EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra unterstützt die französische Forderung nach einer europäischen Produktionspräferenz und setzt beim Klimaschutz ausdrücklich auch auf Atomkraft. Das geht aus einem Gespräch hervor, das die in Paris erscheinende Tageszeitung Le Monde am Montag veröffentlichte.
„Es ist entscheidend, dass wir uns klar zu ‚Made in Europe‘ bekennen“, sagte der niederländische Christdemokrat der Zeitung. Die Energiewende müsse in Europa stattfinden – von der Fertigung über das Recycling bis hin zur gesamten Lieferkette.
Streit vor Pariser Automobilmesse
Hoekstra wird nach Angaben des französischen Umweltministeriums am Mittwoch von Umweltministerin Monique Barbut in Paris empfangen. Zuvor trifft er am Dienstag Wirtschafts- und Finanzminister Roland Lescure. Die Gespräche fallen in eine Phase, in der sich Frankreich und Deutschland nicht auf eine gemeinsame Linie bei europäischen Produktionsvorgaben für die Autoindustrie einigen konnten – unmittelbar vor dem Start des Pariser Autosalons.
Dessen 91. Ausgabe findet bis zum 18. Oktober auf dem Messegelände Porte de Versailles statt. Nach dem Pressetag am Montag öffnet die Messe am Dienstag für Besucher. Mehr als 60 Hersteller sind vertreten, darunter rund 20 chinesische Marken – etwa doppelt so viele wie bei der vorangegangenen Ausgabe 2024. Insgesamt werden bis zu 60 neue Modelle präsentiert.
Hintergrund ist die zunehmende Konkurrenz durch chinesische Hersteller. Nach Angaben des europäischen Herstellerverbands ACEA stieg der Marktanteil chinesischer Marken in Europa im ersten Halbjahr 2026 bei Hybridautos auf 14 Prozent und bei Plug-in-Hybriden auf 25 Prozent – jeweils von je zwei Prozent im Jahr 2024.
Hoekstra lobte in dem Gespräch mit Le Monde die französische Haltung: Paris warne seit Langem vor unfairen Handelspraktiken Chinas, Präsident Emmanuel Macron habe früh auf die Bedeutung strategischer Eigenständigkeit hingewiesen. Die Zeit des Freihandels wie Ende der 1990er-Jahre sei vorbei.
Atomkraft und Stromnetze
Beim Klimaschutz warb Hoekstra gegenüber Le Monde dafür, fossile Energieträger in Europa deutlich schneller durch Strom zu ersetzen. Dabei setzt er auf erneuerbare Energien, Atomkraft sowie den Ausbau der Stromnetze und der Leitungen zwischen den EU-Staaten.
Als Beispiele nannte er die niedrigen Strompreise in Frankreich, Schweden und Finnland, die auf eine Mischung aus Kernkraft und erneuerbaren Energien setzten. Die Europäische Union importiere mehr als 80 Prozent ihres Gases und über 95 Prozent ihres Öls, sagte Hoekstra der Zeitung. Allein in den vergangenen acht bis neun Monaten habe die EU 100 Milliarden Euro zusätzlich für Energieimporte ausgegeben, nur wegen gestiegener Preise.
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Hoekstras ausdrücklicher Verweis auf Atomkraft trifft in Europa auf unterschiedliche nationale Positionen. Mehrere Staaten haben sich aus der Risikotechnologie wieder zurückgezogen. Italien beschloss nach einer Volksabstimmung, die 1987 auf die Katastrophe von Tschernobyl folgte, den Atomausstieg und schloss 1990 seine letzten Kernkraftwerke. Österreichs Wähler hatten bereits 1978 gegen die Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks gestimmt.
Deutschland beschleunigte nach dem Fukushima-Supergau 2011 den Ausstieg. Auch die Schweiz beschloss damals, langfristig auf neue Reaktoren zu verzichten. Ausschlaggebend waren Sicherheitsrisiken, die ungelöste Entsorgung radioaktiver Abfälle, politische Mehrheitsentscheidungen und hohe Baukosten.
Der Kommissar verwies darauf, dass die EU im März ein neues Zwischenziel beschlossen habe: minus 90 Prozent Treibhausgase bis 2040 im Vergleich zu 1990.
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Hoekstra setzt bei der Senkung der Emissionen auf Marktmechanismen und den Preis für den Ausstoß von CO2 im europäischen Emissionshandel sowie auf technologische Investitionen, etwa in die Abscheidung und Speicherung von CO2.
Der 51-jährige Niederländer gehört der christdemokratischen CDA an, die er von 2020 bis 2023 führte. Von 2017 bis 2022 war er niederländischer Finanzminister, anschließend Außenminister und Vizepremier. Während der Euro- und Corona-Krisenjahre vertrat er gegenüber südeuropäischen Staaten einen strikten haushaltspolitischen Kurs.
Vor seinen Regierungsämtern arbeitete Hoekstra für den Ölkonzern Shell und die Unternehmensberatung McKinsey, bei der er zum Partner aufstieg. Laut Le Monde wird er von Umwelt- und Klimaschutzverbänden mit Skepsis beobachtet, auch weil er Konsumverzicht oder ein bewusstes Zurückfahren des Wirtschaftswachstums als Klimastrategien ausschließt.
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