Grusel-Trend

Er starrt nachts in Fenster: Das neue Internet-Monster von Sachsen-Anhalt

Grusel-Kater in Coswig und Dessau: Wie der Cat-in-the-Hat-Trend auf TikTok entstand und was er mit Slender Man und den Horror-Clowns gemeinsam hat.

5 Min
So harmlos sah er einmal aus: Mike Myers als „Cat in the Hat“ in der Verfilmung „Ein Kater macht Theater“ von 2003. Heute geistert die Figur als Grusel-Kater durch Klassenchats in Sachsen-Anhalt.

So harmlos sah er einmal aus: Mike Myers als „Cat in the Hat“ in der Verfilmung „Ein Kater macht Theater“ von 2003. Heute geistert die Figur als Grusel-Kater durch Klassenchats in Sachsen-Anhalt.

© Imago

Samstagnacht, kurz vor 23 Uhr, Zerbster Straße in Coswig (Anhalt). Vor einem Wohnhaus steht eine Gestalt im Katzenkostüm. In der Hand soll sie einen Knüppel halten. Fast eine halbe Stunde lang soll sie dort gewartet haben.

So schildert es das Polizeirevier Wittenberg. Die Frau im Haus fühlte sich bedroht, die Polizei ermittelt. Wer unter dem Kostüm steckte, ist bis heute unbekannt.

Seit Tagen geistert durch Klassenchats in Sachsen-Anhalt eine Figur mit rot-weiß gestreiftem Zylinder: der „Cat in the Hat“. Er ist das jüngste Monster, das sich das Internet ausgedacht hat. Und wie seine Vorgänger ist er dabei, aus dem Bildschirm herauszusteigen.

Slender Man: Das Monster ohne Gesicht

Die Geschichte der Internet-Monster beginnt im Juni 2009 mit einem Spiel. Im US-Forum Something Awful sollen Nutzer Fotos so bearbeiten, dass sie übernatürlich wirken.

Ein Nutzer namens „Victor Surge“, mit bürgerlichem Namen Eric Knudsen, reicht zwei Schwarz-Weiß-Bilder von spielenden Kindern ein. Im Hintergrund steht eine unnatürlich große, dürre Gestalt im schwarzen Anzug. Sie hat kein Gesicht.

Das ist die Geburt des Slender Man. Tausende Nutzer erfinden Sichtungen dazu, 2018 kommt er sogar ins Kino.

Waukesha 2014: Als der Mythos blutiger Ernst wurde

Am 31. Mai 2014 verlässt der Slender Man das Internet. In Waukesha im US-Bundesstaat Wisconsin locken zwei zwölfjährige Mädchen eine Freundin in ein Waldstück und stechen 19-mal auf sie ein.

Sie wollen der erfundenen Figur ihre Treue beweisen. Das Opfer schleppt sich schwer verletzt bis zu einem Weg, wo ein Radfahrer es findet. Das Mädchen überlebt.

Die beiden Täterinnen werden später wegen psychischer Erkrankung für nicht schuldfähig erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen. Knudsen lässt damals erklären, er sei zutiefst erschüttert.

Horror-Clowns 2016: Der Grusel erreicht Stendal

Zwei Jahre später hat das Grauen eine rote Nase. Ende August 2016 erzählen Kinder in einer Wohnanlage in Greenville im US-Bundesstaat South Carolina von Clowns, die sie nachts aus dem Wald heraus anlocken wollen.

Der örtliche Polizeichef verkündet, das Herumclownen müsse aufhören, und droht Verkleideten mit Festnahme. Zu spät: Bald melden immer mehr Bundesstaaten Clown-Sichtungen.

Im Oktober 2016 erreicht die Welle Deutschland. Horror-Clowns tauchen unter anderem im bayerischen Geiselhöring auf und in Stendal, also schon damals in Sachsen-Anhalt. Die Polizei warnt Nachahmer, dass aus dem Scherz schnell eine Straftat wird.

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Momo: Der Geistervogel aus Tokio

2018 taucht dann das Gesicht auf, das kaum jemand vergisst, der es einmal gesehen hat. Hervorquellende Augen, ein viel zu breites Grinsen: „Momo“.

