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Er schaut wieder so. „Das versteh ich nicht“, sagt mein Schwager aus Aachen noch einmal. Woher sollte ich ahnen, dass ihn die Nackedeis vorhin an der Badestelle so schockieren würden? „Sieh mal, ein Reiher!“, sage ich.
Wir sind mit meinem alten Jollenkreuzer bei mäßigem Wind auf der Havel unterwegs, und ich versuche es mit einem Ablenkungsmanöver, weil sonst wenig zu manövrieren ist. Aber er versteht nun mal nicht, wie man in aller Öffentlichkeit nackt herumlaufen kann, und besteht darauf, es zu verstehen. Er hat meine Schwester Elsa geheiratet, ist also ein naher Verwandter, und wir sitzen noch ein Weilchen im selben Boot. Ich werde es ihm erklären müssen.
„Wenn ich dir jetzt erzähle, wie wir unsere Freizeit und unsere Ferien und Urlaube verbracht haben, wirst du mich wieder nicht verstehen. Denn das Wort Freizeit meinte bei uns etwas anderes als bei euch, weil das Wort Arbeit etwas anderes meinte. Viele Dinge, die einen Wert haben, unterlagen bei uns nicht der Verwertung. Die vielen Seen im Norden lagen da jeden Sommer in all ihrer stillen Pracht erreichbar vor uns, ohne prestigeträchtig umbaut, befahren, beworben zu werden. Damit hat bei uns niemand das große Geld verdient. Was den Nachteil hatte, dass man selten ein Restaurant und darin noch seltener einen Platz fand. Das ist heute anders, die Gegend ist jetzt touristisch erschlossen. Und ich bin ganz froh, dass ich noch den unerschlossenen Zustand kenne, als wir hier mit Zelt und Proviant wochenlang mit dem Faltboot unterwegs sein konnten, bei fast jedem Wetter, mit Kind und Kegel.“
„Gar nicht im Ausland?“
Sommer 1989: eine Gruppe Jugendlicher auf einer Liegewiese im Freibad Pankow
© Eberhard Klöppel/dpa
„Im Herbst waren wir mal im Fagarasch-Gebirge oder der Tatra wandern, Brot und Käse von den Bauern in der Kraxe, Wasser aus der nächsten Quelle. In den Städtchen gab es etwas mehr Auswahl. Ich erinnere mich gern an den frischen Joghurt in Sibiu. Aber nirgends so etwas wie eine touristische Infrastruktur. Ich will den Mangel nicht romantisieren, aber wir kannten nichts anderes und hatten nicht das Gefühl, etwas Wichtiges zu vermissen.“
„Aber Badekleidung gab es doch zu kaufen, oder nicht?“
Jetzt muss ich lachen. Es reizt mich, ihm von den Jutesäcken des VEB Brennstoffhandels zu erzählen, die wir uns zurechtgeschneidert hatten. Nein, er will ein ernsthaftes Gespräch. Der Schwager hat sogar ein DDR-Museum besucht. Ich will mir also Mühe geben. Und ihm eine seriöse Antwort.
