Energie

Fehlen Deutschland im Januar über 25 Prozent Gas? Gasunternehmen halten dagegen

Neue Wintermodelle zeigen mehr als 25 Prozent fehlendes Gas. Wir haben Bundesnetzagentur und Vertreter deutscher Gasunternehmen mit dem Szenario konfrontiert.

5 Min
Mehr als 25 Prozent des benötigten Gases wären an besonders kalten Tagen im Winter nicht da, so die INES. Welche Folgen hätte das?

Mehr als 25 Prozent des benötigten Gases wären an besonders kalten Tagen im Winter nicht da, so die INES. Welche Folgen hätte das?

© VNG AG

Deutschlands Gasspeicher sind laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) mit aktuell nur 54,75 Prozent so schwach gefüllt wie seit Jahren nicht mehr – gerade nur knapp drei Wochen vor Beginn der Heizperiode am 1. Oktober. Nun zeigt eine neue Modellrechnung, was das im Extremfall für den kommenden Winter bedeuten könnte: Bei außergewöhnlicher Kälte könnte Deutschlands Gasversorgung im Januar an ihre Grenzen geraten.

Zu diesem Ergebnis kommt die Initiative Energien Speichern (INES), in der sich Betreiber wie Sefe Storage, Uniper, RWE, EWE und VNG zusammengeschlossen haben, in ihren neuen Gasszenarien. Der aktuelle Füllstand ist laut Verband der niedrigste für Anfang September seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Selbst unter günstigen Bedingungen könnten bis zum 1. November technisch nur noch rund 77 Prozent erreicht werden.

INES: Bei Kälte bleiben mehr als 25 Prozent des Gasbedarfs ungedeckt

Doch auch dafür müsste sich das Tempo erheblich erhöhen: In den verbleibenden Wochen müsste mehr Gas eingespeichert werden als in den drei Monaten zuvor zusammen. Bei einem normalen Temperaturverlauf wäre das laut INES ausreichend. Die Speicher würden dann bis zum 1. April 2027 auf rund 38 Prozent sinken.

Ganz anders sieht es bei einem außergewöhnlich kalten Winter aus. Dann modelliert INES im Januar an einzelnen Tagen Gas-Unterdeckungen von mehr als 25 Prozent. Das heißt: Mehr als 25 Prozent des benötigten Gases wären an diesen Tagen zunächst nicht da.

INES legt ihrem Kälteszenario das Wetterjahr 2010 zugrunde. Damals lag die Durchschnittstemperatur im Januar in Deutschland bei minus 3,7 Grad. Solche Kälte ist selten, aber nicht ausgeschlossen: Im Januar 2026 waren es bundesweit minus 0,7 Grad, in Zinnwald-Georgenfeld minus 5,4 Grad. Im bayerischen Oberstdorf wurden zeitweise minus 21,7 Grad gemessen.

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Im bayerischen Oberstdorf war es 2026 selbst zu Ostern noch richtig winterlich. (Symbolbild)

Im bayerischen Oberstdorf war es 2026 selbst zu Ostern noch richtig winterlich. (Symbolbild)

© Andreas Friedrichs/imago

Gaswirtschaft: 25 Prozent Unterdeckung bedeuten nicht 25 Prozent Gasmangel

Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft (vormals Zukunft Gas), die unter anderem deutsche Gasimporteure und Versorger vertritt, warnt auf Anfrage der Berliner Zeitung davor, das Extremszenario mit einer Prognose für den kommenden Winter zu verwechseln. „Die genannte Unterdeckung tritt nur bei der Annahme eines außergewöhnlich kalten Winters auf“, erklärt der Branchenverband. Bei normalen Wintertemperaturen zeigten dieselben Modellrechnungen auch mit einem Füllstand von 77 Prozent eine vollständige Versorgung der Bundesrepublik mit Erdgas.

Entscheidend sei zudem nicht allein, wie viel Gas in den Speichern liegt, so ein Verbandssprecher. Händler und Versorger müssten ihre vertraglich zugesagten Mengen über unterschiedliche Beschaffungswege absichern.

