Leichtathletik

Unfassbares Potenzial: Wie die EM der Leichtathletik neuen Rückenwind geben kann

Bei den European Championships haben die Leichtathleten Werbung für ihre Sportart gemacht. Wie können die Vereine in Berlin die Euphorie nutzen?

Karin Bühler
Karin Bühler
5 Min
Die siegreiche Sprint-Staffel der EM: Lisa Meyer, Gina Lückenkemper, Alexandra Burghardt und Rebekka Haase (v. l.).

Die siegreiche Sprint-Staffel der EM: Lisa Meyer, Gina Lückenkemper, Alexandra Burghardt und Rebekka Haase (v. l.).

© dpa/Sören STache

Im Takt der großen Leichtathletik-Schlagzeilen ist Gina Lückenkemper schon vieles gewesen. 2016 zum Beispiel, da war die Läuferin „das Gesicht der jungen Sprint-Generation“. 2018, als die European Championships in Berlin und Glasgow für Spektakel sorgten, wurde die Athletin des SCC Berlin zum „Gesicht der deutschen Leichtathletik“. „Schnelle Beine, flinke Zunge“, war ein Titel aus dieser Zeit, in der sie auch ihre Geschichte vom Ablecken einer Neun-Volt-Batterie zur Steigerung der Leistung erzählte. Nach einem zwischenzeitlichen Sprint- und Schlagzeilentief schaffte es Lückenkemper nun am Ende der European Championships in München, nach ihren Goldmedaillen über 100 Meter und mit der Staffel kurz vor Sendeschluss mit flinker Zunge und aufgedrehter Voltzahl nicht nur für sich, sondern für eine ganze Sportart zu sprechen: „Die EM hat gezeigt, was für ein unfassbares Potenzial die Leichtathletik eigentlich in unserem Land hat. Ich hoffe wirklich, dass wir in den kommenden Jahren noch ganz viel von dieser Euphorie mitnehmen können.“

Vor ihr hatte der Berliner Speerwerfer Julian Weber bewiesen, dass er sein Abonnement auf vierte Plätze bei großen Meisterschaften nun endlich gekündigt hat: Mit dem weitesten Wurf des letzten Abends auf 87,66 Meter brachte er die Zuschauer im Münchner Olympiastadion zum Toben. „Das war die beste Werbung für unsere Sportart, die wir machen konnten“, schwärmte Lückenkempes Staffelkollegin Alexandra Burghardt von den Tagen in München.

In Europa top, in der Welt hopp

Weber und die Läuferinnen der 4x100-Meter-Staffel steuerten die Goldmedaillen Nummer sechs und sieben der deutschen Leichtathleten bei. Insgesamt gewann das Team 16 Medaillen: siebenmal Silber und zweimal Bronze. Zuletzt lag Deutschland vor zehn Jahren in Helsinki bei einer EM im Medaillenspiegel vorn. Dennoch zählt so eine EM wenig, wenn es um die Berechnung der Fördermittel des Bundes geht. Dennoch hätten die Leistungen der Deutschen bei ihren sechs Einzeltiteln vor vier Wochen bei der WM in den USA nur zu einer Medaille gereicht.

Was macht die Sportart nun daraus, in Europa top, in der Welt jedoch allenfalls hopp zu sein? Und: Wofür war die EM in München mit Lückenkemper als flitzender Frontfrau gut? „Diese EM hat richtig Spaß gemacht und gezeigt, dass die Leichtathletik spannenden Sport und große Emotionen bietet. Wir haben in der deutschen und der internationalen Leichtathletik viele interessante Protagonistinnen und Protagonisten, die faszinierende Geschichten erzählen und Vorbilder für viele sein können“, sagt Martin Seeber, der Meetingdirektor des Berliner Istaf.

Medaillengewinner als Vorbilder, um Kinder zu begeistern

Er will versuchen, alle EM-Helden am 4. September im Berliner Olympiastadion zu präsentieren. Der Rückenwind durch die EM sei bereits an der Ticket-Nachfrage fürs Istaf abzulesen, bei dem Gina Lückenkemper zuletzt zu den Publikumslieblingen gehörte.

„Die Geschichten, die bei der EM erzählt worden sind, sind motivierend. Natürlich brauchen wir in der Leichtathletik Vorbilder, um die Kinder zu begeistern. Nur müssen sie eben bei der Stange gehalten werden“, sagt der Vizepräsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes Thomas Poller. „Insofern haben wir in Berlin die gleichen Schwierigkeiten wie in der großen Leichtathletik. Wir verlieren zu viele Sportler im Übergang von der U21 zur U23 und von der U23 zu den Erwachsenen. Dieses Problem spiegelt sich allerdings in allen Sportarten wider.“

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Man könne den Zustand einer Sportart eben nicht nur von der Spitze her erzählen. „Man muss es nach unten transferieren, und da hakt es an Personen. Ob ein Kind bei einer Sportart bleibt, hat viel mit der Qualifikation von Übungsleitern und Trainern zu tun“, sagt Poller. Die Vereine, die sich in Berlin mit einer Entwicklung im leistungssportlichen Sinn beschäftigten, könne man an zwei Händen abzählen. Die Qualifizierung von geeignetem Personal sei eine Herausforderung, auch weil viele Vereine ohne Hauptamtlichkeit arbeiten.

„Natürlich gibt es in Berlin die großen Vereine wie den SCC, die LG Nord, den SV Preußen oder auch den TSV Rudow, die Leichtathleten in Gatow oder den VfL Fortuna Marzahn, da läuft das“, sagt Poller. Für sie und alle anderen helfen Erfolge wie die von Gina Lückenkemper, Weber oder den Berliner Schöneborn-Schwestern mit Teamgold im Marathon, die Motivation aufrechtzuerhalten.

Lückenkemper weiß, dass sie nicht nur für sich auf der Bahn steht, sondern auch eine Rolle für ihren Sport bekleidet. Ende Juni war sie beim Familiensportfest im Berliner Olympiapark beim Istaf-Kindertraining aktiv. Das Programm „Istaf macht Schule“ soll Berliner Kinder ebenso wie der Schools-Cup an die Leichtathletik heranführen. Zudem stellt das Istaf in diesem Jahr die Kinder unter dem Motto „Für uns seid ihr die Größten“ mit einem entsprechenden Video in den Mittelpunkt. In dem Clip werden Kinder zu großen Leichtathletik-Stars und stehen gemeinsam mit Athleten wie Malaika Mihambo oder Gina Lückenkemper auf der Bahn.

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