Ex-Finanzsenator Sarrazin kann es nicht lassen. Seine Provokation ist aufregend, nicht anregend

Der Fremde

Thomas Rogalla
5 Min

Thilo Sarrazin, der bekennende Provokateur, hat es wieder geschafft. Nicht nur Berlin, sondern die Nation redet über das Interview, das der frühere Finanzsenator und jetzige Bundesbanker im Intellektuellen-Organ Lettre International gegeben hat: über Kopftuchmädchen produzierende Türkinnen, bedrohlich fruchtbare Araberinnen, die anhaltende Subventionsmentalität. Und vor allem spricht er über die Notwendigkeit, dass Berlin, Stadt der Transferempfänger, eine Stadt der Elite werden müsse.Die Berliner Medien haben den neuesten Rummel um Sarrazin zunächst nicht mit voller Verve aufgegriffen. Sarrazin? Nicht schon wieder! Nach dessen Berliner Jahren ist sein wiederkehrender Rhythmus bekannt: spitze Formulierungen, möglichst politisch unkorrekt, danach wortreiche Entschuldigung, die beim letzten Mal geradezu unwürdig unterwürfig ausfiel. Doch Sarrazins Eitelkeit ist größer als seine Lernfähigkeit. Jetzt ist Berlins SPD mit der Geduld am Ende, die Staatsanwaltschaft prüft den Verdacht der Volksverhetzung. Einige Medien aus Frankfurt, Hamburg und München sind aufmerksam, was in Berlin, das allmählich als ernstzunehmende Konkurrenz erkannt wird, gut oder gern auch schlecht läuft. Ihre Eliten würden die durch Krieg und Teilung begünstigten kleineren Großstädte gern behalten.Neu ist das, was Sarrazin in Lettre gesagt hat, in großen Teilen jedenfalls nicht. Vieles von dem, was der Ex-Finanzsenator jetzt zu integrationspolitischen Fragen (die vor allem sozialpolitische sind) zu sagen hat, stand schon im Frühjahr in der Berliner Zeitung. Im März hatte er seinen nur noch völkisch zu nennenden Ansatz dargelegt, demzufolge die deutsche Mittelschicht durch die stärker gebärende arabische und türkische Unterschicht zahlenmäßig überflügelt werde. Diese Position hat Sarrazin, sozusagen als völkischer Beobachter Berlins in Frankfurt, jetzt ausgebaut. Er bleibt aber auch diesmal die praktikable Antwort auf die Frage schuldig, wie die türkischen Frauen von ihrem Wunsch nach einer traditionell großen Familie abzubringen sind. Und wie die deutsche bildungsorientierte Mittelschichtsfrau, die sich bis 40 erstmal selbst verwirklicht, bevor sie ihr Einzelkind empfängt, zu höherer Gebäreffizienz zu bringen ist. Der konservativen CDU-Bundesfamilienministerin fiel dazu das Elterngeld ein, der Sozialdemokrat Sarrazin möchte - Klasse statt Masse - mit seiner Eliteklientel lieber unter sich bleiben. Der SPD in Berlin ist der Verzicht auf die einst sozialdemokratisch wählenden, arbeitenden, jetzt arbeitslosen Massen schon gelungen, auch Dank Sarrazins abschätziger Tiraden gegen Menschen, die sich ohne Job ohnehin abgeschoben fühlen. SPD: 20,2 Prozent.Thilo Sarrazin spielt nicht nur ein frivoles Spiel mit rechtsradikalen Überfremdungsthemen (die NPD hat ihm schon gratuliert). Wohl wissend, was er tut, baute Sarrazin kühl kalkulierend dem Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit vor, indem er osteuropäische Juden nach Berlin holen will, wegen des höheren Intelligenzquotienten. Aus der hohen Warte der volkswirtschaftlichen Elite fällt Sarrazin seine Urteile darüber, welche Menschen es wert sind, in dieser Stadt zu leben und welche, weil unbrauchbar oder leistungsunwillig, lieber "woanders nichts leisten" sollten.Umsiedlungsfantasien statt Realpolitik: Das ist das Letzte,was Berlin braucht, die Stadt, in der sich integrationspolitisch in den letzten Jahren, mal mit, oft gegen Sarrazin, mehr bewegt hat als in den Jahrzehnten des migrationspolitischen Stillstands zuvor. Nicht weitsichtige Politik, sondern Vorfälle wie die an der Rütli-Schule und der Fememord an Hatun Sürücü gaben die Impulse. Mit dieser Debatte ist Sarrazin nicht à jour. Berlin ist dem in Westend Wohnenden immer noch fremd.Anlass zur Zufriedenheit besteht allerdings nicht. Berlin ist maximal ein Viertel dessen politisch angegangen, was in der Integrationspolitik aufzuholen ist. Dabei geht es nicht nur um Migranten, die Segregation trifft längst auch Deutsche. Ein sozialpolitisches Konzept ist nicht erkennbar. Aber es gibt Projekte, die nicht ethnisch bedingte Arbeitsunwilligkeit beklagen, sondern mit arbeitslosen oder ungebildeten Menschen, die auch Teil Berlins sind, einen Weg aus dem Sozialelend zu finden suchen. Die Schulreform, die allen Kindern eine Perspektive eröffnen soll, ist in der Umsetzung, über kostenfreie Kitas wird konkret diskutiert. Auch die Wirtschaft hat längst begriffen, dass sie frühzeitig verkorkste Jugendliche qualifizieren muss, weil sie sie schon jetzt als Lehrlinge und Facharbeiter braucht. Das ist mühsam, aber in zahlreichen "QM-Maßnahmen", Lehrgängen und Kursen lernen deutsche Problemkids, türkischstämmige Lümmel und arabische Schulschwänzer zivilisatorische Techniken, die für ein erfolgreiches Erwerbsleben in Deutschland Voraussetzung sind. Auch türkische Organisationen sind dabei.Der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) finanziert schon seit Jahren ein großes Projekt, bei dem hunderte "Lesepaten" in Schulen mit hohem Migrantenanteil gehen und den noch kleinen Kindern zweierlei schenken: Freude am Lesen und Lernen und, was noch wichtiger ist: Zeit für Gespräche, Zuwendung und Akzeptanz. Die Botschaft ist nicht Ablehnung von Problemkindern, sondern der Wille, das in jedem vorhandene Talent zu fördern - auch wenn nicht jeder den Marschallstab im Eastpak-Tornister oder das Zeug zu einem Berliner Barack Obama hat. In Neukölln setzt der SPD-Bürgermeister, der die Probleme anders als Sarrazin nicht aus Statistiken, sondern aus ständigem Erleben kennt, zwar auch auf Repressionen, unterstützt aber pragmatisch die "Stadtteilmütter", um einen Zugang zu Migrantenfamilien zu bekommen.Diese Impulse und Initiativen bringen Berlin voran. Ihr Ansatz ist durchaus auch, neben Angeboten auch Druck auf die Problem-Klientel zu machen - aber nicht, "die da unten" abzuschreiben. Und damit wie Sarrazin weiter in die ohnehin verbreitete, weil bequeme Ghettomentalität zu treiben.All dies kommt bei Sarrazin nicht vor. Sein Gebiet sind Zahlen, nicht Menschen. Der Lernimpuls, den ein Lesepate einem Migrantenkind gibt, ist in Sarrazins berühmt-berüchtigten Foliensätzen nicht darstellbar. Damit lässt sich eine Stadt fiskalisch sanieren. Sozial wird sie ruiniert.------------------------------Foto: Ein Mann verspielt seinen Ruf: Der ungeliebte, aber geachtete Ex-Finanzsenator hat mit seiner Provokation überzogen. In der SPD fordern immer mehr wegen seiner "zutiefst rassistischen" Äußerungen den Parteiausschluss.

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