachboden. Von 85 Milliarden gedruckten Karten sind die allermeisten genau das, wonach sie aussehen: bedruckte Pappe mit Knick in der Ecke.
Geld bringen im Wesentlichen drei Dinge zusammen – Erstauflage aus den späten Neunzigern, tadelloser Zustand, professionelle Bewertung. Fehlt eines davon, bleibt Erinnerungswert.
Und wer jetzt einsteigen will, zahlt heutige Marktpreise, wartet auf Bewertungsdienste, die gerade pausieren, und konkurriert mit zehn Angestellten aus Miami, die 20 Stunden am Tag senden. Fernandez hatte 2020 angefangen, als der Hype noch nicht so groß war.
Der eigentliche Gewinner steht ohnehin fest. Die Pokémon Company verkauft seit 30 Jahren dieselbe Ware an dieselben Leute. Die haben inzwischen nur eine Kreditkarte.
Heute 19 Grad im Norden, 26 im Süden, nachts dichter Nebel: So beginnt der Herbst
Sie spielte für einen Hund im Regen – sechs Jahre später für die halbe Stadt
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]