Der britische Premierminister Keir Starmer hat im Fall des getöteten Studenten Henry Nowak „ernste Fragen" an die Polizei gerichtet. Bodycam-Aufnahmen vom Tatort hätten ihn „erschüttert“, sagte Starmer in einer Videobotschaft im Onlinedienst X am Dienstag.
Der 18-jährige Student aus Southampton war am 3. Dezember 2025 nach einem Abend mit seiner Fußballmannschaft auf dem Heimweg mit einem 21 Zentimeter langen Messer erstochen worden. Täter war der 23-jährige Vickrum Digwa, der am Montag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit einer Mindestverbüßungszeit von 21 Jahren verurteilt wurde. Das teilte das britische Innenministerium mit.
Der Täter hatte laut dem britischen Guardian vor Gericht angegeben, das Messer aus religiösen Gründen als Teil seines Sikh-Glaubens getragen zu haben – eine Darstellung, die die Staatsanwaltschaft als Schutzbehauptung zurückwies, da Digwa bereits einen kleinen zeremoniellen Kirpan unter der Kleidung getragen habe.
Nowak in Videoaufnahmen: „Ich kann nicht atmen“
Die in dieser Woche veröffentlichten Polizeiaufnahmen zeigen, wie eintreffende Beamte zunächst dem Täter Glauben schenkten. Digwa hatte behauptet, Opfer eines rassistischen Angriffs geworden zu sein, bei dem Nowak ihm den Turban heruntergerissen habe. Auf den Aufnahmen ist zu hören, wie der Student mehrfach sagt: „Ich kann nicht atmen“ und „Ich wurde niedergestochen“. Die Polizei legte dem schwer verletzten Nowak dennoch Handschellen an. Kurz darauf starb er an einer Stichverletzung am Herzen.
„Als Vater eines 17-jährigen Sohnes ist mir beim Anschauen schlecht geworden“, sagte Starmer. Es müsse geklärt werden, wie die Rassismus-Vorwürfe die Entscheidungen der Beamten beeinflusst hätten. Die unabhängige Polizeiaufsichtsbehörde IOPC ermittelt nach Angaben von Innenministerin Shabana Mahmood in dem Fall und soll binnen drei Monaten Ergebnisse vorlegen. Ein beteiligter Beamter habe inzwischen gekündigt, teilte die Polizei von Hampshire mit.
Streit über „Zwei-Klassen-Polizei"
Die Konservativen und die rechte Partei Reform UK werfen der Polizei im Nachgang des Falls eine „Zwei-Klassen-Justiz“ vor. Reform-Chef Nigel Farage sprach von einem Beleg für ein „Zwei-Klassen-Großbritannien“ und rief zu „purer, kalter Wut“ auf. Starmer wies dies zurück. Farages Reaktion sei „völlig falsch“ und schüre Spaltung. Die Familie Nowak habe ausdrücklich darum gebeten, den Fall nicht für politische Zwecke zu instrumentalisieren.
Innenministerin Mahmood warnte vor einer „gefährlichen Unterströmung“. Ein nicht an dem Fall beteiligter Polizeibeamter sei online fälschlich identifiziert worden und habe nach Morddrohungen umziehen müssen.
Großbritannien kenne keine Kollektivstrafe, sagte Mahmood zudem mit Blick auf die Sikh-Gemeinschaft. Die Staatsanwaltschaft hatte im Prozess betont, es handele sich weder um einen Fall von Sikhismus noch von Rassismus, sondern um Mord.
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