Etwa 750 000 Menschen haben den 60. Jahrestag der Bundesrepublik gefeiert - und der neu gewählte Bundespräsident schaute zu

Broschüren und Bratwurst

Stefan Strauss
3 Min

Am liebsten hätte er sich über Fußball unterhalten, sagte Ulrich Wickert am Sonnabend Nachmittag, als er die Gesprächsrunde mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Hans-Jürgen Papier, eröffnete.Es war ein Scherz, denn wegen der Bundesliga waren die etwa 400 Besucher im vollbesetzten Saal der Akademie der Künste am Pariser Platz nicht gekommen. Sie wollten wissen: Was denkt der Präsident des Bundesverfassungsgerichts über das Grundgesetz, das vor 60 Jahren in Kraft trat? "Mir wäre nichts besseres eingefallen", sagte Papier. "Da wurden präzise, klare und einklagbare Rechtspositionen formuliert, und kein bunter Strauß Verfassungslyrik."Durch die großen Scheiben des Saales sahen die Besucher der Gesprächsrunde auf die vielen Menschen, die zum Bürgerfest rund um das Brandenburger Tor gekommen waren. Etwa 750 000 Menschen feierten den 60. Jahrestag des Grundgesetzes. "Es war ein fröhliches, friedliches und heiteres Fest", sagte gestern Regierungssprecher Thomas Steg. Die Polizei sprach von einem friedlichen Familienfest ohne Zwischenfälle.Schon am Vormittag spazierten zehntausende Besucher über die "Fanmeile für Demokratie" auf der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Großer Stern. Dort informierten Ministerien, Verbände und Botschaften in rund 90 Zelten über ihre Arbeit, unzählige Broschüren wurden verteilt. Die Besucher konnten regionale Spezialitäten probieren: sächsische Kartoffelpfanne, Wildbratwurst aus Mecklenburg-Vorpommern, Bremer Lachsfilet. Auf zwei Bühnen am Brandenburger Tor traten den ganzen Tag über Musiker auf, Thomas Gottschalk, Sandra Maischberger und Kai Pflaume moderierten. "Das ist ein großer Zirkus", sagte Mike Ruiz. Der 24-jährige Amerikaner lebt seit zwei Jahren in Berlin. "Zirkus", sagte er, "das ist nicht abfällig gemeint." Die Atmosphäre erinnere ihn an den Independence Day, den Unabhängigkeitstag am 4. Juli in den USA. "Auch dort kommen die Menschen zum Feiern zusammen."Am Zelt des Auswärtigen Amtes stand eine lange Reihe von Eltern mit Kindern an, um am Glücksrad zu drehen. "Was heißt die Abkürzung EU?", fragte eine Mitarbeiterin ein etwa zehnjähriges Mädchen, als es am Rad gedreht hatte. Das Kind wusste die richtige Antwort, durfte zwischen Kugelschreiber und Auswärtiges-Amt-Beutel wählen, es entschied sich für den Stoffbeutel. Zwei Schauspieler spielten August Bebel und Otto von Bismarck, sie fragten Besucher, was sie über die soziale Republik denken. Ein älterer Mann sagte: "Deutschland ist durch die soziale Marktwirtschaft groß geworden. Jetzt müssen wir anderen Ländern abgeben." Die 22-jährige Hannah Ohrenberg sagte: "Ich muss in Deutschland keine Angst haben, eines Tages auf der Straße zu leben." Gegenüber spielte eine Piratenband aus Schleswig-Holstein. Einige Stände weiter lief laute Diskomusik, es gab Cocktails wie Mojito, Mai Tai und Sex on the Beach. Fremde Menschen umarmten sich. Kinder kletterten in einen Panzer der Bundeswehr. "Der ist in Afghanistan im Einsatz", sagte ein Soldat und zeigte auf Granatwerfer und Maschinengewehr. Am russischen Stand gab es Bier aus dem Baltikum und eisgekühlten Wodka mit Speckhäppchen.Höhepunkt des Festes war Beethovens Neunte Sinfonie, gespielt von der Staatskapelle Berlin unter Leitung Daniel Barenboims. Unter den Zuschauern auf der VIP-Tribüne waren auch der wiedergewählte Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Später sang Udo Jürgens seine Hits. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kannte die Texte, Otto Waalkes zeigte auf der Bühne seinen nackten Bauch und als es dunkelte, klang die Musik der 17 Hippies durch den Tiergarten.------------------------------Foto: Besuch aus Hameln: Auch ein Rattenfänger unterhielt am Sonnabend die Besucher beim Bürgerfest am Brandenburger Tor.

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