Draußen die erste richtige Heizwoche, in Deutschland die Herbstferien – und im ZDF dreht Markus Lanz die Ost-West-Debatte noch einmal auf. Reichlich spät: Der Streit tobt schließlich schon seit dem Spätsommer in der Republik.
Seit Wochen reiben sich Feuilletonisten an der Frage, wer hier eigentlich wen kleinmacht – und erst jetzt bringt Lanz zwei Protagonisten zusammen, die diesen Streit befeuern: den Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann und FAZ-Redakteur Reinhard Bingener, dessen Kommentar „Wehe, wenn die Langmut im Westen endet“ die Lawine erst ins Rollen brachte.
Entsprechend aufgeladen war die Stimmung „zu später Stunde“, wie Lanz mehrfach betonte. Und tatsächlich: Es wurde ein faszinierender Schlagabtausch.
„Die Langmut hat es nie gegeben“
Oschmann ließ keine Sekunde verstreichen, um Bingeners Titel zu zerlegen. „Ich war irritiert und auch verärgert“, sagte er. „Ich habe gedacht, die Langmut hat es ohnehin nie gegeben, insofern kann die gar nicht enden.“
Der Osten hat ein Problem: Er will einfach nicht westdeutsch werden
Als Beleg führte er die Berichterstattung des Spiegel ins Feld, den er als „fast Kampagnenblatt gegen den Osten“ bezeichnete. Lanz blendete passenderweise gleich eine Reihe alter Cover ein – „Der Ossi“, das „Jammertal Ost“.
Für Oschmann ist das Teil eines „kontinuierlichen Diffamierens und Ausschließens und Diskriminierens des Ostens“, einer „Entlastungserzählung“, mit der sich die westdeutsche Gesellschaft stabilisiere. Pointiert: Die Rechnung beginne eben nicht 1990, sondern „1933 beziehungsweise 45“.
Das „Sonderbewusstsein“ – und wer es bewirtschaftet
Bingener hielt dagegen, ruhig, aber hartnäckig. Sein Befund: Im Osten nähmen über 60 Prozent das Verhältnis als konfliktär wahr, im Westen nur 15 Prozent. Über Jahrzehnte sei das Thema im Westen schlicht kein heißes Eisen gewesen – getragen von „patriotischer Solidarität“.
Was ihn umtreibt, ist ein „ostdeutsches Sonderbewusstsein“, das sich – anders als die „in sich selbst ruhenden Regionalidentitäten“ von Hessen oder Saarländern – aus „Ablehnung, Auflehnung und Neid“ speise. Erfunden habe diese Abgrenzungsidentität einst die PDS um Gregor Gysi, „heutzutage wird sie maßgeblich bewirtschaftet von AfD und BSW“.
Erpressungsversuch aus dem Westen: Wenn Ossis falsch wählen, sollen sie keine Gelder mehr erhalten
Bingener zitierte dabei genüsslich: Höckes Spruch von den Westdeutschen als „deutschsprechenden Amerikanern“, die BSW-Ansage, man wolle „auf keinen Fall von einem Wessi oder einem Zionisten regiert werden“.
Und dann das: AfD-Mann Siegmund habe sich über das dreckige, kriminelle Köln echauffiert – „die Stadt Köln hat das Bruttoinlandsprodukt von ganz Sachsen-Anhalt“, konterte Bingener trocken. Aber das sei nicht der Maßstab, schob der FAZ-Redakteur hinterher. Sein eigentliches Ziel sei ohnehin ein anderes: Man müsse fragen, wie die Differenz in der Wertschöpfung geschlossen werde, nicht Abgrenzungsidentitäten pflegen.
Demografie, Geld und der „neue Sound“
Bingener skizzierte eine doppelte Verschiebung: Ostdeutschland schrumpfe demografisch vom Fünftel auf ein Sechstel bis Siebtel der Bevölkerung – bei einem „verhärteten Anteil von 40 bis 50 Prozent“, die fest bei extremistischen Parteien stünden. Die Konsequenz, nüchtern als „Prognose, nicht als Forderung“ formuliert: Für die etablierten Parteien werde der Osten „immer weniger relevant“, und am Ende könnte das „zu Lasten der ostdeutschen Flächenländer ausgehen“.
Oschmann wollte das so nicht stehen lassen und verwies auf die Gegenrechnung des Soziologen Steffen Mau: Es sei zwar viel Staatsgeld in den Osten geflossen, privatwirtschaftlich aber mindestens ebenso viel in den Westen. Zugleich räumte er ein, was man an seinem Platz selten hört: Der radikale demografische Wandel – „Vermännlichung, Überalterung“, massive Abwanderung, ein viermal höherer Stadt-Land-Unterschied – mache den Erfolg der AfD überhaupt erst möglich.
„Gefühlige Ossis“ und „rationale Wessis“
Herrlich pointiert wurde Oschmann beim Dauerklischee der Emotionalität: „Es ist ja auch ein lustiges Faktum, dass sich viele Westdeutsche gern als die Vertreter der Rationalität präsentieren, während die Ostdeutschen in ihren Emotionen verloren sind.“ Gefühle seien „Teil unseres Menschseins“ – und das gelte hoffentlich auch für Westdeutsche. Seine schärfste Volte: Die Frage, ob sich Ostdeutsche als Menschen zweiter Klasse fühlten, sei falsch gestellt. Richtig müsse sie lauten: „Werden sie als Menschen zweiter Klasse behandelt?“
Einheit braucht Chancen, keine Festreden
An einer Stelle allerdings leistete sich Moderator Lanz selbst eine Schieflage. Er fragte Oschmann direkt, ob es im Osten „wirklich einen Hass auf den Westen“ gebe – die umgekehrte Frage, ob es in Westdeutschland einen Hass auf den Osten gebe, stellte er Bingener nicht. Oschmann drehte den Spieß selbst um: „Das gibt es auch umgekehrt.“ Einen kollektiven Hass nehme er ohnehin nicht wahr – „das ist doch erst mal ein guter Befund“, freute sich Lanz.
Der Eklat am 3. Oktober
Den emotionalen Höhepunkt setzte Oschmann beim Tag der Deutschen Einheit 2025 in Saarbrücken, bei dem niemand aus dem Osten und niemand aus Osteuropa eine Rede hielt. Sein Urteil fiel hart aus: „Der Osten hat Revolution gemacht und der Westen redet darüber. Das ist diskursive Kolonisierung, so muss man es sagen.“ Bingener fand das „etwas hart“ – gab aber zu, dass mehr Stimmen aus Ost und aus Osteuropa richtig gewesen wären.
Am Ende versöhnlich: Beide bemühten Steffen Maus These, vieles an der Spaltung sei herbeigeredet. Der Mensch sei eben nur zu wenigen Prozent ein politisches Wesen, so Bingener, viel mehr Autokäufer, Vater, Fernsehgucker. Oschmann mahnte dennoch, man dürfe nicht unterschätzen, wie sehr das Gefühl fehlender Augenhöhe viele Ostdeutsche umtreibe. Lanz kündigte folgerichtig einen zweiten Teil an. Man darf gespannt sein.
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