Die Eckdaten klingen beeindruckend. Mehr als 570 Spiele hat Carsten Straube in der Basketball-Bundesliga (BBL) gepfiffen. In zehn Jahren als internationaler Schiedsrichter leitete er Partien bei Welt- und Europameisterschaften und stand mit den größten Stars auf dem Feld. Doch seit sechs Wochen läuft die BBL-Saison erstmals seit 17 Spielzeiten ohne ihn. Im Sommer hat Straube seine Pfeife abgelegt.
Nicht, weil ihm die Leidenschaft abhandengekommen wäre. Sondern weil er dem Basketball künftig auf andere Weise dienen will. „Es hat mir natürlich das Herz gebrochen“, sagt der 42-Jährige über seinen Abschied. Basketball sei seine Passion gewesen, die Schiedsrichterei habe ihm viele Möglichkeiten eröffnet: Reisen in Länder, in denen er sonst wohl nie Urlaub gemacht hätte, und Freundschaften mit Menschen aus aller Welt.
Carsten Straube hat in Zerbst mit Basketball begonnen
Seit Juni ist Straube Vizepräsident des Deutschen Basketball-Bundes, zuständig für das Trainer- und Schiedsrichterwesen. „Die Motivation dahinter ist eigentlich, etwas zurückzugeben und was Neues zu implementieren.“
Straube ist in Zerbst in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und lebt dort bis heute. Mit zwölf Jahren begann er, Basketball zu spielen, durchlief in seinem Heimatverein sämtliche Altersklassen. Mit 1,94 Metern ist er für einen Basketballer eher klein. Der Traum, irgendwann ganz oben mitzuspielen, war trotzdem da. Doch dann sei die Realität dazwischengekommen.
So kennen ihn viele Basketball-Vereine und Zuschauer: Carsten Straube als Schiedsrichter in einem Bundesligaspiel.
© G. Santemiz/Eibner-Pressefoto/imago
Also probierte Straube anderes aus: Er machte seinen Trainerschein, engagierte sich als Staffelleiter beim Basketballverband Sachsen-Anhalt – mit gerade einmal 16 Jahren – und begann zu pfeifen. Der Auslöser war eine Schiedsrichterentscheidung, die ihm als Spieler nicht gefallen hatte. „Mensch, das kriege ich irgendwie besser hin“, dachte er damals. Jahre später muss er über sich selbst lachen. „Das, was damals gepfiffen wurde, so würde ich es jetzt auch machen, mit viel Erfahrung.“
Nach dem Abitur widmete er sich der Schiedsrichterei intensiver. Er lernte schnell und stieg zügig auf. Nach fünfeinhalb Jahren stand er erstmals in der Bundesliga auf dem Feld.
Carsten Straube ist der Mann mit dem Allroundblick
Thomas Schaarschmidt kennt Straube seit knapp 20 Jahren. Der frühere Vorsitzende des Basketballverbandes Sachsen-Anhalt holte ihn 2012 als Vizepräsident in den Vorstand. Aus der Bekanntschaft wurde eine enge Freundschaft.
„Er kann unglaublich gut über den Tellerrand gucken“, sagt Schaarschmidt. „Er hat immer schon so einen Allroundblick gehabt. So etwas brauchst du als Vorsitzender, dass du die verschiedenen Perspektiven sehen kannst.“
2022 übernahm Straube schließlich selbst den Vorsitz des Landesverbandes. Vier Jahre führte er ihn, bevor er Ende August auch dieses Amt niederlegte, um sich auf den DBB zu konzentrieren. Schaarschmidt beschreibt ihn als zielstrebig, hilfsbereit und ausgesprochen lösungsorientiert.
Auch auf dem Feld war Kommunikation eine seiner größten Stärken. Mal brauche es ein deutliches Wort, mal Verständnis, mal müsse er eine Beschwerde ignorieren. Auch sein Studium der Geistig- und Körperbehindertenpädagogik half ihm dabei.