Kettenbriefe behaupten, Momo schreibe Kindern über WhatsApp und fordere sie zu gefährlichen Aufgaben auf. Anfang 2019 warnen Schulen und Polizeibehörden weltweit. Ein belegter Fall findet sich nicht.

Die Wahrheit ist fast poetisch. Das Gesicht gehört zur Skulptur „Mother Bird“ des japanischen Künstlers Keisuke Aiso, 2016 in einer Tokioter Galerie ausgestellt. Sie stellt eine Figur aus einer japanischen Geistersage dar: eine Frau, die bei der Geburt ihres Kindes stirbt und als Vogelwesen zurückkehrt.

Als die Panik 2019 ihren Höhepunkt erreicht, gibt Aiso der britischen Zeitung The Sun Entwarnung. Die Skulptur aus Gummi sei verrottet, er habe sie weggeworfen. Die Kinder könnten beruhigt sein, sagt er: Momo sei tot, der Fluch gebrochen.

„Cat in the Hat“: Das erste Monster aus der KI

Und jetzt der Kater. Die Figur stammt aus dem Kinderbuch „The Cat in the Hat“ von Dr. Seuss aus dem Jahr 1957. Viele kennen sie aus der Verfilmung „Ein Kater macht Theater“ von 2003 mit Mike Myers.

Ende Juni lädt ein TikTok-Nutzer einen Clip hoch, in dem Myers zu düsterer Musik tanzt. Laut Euronews kommt das Video binnen einer Woche auf mehr als 4,4 Millionen Aufrufe.

Dann übernimmt die KI. Plötzlich tauchen Bilder auf, die den Kater nachts vor Häusern und in Einfahrten zeigen. Sie sehen aus wie echte Handyfotos. Im August stellt die Polizei im irischen Wexford klar, dass sie gefälscht sind, und beschriftet ihr eigenes Beispielbild mit „AI GENERATED“.

Grusel-Kater in Sachsen-Anhalt: Sogar das Warnbild ist KI

Mitte September erreicht die Welle Sachsen-Anhalt. Accounts wie „Dessau_Spotting“ warnen vor Sichtungen in Dessau-Roßlau, Wittenberg, Coswig und Gräfenhainichen.

Das meistgeteilte Bild zeigt den Kater auf einem Autodach. Das Faktencheck-Portal Mimikama hat es zurückverfolgt: Es kursierte schon Anfang September in Beiträgen aus den USA und aus Kanada.

Viele der Bilder seien offenbar KI-generiert, teilte die Polizeiinspektion Dessau-Roßlau mit. Auch ihr eigenes Warnbild hat sie mit KI erzeugt.

In Zerbst rückte die Polizei nach einer gemeldeten Sichtung an eine Schule aus. Ob der Vorfall in Coswig mit dem Trend zusammenhängt, ermittelt die Polizei. Die OAZ hatte über die Warnung der Polizei bereits berichtet.

Ein reines Ost-Phänomen ist der Kater übrigens nicht. Auch aus dem saarländischen Völklingen werden angebliche Sichtungen gemeldet.

Warum Internet-Monster so gut funktionieren

Alle diese Figuren folgen demselben Bauplan. Sie nehmen etwas Vertrautes und verzerren es. Und sie tauchen dort auf, wo Kinder sich sicher fühlen: vor dem Kinderzimmerfenster und im eigenen Handy.

Slender Man brauchte noch ein Forum und Geschick mit Photoshop, Momo einen Kettenbrief. Der Kater bekommt sein Beweisfoto per KI in Sekunden geliefert, samt Ortsnamen, den jeder kennt.

Den Rest erledigen Klassenchats, in denen niemand nach der Quelle fragt. Und ein einziger echter Fall wie in Coswig reicht, um alle Fälschungen glaubwürdig wirken zu lassen.

Die Polizei rät Eltern, mit ihren Kindern zu reden. Wer selbst im Kostüm loszieht, riskiert eine Anzeige, etwa wegen Bedrohung. Wer verfolgt wird, wählt die 110.

Keines dieser Monster hat je existiert. Die Menschen, die in ihre Kostüme schlüpfen, schon.

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