Fotografie

Deutscher Friedenspreis für Sebastian Wells und Vsevolod Kazarin

Der Berliner Ostkreuz-Fotograf Sebastian Wells und der Ukrainer Vsevolod Kazarin wurden am Donnerstagabend ausgezeichnet. Ihre Fotos erschienen zuerst in der Berliner Zeitung.

4 Min
Der Ostkreuz-Fotograf Sebastian Wells vor Bildern der Ausstellung im Willy-Brandt-Haus

Der Ostkreuz-Fotograf Sebastian Wells vor Bildern der Ausstellung im Willy-Brandt-Haus

© Benjamin Pritzkuleit

„Fotografie kann keinen Krieg beenden. Aber sie kann für Sichtbarkeit sorgen.“ Das sagt der 26-jährige Ostkreuz-Fotograf Sebastian Wells am Donnerstag im Berliner Willy-Brandt-Haus am Schluss seiner Dankesrede, die er vor den mit dem Friedenspreis bedachten Fotos hält. Und er betont, dass die Aufnahmen von jungen Leuten im Zentrum von Kiew wenige Wochen nach Beginn von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine als Gemeinschaftswerk mit dem Fotografen Vsevolod Kazarin entstanden sind.

Der Freund, erst 21 Jahre alt, konnte nicht zur Preisverleihung nach Berlin kommen. Männer im wehrfähigen Alter dürfen die Ukraine nicht mehr verlassen. „Also stehe ich für ihn hier“, sagt Wells und erzählt, dass er sich erst vor wenigen Wochen mit Kazarin erneut in Kiew getroffen habe, um  vielleicht ein weiteres Fotoprojekt zu planen. Und um so wieder nach einer Antwort auf die Frage zu suchen, was Fotografie überhaupt ausrichten kann, wenn Städte und Infrastrukturen zerstört werden, Soldaten und Zivilisten sterben und für die Ukrainer doch starkes Kriegsgerät, gute Waffen, Munition, Nahrung und medizinische Hilfe das unabdingbar Notwendigste, Wichtigste sind.


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Sebastian Wells, der aus Königs-Wusterhausen stammt und in der Agentur Ostkreuz von seinem Lehrmeister Werner Mahler ermutigt wurde, mit dem Kameraauge immer nach dem Wesentlichen zu suchen und nach dem gewissen Etwas, das mehr sagt, als nur der oberflächliche Schein, war wie sein ukrainischer Kollege ganz dicht dran am gnadenlos in den Alltag eingedrungenen Krieg – ohne direkte Kriegsszenen fotografiert zu haben.

Da ist das dünne Mädchen, das auf einem Platz an einer dort vertikal ins Pflaster eingedrungenen russischen Rakete lehnt, als wäre sie ein Marterpfahl. Da ist die Muslima mit den traurigen Augen vor einem dichten Militärtarnnetz. Und die blutjunge Mutter, die mit ihrem kleinen Jungen im Oval einer Skulptur hockt, als wäre deren Beton eine Schutzmauer, derweil dahinter ein Eisenträger – das krude Fragment einer Hausruine – drohend ins Bild ragt. Daneben die Großaufnahme eines Teenagers an einem Geländer, hinter dem sich eine riesige Pyramide von Sandsäcken auftürmt. Links eine orthodoxe  Kirche. Und dann fällt unser Blick auf die nackten Füße des Jungen: Er steht auf zwei Nagelbrettern, wie ein Fakir, als lerne er so demonstrativ, Schmerz zu ertragen, den körperlichen und den seelischen.

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Aus der Reihe der mit dem Friedenspreis bedachten Fotos

Aus der Reihe der mit dem Friedenspreis bedachten Fotos

© Benjamin Pritzkuleit

Auch das sind Gesichter des Krieges. Die einer Jugend, der dieser Krieg die Jugend nimmt. Für diese Bilder vor Sandsäcken, Panzersperren, Ruinen hatte Wells (dessen Reportagefotos wir schon seit einigen Jahren aus der Berliner Zeitung, aus der taz und aus der Fußballzeitung Elf Freunde kennen und lieben) kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine den Aufenthalt im frühlingshaft-lieblichen belgischen Gent abgebrochen und war nach Kiew gefahren. „Ich hab es nicht mehr ausgehalten, ich musste was tun“, sagt er heute.

Er traf sich mit Kazarin, mit dem er schon eine Weile hin und her gemailt hatte, und sie gingen mit den Kameras auf Straßen und Plätze der ukrainischen Hauptstadt, fragten Jugendliche, ob sie sich fotografieren lassen würden. Keiner lehnte ab. Sich zu zeigen in ihrer Angst, ihrer Wut, ihrem Schmerz, aber auch ihrer Entschlossenheit, das war ihnen genauso so ernst wie den beiden Fotografen.  

Die 34 dann entstandenen Fotos von Wells und Kazarin wurden im Juni 2022 in der Berliner Zeitung veröffentlicht. Der Friedenspreis für Fotografie des Sponsors Felix Schoeller, ein sozial engagierter Spezialpapierhersteller, sowie der Friedensstadt Osnabrück als Auslober, helfe, so Wells, dem Projekt Somnia, einem Magazin als Plattform „für Fotokunst, die Widerstand leistet“.

Plötzlich erwachsen: Porträts junger  Leute in einer Stadt im Krieg

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© Benjamin Pritzkuleit

Deutscher Friedenspreis für Fotografie. Bis 5. November im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28. Eintritt frei/Ausweis erforderlich.

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