Weltraumbiologie

„Erster Fall“: Wüstenmoos erwacht laut chinesischer Expedition im Erdorbit wieder zum Leben

Ein getrocknetes Wüstenmoos ist laut Forschern im Orbit wieder ergrünt. Der Test lief in einer Kapsel. Taugt es für den Mars?

5 Min
Sonde Curiosity auf dem Mars: Kann das Wüstenmoos Syntrichia caninervis hier Grundlagen für eine Besiedelung schaffen?

Sonde Curiosity auf dem Mars: Kann das Wüstenmoos Syntrichia caninervis hier Grundlagen für eine Besiedelung schaffen?

© Curiosity/imago

Eine getrocknete Moosprobe hat laut einer chinesischen Forschungsexpedition einen Aufenthalt im Erdorbit überstanden und ist dort nach einer sparsamen Wassergabe wieder ergrünt. Das Wüstenmoos Syntrichia caninervis wechselte dabei die Farbe von grau-schwarz zu gelb-grün.

Das berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua über die Abschlussergebnisse der dritten wissenschaftlichen Xinjiang-Expedition, die am Samstag in Urumqi vorgestellt wurden, der zweitgrößten Stadt im Nordwesten Chinas. Die Forscher bezeichnen die Art als „widerstandsfähigste Wüstenpflanze, die bislang gefunden wurde“.

Für Laien klingt das nach Science-Fiction und eher abstrakt. Für die Weltraumbiologie ist es ein Testlauf zur Frage, ob getrocknetes Moos als Baustein kleiner, regenerierbarer Ökosysteme im All dienen könnte.

Was mit dem Wüstenmoos im Qingzhou-Experiment geschah

Den Anlass liefert ein Versuch aus dem Frühjahr. Im März 2026 brachte der chinesische Testfrachter Qingzhou getrocknete, vollständige Moospflanzen in eine niedrige Erdumlaufbahn.

Nach Angaben des beteiligten Xinjiang-Instituts für Ökologie und Geographie steckten die Proben in einer geschlossenen, technisch kontrollierten Kulturkammer. Ein System dosierte eine winzige Menge Wasser.

Die Forscherin Li Xiaoshuang (links) bespricht mit einer Studentin in Ürümqi, China, die Widerstandsfähigkeit des Wüstenmooses Syntrichia caninervis gegen extreme Umweltbedingungen.

Die Forscherin Li Xiaoshuang (links) bespricht mit einer Studentin in Ürümqi, China, die Widerstandsfähigkeit des Wüstenmooses Syntrichia caninervis gegen extreme Umweltbedingungen.

© Xinhua/imago

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Daraufhin rehydrierten die ausgetrockneten Pflanzen, verfärbten sich und nahmen laut den Forschenden wieder Wachstum auf.

Neu ist die Meldung allerdings nur bedingt. Der Orbitalversuch war bereits Ende Juni 2026 öffentlich bekannt gegeben worden. Die aktuelle Präsentation bündelt ihn mit dem Abschluss der fünfjährigen Expedition, die 2021 vom chinesischen Wissenschaftsministerium gestartet wurde.

Kein Test im offenen Weltraum – worauf Forschende hinweisen

Eine Einschränkung geht in vielen Schlagzeilen unter: Das Moos war nicht ungeschützt dem Vakuum, der UV-Strahlung und den Temperaturschwankungen des freien Weltraums ausgesetzt.

Die Pflanzen befanden sich in einer eigens entwickelten Kapsel. Getestet wurde also die Reaktivierung einer getrockneten Pflanze innerhalb eines kontrollierten Nutzlastsystems.

Wie hoch die Strahlendosis während des Fluges tatsächlich war, ist den zugänglichen Quellen zufolge bislang nicht in Zahlen veröffentlicht. Die rund 600 Kilometer hohe Bahn liegt zudem weiter im Schutzbereich des Erdmagnetfelds.

98 Prozent Wasserverlust und minus 196 Grad: Die Laborwerte

Ein Großteil der oft zitierten Extremwerte stammt nicht aus dem Orbit, sondern aus früheren Bodenversuchen. Dokumentiert wurden sie in einer 2024 im Fachjournal The Innovation veröffentlichten Studie.

Demnach übersteht das getrocknete Moos einen Verlust von mehr als 98 Prozent seines Zellwassers. Es regenerierte nach fünf Jahren Lagerung bei minus 80 Grad Celsius sowie nach bis zu 30 Tagen bei minus 196 Grad.