„Das Nötige gab es meistens zu kaufen an Lebensmitteln und Kleidung. Aber das hatte nicht die westliche Eigendynamik. Das Produzieren und Verbrauchen von immer mehr, immer neuen, manchmal besseren, manchmal überflüssigen Dingen, Wirtschaft um ihrer selbst willen, also mit dem Hauptzweck, ein Unternehmen am Laufen und Wachsen zu halten – das war ja bei uns abgeschafft. Wir hatten ja die Planwirtschaft, ein ganz anderes ökonomisches System. Deshalb schillern auch so viele Begriffe, die bis heute gleich lauten. Ganz alltägliche Worte wie Brot oder Geld oder Wohnung oder Auto. Es war etwas anderes gemeint, ein anderer Lebensstil. Aufgezwungen zwar, aber dann in der dritten Generation doch weitgehend verinnerlicht. Die Elsa und ich – wir haben als Kinder nichts vermisst in der ollen DDR. Erst später, im Studium, im Beruf, wurde es uns zu eng.“
„Du wolltest über die Nackten sprechen.“
Zwischen Selbstermächtigung und Eigenmächtigkeit
„Die selbstverständliche Nacktbaderei ist so ein Überbleibsel aus der DDR-Zeit, wir haben halt anders gelebt als ihr, ärmer auch, aber nicht nur. Ich kann es auch kurz machen und auf eine Formel bringen: Wir mussten uns nicht geben, wir durften uns zeigen.“
„Hoppla. Das widerspricht so ziemlich allem, was ich über die DDR gelernt habe.“
„Was hast du denn gelernt?“
„Dass man sich dort eben nicht so zeigen konnte, wie man war, weil man dann nämlich weggesperrt wurde.“
„Klar, man konnte in der Öffentlichkeit nicht sagen, was man dachte, war aber in allen nichtpolitischen Bereichen eher ungezwungen. Und die politischen Bekenntnisse beschränkten sich aufs Nachbeten der üblichen Formeln, mit einem Lippenbekenntnis kam man davon, wenn man dort nicht Karriere machen wollte. Und unter meinen Freunden und Bekannten wollte das niemand.“
„Warum eigentlich nicht?“
„Weil man viel zu verlieren und wenig zu gewinnen hatte. Kein Sozialprestige, die Funktionäre waren schlecht angesehen. Keine Autonomie, oder gar Autarkie, man blieb auch als Chef immer ein Machthaber von Gnaden der Partei, konnte nie ‚eigenmächtig‘ durch Kompetenz, Fleiß, angehäuftes Kapital Macht erwerben.“
„Selbstermächtigung ist bei uns positiv konnotiert.“
„Eigenmächtigkeit – das war ein schwerer Vorwurf gegen mich in einem Disziplinarverfahren. Ich habe mehrfach ähnliche Erfahrungen gemacht. Alle Macht blieb bei der Partei. Und die sogenannten materiellen Anreize hatten kaum Wirkung, was sollte man sich denn schon kaufen? Einen Saporoschez?“
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„Was ist das?“
„Ein futuristisches sowjetisches Vehikel, auch Zappelfrosch genannt. DDR-Konsumgüter waren kaum geeignet, ihre Besitzer aufzuwerten. Unsere Strategie war eine andere: die Mangelwirtschaft beim Wort zu nehmen. Als Chance zur Freiheit, freilich einer anderen Freiheit als der, zwischen 30 Duschgels wählen zu dürfen.“
„Freiheit? Verbote gab es aber genug bei euch, Elsa erzählt, wie sie angefeindet wurde, als sie in der Schule mit ihrer ersten Jeans auftauchte.“
„Wer wollte schon in den nachgemachten Klamotten der Jumo herumlaufen? Sich outen als braver Mitläufer? Ich kannte niemanden, der das wollte. Was wir uns dann doch herausnahmen bei all den Verboten: Uns schön zu finden als Nackedeis, unkompliziert miteinander zu schlafen, relativ unbesorgt um die sozialen Folgen und Verpflichtungen. Der Staat förderte das Kinderkriegen, Abtreibungen waren erlaubt, und wir setzten keine Karriere aufs Spiel, wenn wir die Kinderlein zu uns kommen ließen. Es war ja keine Leistungsgesellschaft, in der man nur aufsteigen oder abstürzen konnte. Wenn wir in so einem langen Feriensommer immer wieder nackt am Volleyballnetz standen, dann hatte das weniger mit spannender Erotik zu tun als mit einem kindlichen Gefühl von Sorglosigkeit. Uns konnte nicht so viel passieren, wie einem im Westen passieren kann, wenn man seine Zeit verbummelt. Die Volleyballnetze waren auch nicht so straff gespannt wie bei euch.“
„Das war jetzt eine Metapher.“
„Richtig.“
„Aber wie soll man so ein anderes Zeitgefühl im Museum präsentieren?“
„Die Hinterlassenschaften aus DDR-Museen erzählen so viel und so wenig vom wirklichen Leben wie die Hinterlassenschaften der Stasi. Sie erzählen von uns als Opfern der Verhältnisse, der Überwachung und des Mangels. Sie erzählen nicht von uns, die wir uns aktiv zu den Unabänderlichkeiten verhalten haben. Das Beste daraus gemacht. Ohne den Staat. Also ohne uns mehr als nötig anpassen zu müssen.“
„Elsa hat mal gesagt, sie finde das Leben im Westen anstrengender und langweiliger. Das hab ich auch nie verstanden.“
Jetzt guckt er wieder so.