Deshalb sieht der Verband derzeit keinen Anlass, von einer bevorstehenden Gasmangellage auszugehen. Aus einer modellierten Unterdeckung lasse sich „nicht unmittelbar ableiten, dass in gleicher Größenordnung tatsächlich physisch Gas fehlen würde“.

Der Grund liegt im Markt selbst: Ein außergewöhnlich kalter Winter würde nach Einschätzung des Verbands zunächst die Großhandelspreise steigen lassen. Höhere Preise könnten zusätzliche Liefermengen mobilisieren und zugleich den Verbrauch senken.

Bei extremer Kälte stoßen auch zusätzliche Gasimporte an Grenzen

Zusätzliches Gas kann Deutschland heute über deutlich mehr Wege beziehen als während der Energiekrise 2022. Neben Pipelinegas, insbesondere aus Norwegen, kann Gas über deutsche LNG-Terminals sowie über europäische Nachbarländer ins Land kommen. Auch die Netze wurden nach Angaben des Verbands für neue Flussrichtungen ertüchtigt.

Bei großer Kälte würde allerdings nicht nur Deutschland zusätzliches Gas benötigen. „Besonders bei einer europaweiten Kälteperiode steigt die Nachfrage gleichzeitig in mehreren Ländern“, erklärt der Verband. Zusätzliche Importe könnten dann erhebliche Mengen bereitstellen, eine beliebig große kurzfristige Zusatzversorgung lasse sich aber nicht garantieren.

Bundesnetzagentur hält angespannte Gasversorgung für unwahrscheinlich

Auch die Bundesnetzagentur hält eine angespannte Gasversorgung derzeit für wenig wahrscheinlich. „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet“, erklärt Sprecherin Nadia Affani auf Anfrage. Die Gefahr einer angespannten Gasversorgung schätze die Behörde nach aktuellem Erkenntnisstand „weiterhin als gering ein“.

Auf unwahrscheinliche Szenarien sei man dennoch vorbereitet. Was das konkret bedeutet, zeigen die Informationen der Behörde zur Krisenvorsorge: In der Notfallstufe würde die Bundesnetzagentur zum Bundeslastverteiler und könnte unter anderem große Gasverbraucher zu Verbrauchsreduktionen verpflichten.

Hinzu kommen neue Vorgaben für Europas Gasimporte. Ab Januar 2027 greift das EU-Verbot für russisches LNG, im Laufe des Jahres folgt auch der Ausstieg aus dem russischen Pipelinegas. Gleichzeitig verschärft die EU-Methanverordnung die Anforderungen an Gasimporte. Deutsche Importeure hatten gegenüber der Berliner Zeitung bereits davor gewarnt, dass die neuen Nachweispflichten langfristige LNG-Verträge erschweren könnten.

Eon-Chef Birnbaum: „Das wird zu hohen Gaspreisen führen“

Eon-Chef Leonhard Birnbaum erwartet zudem weiter steigende Gaspreise infolge des Irankriegs. „Die regelt sich über den Preis“, sagte er der FAZ am 4. September zur Versorgungslage.

Hohe Gaspreise würden zunächst die Nachfrage drücken. Nach Birnbaums Einschätzung würde zuerst die asiatische Industrie ihren Verbrauch deutlich reduzieren, anschließend die europäische. Europa werde zugleich versuchen, sich kurzfristig zusätzliches Gas auf dem LNG-Spotmarkt zu sichern.

„Das wird auch in Deutschland und Europa zu hohen Gaspreisen führen, möglicherweise werden wir noch höhere Preise sehen als derzeit“, sagte Birnbaum. Von einer physischen Gasknappheit gehe allerdings auch er aktuell nicht aus.

Nach Einschätzung der Gas- und Wasserstoffwirtschaft verkleinern die niedrigen Speicherstände dennoch den Puffer für zusätzliche Belastungen. Dadurch könnten die Gaspreise im Winter für Verbraucher nochmal in die Höhe schießen. Der Verband drängt deshalb darauf, die wirtschaftlichen Bedingungen für weitere Einspeicherungen noch vor dem Winter zu verbessern.

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