Zehn Jahre arbeitete Straube an einer Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung. 2020 wechselte er ins Bildungsministerium Sachsen-Anhalt, weil sich die Tätigkeit dort besser mit den vielen Reisen für den Basketball vereinbaren ließ. Heute ist er Landesschulsportkoordinator und verantwortet den außerunterrichtlichen Schulsport in Sachsen-Anhalt.
Auf Kommunikation mit Spielern großen Wert gelegt
Auf dem Spielfeld legte Straube Wert darauf, zu den Spielern eine Beziehung aufzubauen. Nicht, um mit ihnen befreundet zu sein, sondern um in schwierigen Momenten miteinander reden zu können. „Dem einen kann ich das mit einem Klaps auf die Schulter sagen, weil wir uns kennen, und andere musst du auch anders anpacken.“ Er scheute sich auch nicht, eigene Fehler zuzugeben. „Ich habe sehr klar kommuniziert, wenn ich mal einen gemacht habe.“
Denn Fehler gehören zum Schiedsrichterjob. „Jeder Schiedsrichter macht in jedem Spiel Fehler. Es ist egal, auf welchem Niveau“, weiß Straube. Am Anfang habe er strittige Entscheidungen mit nach Hause genommen und sich tagelang den Kopf zerbrochen. Mit der Erfahrung sei die Ruhe gekommen.
Straube schaute sich komplizierte Szenen erneut an und analysierte seine Entscheidungen. Dazu gehörte eine intensive Vorbereitung: Er pfiff zwei bis drei Partien pro Woche, trainierte regelmäßig. Nach jedem Spiel gab es ein Coaching mit einem Schiedsrichterbetreuer.
„Wie viel Arbeit dahintersteckt“, werde von Zuschauern am meisten unterschätzt, meint Straube. Vor allem die Vor- und Nachbereitung und die Fähigkeit, sich auf dem Feld in eine Situation hineinzuversetzen. „Das kann nur jemand, der das auch mal gemacht hat – vor allem auf hohem Level.“
Die größten Prüfungen warteten international. 2019 wurde Straube für die Weltmeisterschaft in China nominiert, sein erstes großes Herrenturnier dieser Art. Später kamen zwei Europameisterschaften der Männer und die Europameisterschaft der Frauen hinzu. Doch China war etwas anderes. Die Nervosität vor dem ersten Spiel war groß.
„Es ist ein ganz anderes Level, auf dem Basketball gespielt wird und wie Leute auf einen gucken“, erinnert er sich. Bei einer Weltmeisterschaft wird jede Szene seziert. Die Schiedsrichtertrainer und Verantwortlichen des Weltverbandes schauen genau hin, dazu kommen unzählige Fernsehperspektiven.
Plötzlich vor 14.000 Zuschauern in Berlin auf dem Parkett
Mit der Zeit lernte Straube, den Druck auszublenden. Selbst als er in der Berliner Uber-Arena vor 14.000 Zuschauern pfiff, wurde die Kulisse irgendwann nebensächlich. Zu den Höhepunkten seiner Laufbahn zählt er Spiele mit NBA-Stars wie Giannis Antetokounmpo, Nikola Jokić und Victor Wembanyama.
Ein besonderes Erlebnis war die Olympia-Vorbereitung des US-Teams 2024 in London. LeBron James, Stephen Curry, Kevin Durant, Anthony Davis und Anthony Edwards standen damals auf dem Feld. „Irgendwie alle da, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Das war schon cool.“
Aber auch Anfeindungen gehörten dazu. Auf Facebook habe er immer wieder Nachrichten bekommen, er sei blind und solle seine Pfeife an den Nagel hängen. Doch Straube lernte, solche Kommentare einzuordnen. „Das geht nicht gegen Carsten als Mensch, sondern das geht erst mal gegen die Rolle ‚Carsten im grauen Shirt als Schiedsrichter‘.“
Schwieriger waren andere Momente: als Straube nach einer guten Saison nicht für das Finale nominiert wurde oder die Entscheidungen der Verantwortlichen nicht nachvollziehen konnte. Dabei sein sei immer seine größte Motivation gewesen. Doch es gab Phasen, in denen er ans Aufhören dachte.