„Vielleicht verklärt sie da was“, sage ich, „ja, sie haben uns mit dem Nötigsten versorgt und eingehegt. Sie haben uns als Kinder behandelt, Schwererziehbare, deren Eltern einer regierenden Verbrecherbande auf den Leim gegangen waren. Sie haben uns bevormundet und geglaubt, damit das Beste für uns zu tun. Sie haben uns nicht getraut. Egal, was wir uns ausdachten oder anfingen – ihre Antwort war Misstrauen. Wir haben sie nie gewählt, aber sie blieben 40 Jahre lang mit Gewalt an der Macht. Was konnten wir tun in so einer Lage? Wir haben halt das Beste daraus gemacht in unserem gut überwachten Kindergarten. Wir haben einen großen Spielplatz daraus gemacht.“
Auch kein Grund, um in einen Konsumwahn zu verfallen: ein Saporoschez.
© depositphotos/Imago
Ich hoffe, so die Klischees zu bedienen, die er im Kopf hat. Aber er schaut wieder so. „Ich hab ganz andere Bilder im Kopf“, sagt er, „Stacheldraht, Stasi, die graue Tristesse überall.“
„Stimmt“, sage ich, „das ist der Blick von außen. Aber wenn du da lebst in der grauen Tristesse, dann musst du erfinderisch sein, sonst wird es sehr langweilig. Wer bei uns sein Lebensglück auf einen dem euren vergleichbaren Standard gründen wollte, machte sich lächerlich. Wer ein fesches Auto haben wollte, das es nicht zu kaufen gab, wer sich also selbstgebastelte Bug- und Heckspoiler an den Pkw Trabant klebte, fuhr dann etwas, das wir eine Rennpappe nannten. Wer sich ein Eigenheim bauen wollte, blieb lebenslang ein Gefangener all der technischen und administrativen Unzulänglichkeiten, vor allem aber des permanenten Baustoffmangels. Und wer etwa einen Urlaubsplatz am Schwarzen Meer ergattert hatte, stieß dort auf euch, die Landsleute von der anderen Seite. Ihr hattet das bessere Quartier, konntet es euch leisten, Essen zu gehen, ihr trugt die besseren Klamotten und das bessere Equipment zum Strand. Mein Eindruck war: Ihr wolltet die kostbaren Tage effektiv nutzen. Wir waren von Haus aus genügsamer. Klar wurde uns auch mal langweilig, aber mit Langeweile kannten wir uns aus. Wenn da jemand am Volleyballnetz herumstand, stellten wir uns dazu, spielten stundenlang in wechselnder Besetzung, ohne viel Ehrgeiz, aber mit viel Gelächter. Und wer sich ausgelacht fühlte, war selbst schuld. Wir brauchten keine Animateure. Wir lebten im Urlaub kein so extrem anderes Leben, denn in unserem Arbeitsleben ging es tatsächlich gemütlicher zu als in eurem. Wir lebten in nicht verwertbarer Zeit. Es gab niemanden, der mit unserer Arbeitskraft Profit machen wollte. Unsere Arbeitsplätze waren so sicher, wie sie eigentlich nicht hätten sein dürfen, und unsere Arbeit nicht so effektiv, wie sie eigentlich hätte sein müssen, um euch im Westen, wenn schon nicht zu überholen, so doch vielleicht einzuholen, irgendwann. ‚Überholen, ohne einzuholen‘, über Ulbrichts Parole ist viel gespottet worden. Heute erscheint sie in anderem Licht …“
„Ihr hattet uns ja schon überholt“, sagt der Schwager jetzt, „mit eurer Anspruchslosigkeit. Leben ohne Konsumismus, ohne Zwang zum Wachstum. Ihr wart uns immer voraus. Aber warum so nacktedei …?“
Martin Ahrends, 1951 in Berlin geboren, war zwischen 1986 und 1994 Redakteur und freier Mitarbeiter der Wochenzeitung Die Zeit. Seither arbeitet er als freier Autor. Neben publizistischen Arbeiten schreibt er auch literarische Texte: Seine Erzählungen, Essays, Romane u. a. sind bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, bei Wallstein in Göttingen und im Aufbau-Verlag Berlin erschienen.
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