Auch hohe Gammastrahlung steckte es weg. Die geschätzte halbletale Dosis lag laut Studie bei rund 5000 Gray. Eine moderate Dosis um 500 Gray schien das Wachstum in den Versuchen sogar anzuregen.

Eine im Oktober 2026 veröffentlichte Studie stützt die Austrocknungstoleranz zusätzlich: Getrocknete Triebe hätten demnach sogar nach 17 Jahren wieder photosynthetische Aktivität entwickelt.

Warum der Mars-Vergleich zu weit greift

Eine Begrünung des Mars ist derzeit aber noch fragwürdig. Simulierte Marsbedingungen – rund 650 Pascal Druck, etwa 95 Prozent CO₂, starke Temperaturwechsel und UV-Strahlung – überstand das Moos im Labor nur wenige Tage.

Das spätere Wachstum wurde anschließend unter normalen irdischen Bedingungen beurteilt. Ein Nachweis dauerhaften Wachstums unter echten Marsbedingungen ist das nicht.

Das Wüstenmoos Syntrichia caninervis stammt unter anderem aus der Gurbantunggut-Wüste in Xinjiang und bildet dort Teile biologischer Bodenkrusten.

Das Wüstenmoos Syntrichia caninervis stammt unter anderem aus der Gurbantunggut-Wüste in Xinjiang und bildet dort Teile biologischer Bodenkrusten.

© Sheri Hagwood, hosted by the USDA-NRCS PLANTS Database

Eine niedrige Erdumlaufbahn ist außerdem kein Mars-Analog. Marsregolith, Perchlorate, Nährstoffmangel und dauerhaft niedriger Druck wurden im Orbit nicht gemeinsam getestet.

Was der „erste Fall“ laut Li Xiaoshuang wirklich bedeutet

Forscherin Li Xiaoshuang vom Xinjiang-Institut wird mit einem markanten Satz zitiert: „Dies ist der erste Fall, in dem eine vollständige Pflanze in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht und erfolgreich wiederbelebt wurde.“

Es ist nicht die erste Pflanze im All. Gewächse wurden dort seit Jahrzehnten kultiviert, und auch die Nasa betreibt mit dem Projekt Artemoss entsprechende Forschung auf der Raumstation.

Welchen Nutzen das Wüstenmoos haben könnte

Über den Weltraum hinaus verfolgt die Forschung vor allem konkrete Anwendungsszenarien – breit etabliert ist bislang keines davon.

Am greifbarsten ist laut den Quellen die Bodenkrusten-Forschung. Auf gestörten Wüstenflächen könnte vermehrtes Moos als Teil einer biologischen Bodenkruste ausgebracht werden, die die Oberfläche zusammenhält und Staub- sowie Winderosion verringert. Ob das am jeweiligen Standort dauerhaft funktioniert, müsse aber erst geprüft werden.

Denkbar wäre das Moos zudem als Vorstufe einer Rekultivierung. Eine etablierte Moos-Kruste könnte ein erster Schritt sein, bevor andere heimische Pflanzen auf kahlen Trockenflächen wieder Fuß fassen – nicht als Ersatz für fruchtbaren Ackerboden.

Ein zweiter Ansatz liegt im Erbgut. Einzelne Moos-Gene lassen sich auf Nutzpflanzen übertragen: Das Gen ScALDH21 erhöhte in mehrjährigen Feldversuchen die Widerstandskraft gentechnisch veränderter Baumwolle gegen die Verticillium-Welke. Unter Infektionsdruck fiel der Ertrag der veränderten Linien rund 23,8 Prozent höher aus.

Belegt ist damit allerdings eine Krankheitsresistenz bei veränderter Baumwolle, keine allgemein höhere Dürretoleranz aller Kulturpflanzen. Die Trockenstarre des Mooses eins zu eins auf ertragreiche Feldfrüchte zu übertragen, ist bislang nicht gelungen.

Und schließlich bleibt der Weltraum-Bezug: Getrocknetes Moos ließe sich platzsparend transportieren und später in einer Kapsel bewässern – ein möglicher Baustein für kleine, regenerierbare Ökosysteme an Bord. Eine einsatzfertige Mars-Begrünung ist das ausdrücklich nicht.

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