Nato-Strategie

„Theorie des Sieges“: So will die Nato im Ernstfall einen Angriff Russlands stoppen

Ein neues Konzept soll traditionelle Streitkräfte mit Drohnen und Künstlicher Intelligenz verbinden. Im Angriffsfall sollen russische Truppen möglichst schnell zurückgeschlagen werden.

4 Min
Ein Drohnenpilot bei der Militärübung „Fighter Lion“ in Deutschland. Die Nato setzt bei ihrer Verteidigungsplanung zunehmend auf Drohnen und andere neue Technologien.

Ein Drohnenpilot bei der Militärübung „Fighter Lion“ in Deutschland. Die Nato setzt bei ihrer Verteidigungsplanung zunehmend auf Drohnen und andere neue Technologien.

© Vincent Jannink/imago

Die Nato arbeitet offenbar an einem neuen militärischen Konzept für den Fall eines russischen Angriffs auf ihre Ostflanke. Das Papier trägt den Titel „Theory of Victory“ – „Theorie des Sieges“ und soll zeigen, wie das Bündnis einen Vorstoß russischer Streitkräfte schnell stoppen und anschließend die angreifenden Verbände entscheidend schlagen könnte.

Wie Bloomberg am Montag berichtet, hat die Nachrichtenagentur Einblick in eine nicht als geheim eingestufte Fassung des Dokuments erhalten. Nato-Oberbefehlshaber in Europa Alexus Grynkewich will das Konzept demnach am 12. Oktober in Polen vorstellen. Hochrangige Regierungsvertreter und Diplomaten bestätigten Bloomberg den grundsätzlichen Zweck des Papiers.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um einen Nato-Angriff auf Russland. Das Konzept beschreibt nach dem Bericht, wie das Bündnis reagieren würde, wenn russische Truppen Nato-Gebiet angreifen. Zugleich soll glaubwürdige militärische Vorbereitung abschreckend wirken: Ein möglicher Gegner soll zu dem Schluss kommen, dass ein Angriff nicht erfolgreich sein kann.

Drohnen und Künstliche Intelligenz sollen russischen Vormarsch stoppen

Im Zentrum steht die Verbindung klassischer Streitkräfte mit Technologien, deren Bedeutung sich im Ukraine-Krieg stark erhöht hat. Dazu gehören kostengünstige Drohnen, unbemannte oder nur mit wenigen Soldaten besetzte Systeme sowie KI-gestützte Zielerfassung.

Für den Fall eines russischen Angriffs sieht das Konzept laut Bloomberg zunächst vor, den Vormarsch mit Bodentruppen und Fähigkeiten der Eastern Flank Deterrence Initiative (EFDI) aufzuhalten. Sobald die Nato wieder ausreichende Bewegungsfreiheit gewonnen hätte, sollen Führungs- und Kontrollstrukturen der angreifenden Kräfte ausgeschaltet werden. Ziel wäre es, die russischen Verbände schnell und deutlich zu schlagen.

Dass diese Technologien nicht nur auf dem Papier existieren, bestätigen offizielle Angaben. Die US-Armee beschreibt die EFDI als Nato-Initiative, die gegnerische Vorteile durch Masse und Geschwindigkeit mit kostengünstigen unbemannten Systemen, KI-gestützter Zielerfassung und mehrschichtiger Verteidigung ausgleichen soll. Daten verschiedener Sensoren und Waffensysteme sollen dabei über ein gemeinsames Netzwerk nahezu in Echtzeit zusammengeführt werden.

Im Juni testeten Nato-Soldaten in der Slowakei bereits Drohnen, Bodenroboter, Systeme zur Drohnenabwehr und neue Kommunikationsverfahren im Rahmen dieser Initiative. Die Nato beschreibt das Gebiet, für das die Fähigkeiten vorgesehen sind, als Ostflanke vom hohen Norden bis zum Schwarzen Meer.

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Nato will Führungsstrukturen des Angreifers ausschalten

Der Ansatz unterscheidet sich damit von einer reinen Verteidigung unmittelbar an der Grenze. Nach einem gestoppten Einmarsch soll die Nato laut Bloomberg die Initiative übernehmen und insbesondere die Führungs- und Kontrollfähigkeit der angreifenden Streitkräfte zerstören.

Wo solche Ziele liegen könnten und welche Waffen dafür vorgesehen wären, geht aus der öffentlich beschriebenen Fassung nicht hervor. Aus dem Dokument lässt sich deshalb insbesondere nicht ableiten, dass Angriffe auf bestimmte Ziele tief im russischen Staatsgebiet geplant wären.

Grynkewichs Sprecher, Oberst Martin O'Donnell, wollte sich gegenüber Bloomberg nicht zu Einzelheiten äußern. Er betonte jedoch den defensiven Charakter des Bündnisses. Die „Theorie des Sieges“ des Nato-Oberbefehlshabers sei im Kern einfach: Die Nato müsse ihren militärischen Vorteil bewahren und Bedingungen schaffen, die Aggression abschreckten. Falls das Bündnis dennoch angegriffen werde, müsse es gewinnen können.

Auch hybride Angriffe Teil der neuen Strategie

Das Papier befasst sich laut Bloomberg nicht nur mit einem konventionellen Einmarsch. Auch hybride Angriffe unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges sollen gemeinsam beantwortet werden. Gleichzeitig betont das Konzept die Notwendigkeit, unbeabsichtigte Eskalationen zu vermeiden.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte erst Ende September erklärt, es gebe derzeit keine unmittelbar bevorstehende militärische Bedrohung für Nato-Gebiet. Einen größeren russischen Truppenaufmarsch würde das Bündnis nach seiner Einschätzung frühzeitig erkennen. Zugleich warnt die Nato seit Monaten vor Sabotage, Cyberangriffen und Drohnenvorfällen in Europa.

Rutte sagte am 30. September ausdrücklich, derzeit gebe es „keine unmittelbare Bedrohung für das Nato-Gebiet“. Sollte Russland jedoch größere Truppen für einen möglichen Angriff zusammenziehen, werde das Bündnis dies erkennen und entsprechend reagieren.

Nato investiert Milliarden in Drohnenabwehr

Die „Theory of Victory“ fügt sich in einen größeren Umbau der Nato-Streitkräfte ein. Das Bündnis erklärte im Juli, Drohnen hätten den Charakter moderner Kriegsführung grundlegend verändert. In den kommenden fünf Jahren sollen nach Nato-Angaben mehr als 40 Milliarden US-Dollar in Fähigkeiten zur Drohnenabwehr investiert werden. Bis Ende 2027 soll außerdem fünfmal so viel militärisches Personal im Umgang mit Drohnen ausgebildet werden wie bislang.

Das neue Papier soll den Mitgliedstaaten zugleich verdeutlichen, wie traditionelle Waffen wie Panzer und Artillerie künftig mit Drohnen, Robotik und Künstlicher Intelligenz verbunden werden sollen. Damit fließen Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine zunehmend unmittelbar in die Verteidigungsplanung der Nato ein.

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