Flugverkehr

Betrunkener Fluggast schlägt BER-Mitarbeiter krankenhausreif

Am Gate verweigerte der Mitarbeiter einem alkoholisierten Passagier das Boarding – dann flogen die Fäuste. Verdi warnt vor immer mehr Gewalt am BER. Der Flughafen widerspricht

5 Min
Passagiere im Flughafen BER: Am Gate entscheiden Beschäftigte der Bodenverkehrsdienstleister, wer an Bord darf.

Passagiere im Flughafen BER: Am Gate entscheiden Beschäftigte der Bodenverkehrsdienstleister, wer an Bord darf.

© Patrick Pleul/dpa

Das Augenlicht konnten die Ärzte retten. Doch die Jochbeinfraktur und die anderen Knochenbrüche sind noch nicht verheilt. Nachdem er im Flughafen BER von einem Passagier zusammengeschlagen wurde, muss der Mitarbeiter des Bodenverkehrsdienstleisters Swissport erst einmal in der Klinik bleiben. Enrico Rümker von der Gewerkschaft Verdi spricht von einem besorgniserregenden Trend.

„Angriffe auf Personal am BER sind längst keine Einzelfälle mehr“, sagte der Verdi-Sekretär der Berliner Zeitung. „Wir erleben immer mehr Übergriffe, immer mehr Gewalt.“

Nach Informationen der Berliner Zeitung hat die Firma Swissport in diesem Jahr bislang fast 200 verbale und körperliche Attacken auf ihr Personal am Hauptstadt-Airport registriert. Dabei ist sie nur eines von drei Unternehmen am BER, die Fluggäste einchecken, das Boarding überwachen und Gepäck verladen. Doch während die Gewalt zunimmt, werde an der Sicherheit gespart, kritisierte Verdi-Mann Rümker.

Flughafengesellschaft FBB bestätigt tätlichen Angriff

Es geschah am 6. September. Der Air-Baltic-Flug BT 830 soll um 22.05 Uhr vom BER in die estnische Hauptstadt Tallinn abheben. Als am Gate das Einsteigen beginnt, bemerkt ein Mitarbeiter der Swissport, dass ein Fluggast stark alkoholisiert ist. Weil das Personal für die Sicherheit an Bord verantwortlich ist, muss er eine Entscheidung treffen.

Sie lautet: Der Betrunkene darf nicht mitfliegen. Die Antwort: Gewalt. Der Passagier beginnt, mit Fäusten auf den Swissport-Mitarbeiter einzuschlagen. Ein anderer Mann hält Menschen fern, die ihm helfen wollen. Ein Kampf beginnt. Knochen brechen.

Gepäckband im Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Nicht bei allen Reisen kommen Koffer und Taschen zur selben Zeit wie die Reisenden an. Ein häufiger Anlass für Attacken.

Gepäckband im Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Nicht bei allen Reisen kommen Koffer und Taschen zur selben Zeit wie die Reisenden an. Ein häufiger Anlass für Attacken.

© Christophe Gateau7dpa

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„Wir können bestätigen, dass es am 6. September an einem Abfluggate des BER zu einem tätlichen Übergriff eines Passagiers auf einen Mitarbeiter eines Dienstleisters kam“, bestätigte ein Sprecher der Flughafengesellschaft FBB auf Anfrage der Berliner Zeitung.

„Wartende Reisende sowie eine Mitarbeiterin des Dienstleisters griffen ein und hielten den Mann bis zum Eintreffen von Bundespolizei und Flughafensicherheit fest“, berichtete er. „Die Bundespolizei nahm ihn in Gewahrsam.“

Der Mitarbeiter wurde vom Rettungsdienst versorgt und in ein Krankenhaus gebracht, so der Sprecher weiter. „Wir wünschen ihm eine schnelle Genesung. Die weiteren Ermittlungen führt die Polizei des Landes Brandenburg.“

Leerer BER: Zahlen liegen weit unter den Erwartungen

Die Botschaft des BER-Betreibers ist klar: Auf die Attacke wurde schnell reagiert. Doch Verdi-Sekretär Rümker sieht es anders. Denn die Regularien sehen vor, dass in solchen Fällen zunächst die Flughafensicherheit zu verständigen sei, berichtet er. Sie entscheidet vor Ort, ob die Bundespolizei hinzugezogen wird – was dann wieder dauert.

