Wer hätte das gedacht, dass ein in Ehren ergrauter 68er gut 41 Jahre nach den Pariser MaiUnruhen ein solches Comeback feiern würde? Nicht einmal Daniel Cohn-Bendit selbst hatte das für möglich gehalten. Nicht einmal er hatte geglaubt, dass sein bunt zusammengewürfeltes Bündnis "Europa Ökologie" bei den Wahlen derart auftrumpfen und Frankreichs Sozialisten mit 16,3 Prozent der Stimmen den zweiten Platz streitig machen würde. Die Meinungsforscher, die Politikwissenschaftler, die gewöhnlich gut unterrichteten Kreise: Sie alle lagen daneben.Vier Tage nach der Wahl brüten Sieger wie Verlierer noch immer über den Ergebnissen, versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Von Cohn-Bendit lernen, heißt siegen lernen. So viel steht fest. Zumal die auf beschämende 16,5 Prozent zurückgefallenen Sozialisten sagen sich das. Aber was kann man von dem 64-Jährigen lernen, der einst als roter Dany auf den Barrikaden stand und seit mehr als einem Jahrzehnt als Abgeordneter der Grünen im Europaparlament sitzt?Erfreuliche Dinge zunächst. Die erste Lehre, die sich aus dem Erfolg des Öko-Bündnisses ziehen lässt, lautet: Mit Europa lässt sich doch noch punkten, selbst in Frankreich, wo das Volk vor vier Jahren die von allen etablierten Parteien gepriesene EU-Verfassung in einem Referendum vom Tisch gefegt hat. Als einzige Partei hatte "Europa Ökologie" die EU-Wahl nicht zu innenpolitischen Zwecken missbraucht. Anders als die Sozialisten, die dazu aufgefordert hatten, den laut Umfragen wenig geliebten Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy abzustrafen, ist Cohn-Bendits Bündnis mit einem Programm für die EU vor die Wähler getreten, hat ein ökologisches, soziales Gesellschaftsmodell für Europa verfochten.Eine zweite Lehre lautet: Auch in Frankreich hat ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Auch dort misst die Gesellschaft dem Umweltschutz deutlich mehr Bedeutung bei als noch vor fünf Jahren. Wobei dies weniger Frankreichs Grünen zu verdanken ist, die schon immer für Klimaschutz oder Mülltrennung gestritten haben. Wenn heute links des Rheins Bio-Eier und ungespritztes Gemüse in allen Supermärkten zu haben sind, wenn nicht mehr belächelt wird, wer seine Flaschen zum Glascontainer trägt, ist das auch ein Verdienst der etablierten bürgerlichen Parteien. Staatschef Nicolas Sarkozy und sein Umweltminister Jean-Louis Borloo haben den Erhalt der Umwelt weit oben auf die Agenda gesetzt, tun Gutes für die Natur und reden davon. Wobei vom Bewusstseinswandel bei den Wahlen dann letztlich diejenigen profitiert haben, die ihn am längsten und am kompromisslosesten propagieren: die Grünen eben.Kompromisslos tun sie es auch insofern, als sie den Ausstieg aus der Atomenergie fordern, während Sarkozy im In- und Ausland den Bau französischer Kernkraftwerke vorantreibt. Aus dem Coup der Grünen zu schließen, dass der breite gesellschaftliche Konsens wankt, wonach die Atommacht Frankreich ihren Energiebedarf vor allem mit Hilfe der Atomkraft zu decken hat, hieße das Wahlergebnis freilich überinterpretieren. Die Gewichte mögen sich verschoben haben, die Kernkraftgegner zahlreicher geworden sein. Im Ergebnis heißt das aber nur, dass aus der winzigen Minderheit der AKW-Gegner eine kleine Minderheit geworden ist.Eine dritte Lehre lautet: Wer den Wähler gewinnen will, muss ihm signalisieren, dass er selbst von dem überzeugt ist, was er anpreist. Die Kandidaten einer Partei müssen da ihre Reihen schließen, persönliche Eitelkeiten zurück- und die für gut erkannte Sache gemeinsam herausstellen. Frankreichs in unendliche Führungskämpfe verstrickte Sozialisten haben es daran fehlen lassen. Die gewöhnlich in alle Himmelsrichtungen auseinander- strebenden grünen Gruppen und Grüppchen haben es unter der Führung des charismatischen Cohn-Bendit geschafft, mit einer Stimme zu sprechen.All dies vermag den Triumph der Umweltschützer nicht abschließend zu erklären. Und es sind auch Faktoren zu berücksichtigen, die den Erfolg Cohn-Bendits und seiner Mitstreiter relativieren. Da ist vor allem die Wahlenthaltung von 60 Prozent. Sie erinnert daran, dass Europa den Franzosen bei allem Bewusstseinswandel noch immer erschreckend fern ist. Offenbar hat sich bis heute nicht herumgesprochen, dass es vor allem die EU ist, die Frankreich regiert. Die Enthaltung besagt auch, dass hinter "Europa Ökologie" eben nur 16,3 Prozent von 40 Prozent an Europa und wohl auch der Umwelt besonders interessierten Franzosen stehen dürften.Gemessen daran, dass es die Präsidentschaftskandidatin der Grünen 2007 nur auf 1,7 Prozent gebracht hat, ist das Erreichte gleichwohl ein Wunder. Wenn es die in Euphorie geeinten Umweltschützer nun noch schaffen, aus dem von Cohn-Bendit geschmiedeten Wahlbündnis eine dauerhafte Allianz zu schmieden, könnten sie in Frankreichs Politik eines Tages sogar entscheidend mitreden. Das wäre dann das zweite grüne Wunder.------------------------------Vom Bewusstseinswandel der Franzosen haben bei den Wahlen letztlich diejenigen profitiert, die ihn schon am längsten und am kompromisslosesten propagieren: die Grünen eben.
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