Um Punkt 18 Uhr explodiert der Festsaal Kreuzberg. Auf den Bildschirmen erscheinen die ersten Prognosen, Menschen schreien, klatschen, reißen die Arme hoch. „Elif, Elif“, ruft die rote Menge. Der Saal ist zu diesem Zeitpunkt längst überfüllt. Die Linke liegt deutlich vorn. Die ARD sieht sie zunächst bei 24,5 Prozent – mehr als doppelt so viel wie bei der Wiederholungswahl 2023, als sie 12,2 Prozent holte. Erstmals zeichnet sich damit ein Sieg der Linken bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl ab.
Elif Eralp (M.), Spitzenkandidatin der Linken, wartet mit Anhängern im Festsaal Kreuzberg auf die erste Prognose.
© Sebastian Gollnow/dpa
Erst Spott, dann Jubel
Je näher 18 Uhr rückt, desto voller wird der Festsaal. Die Moderatoren machen sich auf der Bühne über Warnungen und Vorwürfe gegen die Partei lustig. Tweets werden vorgelesen, in denen von Hamas und Islamismus die Rede ist oder davor gewarnt wird, Berlin könne unter der Linken sozialistisch werden. Im Saal gibt es Gelächter und tosenden Applaus. Auch ein Wahlplakat von Stefan Evers muss für Spott herhalten.
Auf der Bühne begründet die Landesvorsitzende Kerstin Wolter den am Abend absehbaren Erfolg der Linken mit den Worten: „Die Linke Berlin ist eine Marke“. Tatsächlich hat die Partei eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich: Nach jahrelanger Krise und der Abspaltung des BSW gelang ihr bei der Bundestagswahl 2025 das Comeback.
Dann kommen die Zahlen und der Jubel wird ohrenbetäubend. Noch zehn Tage vor der Wahl hatte die Linke in der ARD-Vorwahlumfrage bei 21 Prozent gelegen. Nun liegt sie deutlich darüber. Die Linke hat es geschafft – mit Elif Eralp. Doch nicht alle scheinen von der Bürgermeisterkandidatin überzeugt.
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Freudentränen, doch nicht bei allen
Ein Linken-Mitglied aus Brandenburg reagiert verhalten, als die Berliner Zeitung ihn auf Eralps Sieg anspricht. Über die Spitzenkandidatin wolle er lieber nichts sagen: Er habe sie schließlich nicht gewählt. Über das Berliner Ergebnis freut er sich trotzdem.
Neben ihm steht eine Frau, die seit 21 Jahren bei der Linken in Pankow aktiv ist: Sie weint vor Freude. Eralp sei für sie eine Hoffnungsträgerin. Besonders schätze sie, dass die Spitzenkandidatin die Arbeit der Basis würdige und deutlich mache, dass dieses Ergebnis nicht ihr allein gehöre, sondern von Tausenden Wahlkämpfern erarbeitet worden sei, sagt sie der Berliner Zeitung.
Tosender Applaus, als die ersten Prognosen auf den Bildschirmen im Festsaal Kreuzberg gezeigt werden.
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
„Es ist die Hoffnung“
Dann kommt sie auf die Bühne – die Frau, auf die im Saal alle warten. Elif Eralp hält ihre Siegerrede. „Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen es zu einem besseren Ort“, ruft sie ihren Anhängern zu. Sie dankt den rund 19.000 Mitgliedern ihrer Partei und den vielen Wahlkämpfern. „Es ist die Hoffnung, die die Menschen mit uns verbunden haben.
Eralp erzählt den Erfolg auch als persönliche Geschichte. „Es ist nicht vorgesehen, dass jemand wie du oder ich Bürgermeisterin wird“, sagt sie. Menschen sollten unabhängig davon, woher sie kommen, woran sie glauben, wen sie lieben oder wie viel sie verdienen, in Würde leben können. „Diese gemeinsame Vision hat gewonnen.“
Dann wird es sozialpolitisch. Menschen hätten es nicht verdient, „an der Supermarktkasse zu stehen und nicht zu wissen, wie sie den Einkauf bezahlen sollen“. Sie hätten es auch nicht verdient, „mit Sorge ins Bett zu gehen, weil sie nicht wissen, wie sie die Mieterhöhung bezahlen sollen“.
Elif Eralp: „Denn dieser Kampf ist nicht allein unser Kampf, er ist unser aller Kampf.“
© Jana Hermann/Berliner Zeitung
„Endlich eine von uns“
Ausführlich dankt Eralp Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Sie spricht von früheren Gastarbeitern, die Berlin und Deutschland mit aufgebaut hätten, von migrantischen Communitys und ihrer eigenen Familie. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht, weiterzukämpfen und niemals aufzugeben. Verwandte in der Türkei hätten während des Wahlkampfs für sie gebetet.
Manche hätten sich durch ihre Kandidatur erstmals repräsentiert gefühlt und gesagt: „Endlich eine von uns.“ Mehrfach spricht Eralp einige Worte auf Türkisch, der Saal jubelt.
Zum Ende wird der Ton kämpferischer. Eralp spricht von Rechtsextremisten, die die Gesellschaft spalten wollten. Das Lächeln weicht, sie blickt mit harter Miene in den Saal. „Denn dieser Kampf ist nicht allein unser Kampf, er ist unser aller Kampf.“
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Das nächste Ziel ist gesetzt
Eralp will nun ins Rote Rathaus. In der ARD sagt sie nach ihrem Wahlerfolg ausdrücklich: „Ich will Regierende Bürgermeisterin für Berlin werden.“ Auch von einem ihrer zentralen Wahlkampfversprechen rückt sie nicht ab: An der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne solle „ab Tag eins“ gearbeitet werden.
Ob der Wahlsieg tatsächlich reicht, um Eralp zur Regierenden Bürgermeisterin zu machen, entscheidet sich allerdings erst in den kommenden Tagen und Wochen. Dafür braucht die Linke Partner und eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus.
Elif Eralp (2.v.r.), Spitzenkandidatin der Linken, jubelt mit Anhängern im Festsaal Kreuzberg über die erste Prognose.
© Sebastian Gollnow/dpa
Tarkans „Şımarık“ und kurdische Tänze
Im Festsaal Kreuzberg ist diese Frage an diesem Abend weit weg. Es wird erst einmal gefeiert. Aus den Lautsprechern läuft Tarkans „Şımarık“, besser bekannt als „Kiss Kiss“, Teilnehmer tanzen kurdische Tänze, während Eralp und andere Linken-Politiker die ersten Pressegespräche geben.
Doch erstaunlich schnell leert sich der Festsaal nach der Verkündung der Prognosen wieder. Und bei aller Siegesstimmung gilt an diesem Abend ohnehin: Noch sind es Hochrechnungen, das endgültige Ergebnis steht aus – und die Zahlen können sich noch verschieben.
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