Diese Prozedur habe zur Folge, dass nicht immer schnell genug reagiert werden kann. „Es wird Zeit verschenkt“, bemängelt der für den BER zuständige Gewerkschafter. Rümker befürchtet, dass der Spardruck am neuen Schönefelder Flughafen zulasten der Sicherheit geht. Die schlechte ökonomische Lage wirke sich immer gravierender aus.

Die Zahl der Passagiere liegt nicht nur weit unter den Erwartungen, die einst in Masterplänen formuliert wurden. 2025 nutzten gerade mal rund 26 Millionen Fluggäste den BER. 2019, im Jahr vor der Eröffnung des Flughafens, waren es in Tegel und Schönefeld insgesamt mehr als 35 Millionen pro Jahr. Damit nicht genug: Die BER-Zahlen sinken sogar. Im ersten Halbjahr 2026 lag das Fluggastaufkommen mit rund 11,9 Millionen um 1,2 Prozent unter dem Stand des ersten Halbjahrs 2025.

Hoher Spardruck: Immer mehr Arbeitsplätze fallen weg

Weil das Geschäft schwächelt und das Kerosin immer teurer wird, geben die Airlines den Druck weiter. Folge ist, dass auch die von den Fluggesellschaften beauftragten Dienstleistungsunternehmen sparen müssen. „Immer mehr Arbeitsplätze werden abgebaut“, berichtet Rümker. Das wirke sich auf Qualität und Sicherheit aus.

Erst kürzlich fielen rund 25 Stellen für Walk Boarder weg, so der Bericht. Dieses Personal sorgte bislang dafür, dass Passagiere auf dem Vorfeld sicher zum Flugzeug gelangen. „Diese Aufgabe müssen nun andere Beschäftigte übernehmen“, so der Verdi-Mann.

Zwei andere Beispiele: 80 Arbeitsplätze für Sicherheitskräfte wurden gestrichen. Die Mitarbeiter der Firma All Service waren für einen Bodenverkehrsdienstleister tätig. Die Securitas, für Passagier- und Gepäckkontrollen zuständig, hat über längere Zeit hinweg rund 300 Stellen am BER abgebaut. Zuvor waren es 1800, jetzt ungefähr 1500.

Ein Ryanair-Flugzeug am BER. Aus Protest gegen zu hohe Steuern und Entgelte kürzt die Fluggesellschaft, die mit niedrigen Preisen wirbt, ihr Angebot in Berlin.

Ein Ryanair-Flugzeug am BER. Aus Protest gegen zu hohe Steuern und Entgelte kürzt die Fluggesellschaft, die mit niedrigen Preisen wirbt, ihr Angebot in Berlin.

© Schoening/imago

Eine gefährliche Situation, fasste Enrico Rümker von Verdi zusammen. Einerseits gebe es immer weniger Personal. Andererseits nehmen die Übergriffe am BER zu, wächst die Aggressivität bei den Fluggästen. Das zeigt sich meist in verbalen Attacken. Wenn Passagiere ihr Gepäck vermissen oder Flüge sich verspäten, wird geschimpft und beleidigt. Aber es gibt auch rohe Gewalt, wie am späten Abend des 6. September.

Nicht selten ist auch Dichtestress das Problem. Viele Flugzeuge seien bis auf den letzten Platz gefüllt, so der Verdi-Sekretär. Die durchschnittliche Auslastung steigt, 98 Prozent sind keine Seltenheit.

Gewalt am BER: Das sagt der Flughafenbetreiber

Zwar sinkt die Gesamtzahl der Fluggäste leicht. Ryanair streicht immer mehr Flüge. Die Airline wolle Deutschland bestrafen, weil der Bund die Luftverkehrssteuer nicht abschafft, erklärt Rümker. Trotzdem wollen auch die Bewohner der Hauptstadt-Region weiterhin verreisen. „Obwohl eine vierköpfige Familie inzwischen selten unter 2000 Euro für einen Hin- und Rückflug davonkommt“, so der Gewerkschafter.

„Tätliche Angriffe auf Beschäftigte am BER sind nach wie vor sehr seltene Einzelfälle“, entgegnet die FBB.

Den Vorwurf der Gewerkschaft möchte der Flughafenbetreiber nicht auf sich sitzen lassen: „Der BER übererfüllt die geltenden gesetzlichen Anforderungen und behördlichen Auflagen zur Personalausstattung für die Sicherheit. Wir arbeiten eng und vertrauensvoll mit den Sicherheitsbehörden von Bund und Land zusammen.“

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