Mehr als 570 Spiele hat Carsten Straube allein in der Basketball-Bundesliga gepfiffen, dazu kamen zahlreiche internationale Spiele und Turniere.
© Hartmut Boesener/imago
Dass er nun selbst Verantwortung für die Strukturen übernimmt, ist auch diesem Hintergrund geschuldet. Straube weiß, wie es sich anfühlt, auf eine Nominierung zu hoffen, auf Feedback zu warten und nicht zu verstehen, warum der nächste Schritt ausbleibt. In seiner neuen Rolle will er mehr Klarheit schaffen. „Ich möchte in der Position agieren, weil ich glaube, dass man mit Leuten anders umgeht und sie klarer über die Saison begleitet, damit jeder weiß, woran er ist.“
Dabei hätte er durchaus weitermachen können. „Ich hätte locker noch sechs, acht, zehn Jahre pfeifen können“, sagt Straube. Doch irgendwann stand er vor einer Entscheidung. Im System habe er gesehen, was gut laufe und was sich verbessern lasse. Er habe tausend Ideen gehabt. Als sich die Tür zum DBB öffnete, musste er sich fragen, ob er seine bisherige Karriere fortsetzen oder dem Sport etwas zurückgeben wolle.
Deutsches Schiedsrichterwesen professionalisieren
Aus Compliance-Gründen war der Schritt konsequent. Wer als Vizepräsident für das Schiedsrichterwesen verantwortlich ist, kann nicht gleichzeitig selbst Spiele leiten. „Deswegen habe ich sprichwörtlich die Pfeife an den Nagel gehängt, ohne es wirklich zu machen“, sagt Straube. Denn ganz loslassen will er die Schiedsrichterei nicht. Seine neue Aufgabe ist gewissermaßen eine Fortsetzung.
Straube will das Schiedsrichterwesen in Deutschland professionalisieren, die Ausbildung verbessern und mehr Frauen dafür gewinnen. Außerdem sollen mehr deutsche Unparteiische den Sprung auf die internationale Bühne schaffen. Sein Ziel ist klar: „Dass wir bei jeder WM und bei Olympia immer einen deutschen Schiedsrichter dabei haben.“
Schaarschmidt hält den Schritt zum DBB für folgerichtig. Gleichzeitig weiß er als langjähriger Wegbegleiter, wie schwer der Abschied gewesen sein muss: „Die Schiedsrichterei war sein Leben.“
Doch es gibt auch ein Leben abseits des Spielfeldes, das lange zu kurz kam. Straube war viel unterwegs, und er mochte das. Familie und Freunde mussten sich oft nach dem Spielplan richten. Schaarschmidt erinnert sich an eine Begebenheit auf Straubes Hochzeit, als sein Bruder scherzte, dass Straube bei dessen Hochzeit wegen eines Spiels gefehlt hatte. „Da hat Carsten gelernt, dass er was ändern muss.“ Inzwischen ist Straube Vater von Zwillingen.
Carsten Straube wird einstimmig in den DBB gewählt
Als Straube zum DBB-Vizepräsidenten gewählt wurde, saß Schaarschmidt im Saal. Er habe seinen Freund dabei so emotional erlebt wie selten. Die Wahl fiel einstimmig aus. „Carsten ist jemand, den du im Team haben willst, wenn es ums Ganze geht“, findet Schaarschmidt. Ein Heldenporträt wolle er nicht zeichnen, aber „er ist schon im deutschen Basketball eine wirklich interessante Figur“.
Die erste BBL-Saison ohne Carsten Straube läuft seit ein paar Wochen. Statt selbst auf dem Parkett für Ordnung zu sorgen, will er heute die nächste Generation darauf vorbereiten. Schaarschmidt traut ihm noch viel zu: „Ich sehe ihn in fünf oder zehn Jahren weiter die Geschicke des deutschen Basketballs entscheidend mitbestimmen. Definitiv. Wenn er das will und wenn ihm das weiter wichtig ist.“
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