Russland sucht zusätzliche Passagierflugzeuge im Ausland und hat sich dafür an Vietnam gewandt. Das Verkehrsministerium in Moskau schlug Hanoi vor, Maschinen vietnamesischer Fluggesellschaften im sogenannten Wet-Lease-Verfahren an russische Airlines zu vermieten.
Verkehrsminister Andrei Nikitin bestätigte den Vorstoß bereits am 9. September nach russisch-vietnamesischen Gesprächen in Moskau. Die entsprechenden Vorschläge seien an Vietnam übermittelt worden und würden dort geprüft, berichtete Interfax. Bei einem Wet Lease stellt der Vermieter neben dem Flugzeug auch die Besatzung. Je nach Vertrag übernimmt er zudem Wartung und weitere betriebliche Leistungen.
Eine Vereinbarung mit einer vietnamesischen Fluggesellschaft ist bislang nicht bekannt. Russland und Vietnam bauen ihren Flugverkehr allerdings kräftig aus. Nach Angaben des russischen Verkehrsministeriums beförderten russische Airlines in den ersten sieben Monaten des Jahres mehr als 900.000 Passagiere zwischen beiden Ländern, 3,5-mal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Ende September vereinbarten die Luftfahrtbehörden beider Staaten zudem, jeweils bis zu 105 Flüge pro Woche zu ermöglichen.
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Sanktionen erschweren Betrieb westlicher Jets
Der Vorstoß zeigt zugleich, unter welchem Druck Russlands zivile Luftfahrt inzwischen steht. Seit dem Angriff auf die Ukraine unterliegt der russische Luftfahrtsektor weitreichenden westlichen Sanktionen.
Die EU verbietet unter anderem die Ausfuhr von Flugzeugen, Triebwerken, Ersatzteilen und anderer Luftfahrttechnik nach Russland. Auch Wartungsleistungen und technische Unterstützung sind untersagt. Der Rat der EU schreibt ausdrücklich, russische Airlines könnten deshalb keine westlichen Flugzeuge und Ersatzteile regulär erwerben und notwendige Reparaturen oder technische Inspektionen nicht über europäische Anbieter abwickeln.
Russische Airlines haben zwar eigene Wartungskapazitäten aufgebaut und alternative Bezugswege geschaffen. Verkehrsminister Nikitin räumte Anfang des Jahres dennoch ein, dass die russischen Gesellschaften bei ihrer Kapazität mit Einschränkungen zu kämpfen hätten.
Das lässt sich inzwischen auch an den Flotten ablesen. Die Wirtschaftszeitung Kommersant wertete Ende Juni die elf größten russischen Airlines aus, die den weit überwiegenden Teil des Passagierverkehrs abwickeln. Demnach standen 130 von 673 Maschinen still, also 19,3 Prozent der Flotte. In der sommerlichen Hochsaison gelten nach Angaben von Branchenvertretern bis zu zehn Prozent als normal.
Kommersant nennt länger dauernde Wartungsarbeiten als unmittelbaren Hauptgrund. Die Zeitung verweist zugleich darauf, dass die Branche inzwischen im fünften Jahr unter Sanktionen arbeitet. Besonders deutlich war der Stillstand außerhalb der Aeroflot-Gruppe: Dort waren 93 von 322 Flugzeugen nicht im Einsatz.
Airbus und Boeing aus Vietnam wären heikel
Welche vietnamesische Airline Russland konkret im Blick hat, wurde nicht bekannt. Die staatliche Vietnam Airlines betreibt allerdings ausschließlich westliche Flugzeugtypen: Boeing 787 sowie Airbus A350, A320neo und A321.
Ein Einsatz solcher Maschinen für russische Fluggesellschaften könnte deshalb zusätzliche sanktionsrechtliche Hürden mit sich bringen. Die USA verlangen eine Genehmigung für US-Flugzeuge sowie bestimmte im Ausland produzierte Maschinen mit einem ausreichend hohen Anteil kontrollierter US-Technik, wenn diese nach Russland gebracht oder von russischen Unternehmen geleast beziehungsweise gechartert werden. Diese Vorschriften wurden in der Vergangenheit auch auf bestimmte Airbus-Flugzeuge angewandt.
Gerade Wet Leasing könnte für Russland trotzdem attraktiv sein: Die Maschinen kämen samt ausländischer Besatzung und könnten zusätzliche Kapazität schaffen, ohne dass die russische Airline sämtliche technischen und personellen Voraussetzungen selbst bereitstellen müsste.
Russlands neue MC-21 kommen erst ab Ende 2027
Eigene Flugzeuge können die Lücke vorerst nicht schließen. Besonders beim Mittelstreckenjet MC-21 haben sich die Termine mehrfach verschoben.
Aeroflot erwartet nach Angaben von Konzernchef Sergej Alexandrowski aus einem 2023 geschlossenen Vertrag die ersten acht MC-21 im vierten Quartal 2027. Die übrigen zehn Maschinen sollen 2028 folgen. Ein weiterer, im September unterzeichneter Vertrag über 90 MC-21 sieht Lieferungen zwischen 2029 und 2032 vor.
Die Verzögerungen hängen auch mit den Sanktionen zusammen. Der MC-21 war ursprünglich als internationales Projekt mit zahlreichen ausländischen Komponenten entwickelt worden. Nach dem Rückzug westlicher Partner musste Russland Systeme und Bauteile ersetzen und die neue Version erneut zertifizieren. Interfax zufolge soll die Serienproduktion der weitgehend importsubstituierten Version nun 2027 beginnen.
Bis genügend neue russische Maschinen verfügbar sind, bleibt Moskau damit auf seine vorhandene Flotte, alternative Ersatzteilquellen und zusätzliche Kapazitäten aus dem Ausland angewiesen.
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