Reinhard Bingener, bei der FAZ u. a. für Sachsen-Anhalt zuständig, würde sich „eher den Arm abschneiden“, als einen Buchstaben „im Reich von Herrn Friedrich“ zu veröffentlichen. Dabei hatte ich als Herausgeber der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung dem Journalisten aus Hannover lediglich eine Seite in der OAZ angeboten. Für seine Argumente. Ungekürzt. Als Gelegenheit, mit einem Publikum ins Gespräch zu kommen, das er sonst kaum erreicht. Denn die FAZ verkauft im Osten dem Vernehmen nach nur wenige tausend Exemplare.
Wie kam es zu diesem bemerkenswerten Missverhältnis zwischen Angebot und Abwehr?
Bingener ist kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt durch einen Text bekannt geworden, in dem er den Ostdeutschen ein eigentümliches Sonderbewusstsein vorwirft. Ihre vermeintliche Undankbarkeit und ihre abweichenden Meinungen bringen ihn offenbar so sehr auf, dass er sogar Kürzungen beim Länderfinanzausgleich ins Spiel brachte. Die Botschaft dahinter ist: Wer Geld bekommt, soll gefälligst auch parieren. Nun traf Bingener bei Markus Lanz auf Dirk Oschmann. Beide trugen ihre bekannten Positionen vor. Ein Austausch wurde daraus kaum, neue Erkenntnisse blieben rar.
Nach der Lanz-Sendung veröffentlichte die OAZ zwei Texte: einen berichtenden und einen kommentierenden. Bingener fand den ersten „erstaunlich“ ausgewogen, den zweiten offenbar unerfreulich. Sein auf X geäußerter Verdacht: „Stress im Politbüro?“
Dass eine Zeitung berichtet und kommentiert, dabei unterschiedliche Perspektiven zulässt und nicht überall zum gleichen, zustimmenden Urteil kommt, hätte allerdings auch eine naheliegendere Erklärung: Journalismus.
Mein Kommentar stimmte ihm nicht zu. Seinem Gegenüber in der Sendung übrigens auch nicht. Gerade darum ging es: Die Ost-West-Debatte kommt nicht weiter, wenn wir nur die vertrauten Positionen gegeneinander antreten lassen, aber nicht in eine Debatte miteinander eintreten. Wer wie Bingener die westdeutsche Sicht zur stillschweigenden Norm erhebt, misst den Osten mit einem fremden Maß und verfehlt so gerade das, was er zu erklären vorgibt. Widerspruch ist nicht automatisch ein behandlungsbedürftiges Sonderbewusstsein.
Die Lanz-Sendung machte deutlich: Ein Ossi und ein Wessi waren eingeladen – um kurz die Klingen zu kreuzen. Ein Austausch auf Augenhöhe, bei dem man etwas lernen kann, ist das nicht. Kaum war die Sendung vorbei, zog sich Bingener in das schützende Schneckenhaus der FAZ zurück, als wäre damit alles gesagt.
Der Osten als Schmuddelkind der Nation: einmal kurz über ihn reden, Haken dran, weiter geht's. Herablassender geht es kaum. Da wundert es nicht, dass Besserwisser-Wessi Bingeners Beiträge vor allem belehrend wirken. Im TV-Studio blieb ihm nichts anderes übrig, als Oschmann zuzuhören. In seiner eigenen Zeitung muss er das nicht, und er tut es auch nicht.
Also antwortete ich ihm auf X, direkt und öffentlich: Herr Bingener, schreiben Sie Ihre Argumente auf. Eine ganze Seite, bei uns. Sprechen Sie mit dem Osten statt nur über ihn, und das nicht nur vor den Lesern Ihrer Zeitung, die überwiegend aus dem Westen kommen. Das wäre Debatte gewesen.
Eine ausgeschlagene Gelegenheit zum Gespräch
© Screenshot OAZ
Bingeners Antwort war die Sache mit dem Arm. Dazu der Hinweis, im Osten gebe es viele kluge Köpfe und deshalb auch genügend FAZ-Leser. Selbstverständlich gibt es die. Nur ist die Lektüre der FAZ weder Voraussetzung noch Nachweis besonderer Klugheit. Und die interessantere journalistische Begegnung findet womöglich gerade dort statt, wo einem nicht das eigene Stammpublikum zustimmt.
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Niemand muss in der OAZ veröffentlichen. Auch eine entschiedene Ablehnung unseres Verlegers ist sein gutes Recht. Nur sollte man die Dinge auseinanderhalten: Wer eine Einladung zum Argumentieren mit einer demonstrativen Abscheuerklärung beantwortet, hat damit noch kein einziges Argument widerlegt.
Ich hatte eine Zeitungsseite angeboten. Keine Gefolgschaftserklärung verlangt. Dass dieser Unterschied erklärungsbedürftig erscheint, sagt einiges über den Zustand unserer Debatten.
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