Franz Müntefering kann der SPD helfen, wenn er nicht so agiert wie vor seinem Rückzug

Hier kommt der Muntermacher

Daniel Haufler
3 Min

Wenn die Not groß ist, erinnert man sich gern an glorreiche Zeiten. In der SPD denkt man dann gern an große Visionäre wie Carlo Schmid und Willy Brandt, an strenge Zuchtmeister wie Herbert Wehner und Hans-Jochen Vogel oder auch an alte Fahrensmänner wie Friedhelm Farth-mann und Franz Müntefering. Im kollektiven Gedächtnis der Partei gelten sie als prägende Gestalten.Insofern verwundert es nicht, dass Münteferings bevorstehende Rückkehr auf die politische Bühne mit außerordentlich großen Erwartungen verbunden ist. Zum Beispiel bei den bayerischen Sozialdemokraten, denen er Anfang September mit einem Auftritt im Landtagswahlkampf neuen Schwung verleihen soll. Er sei ein "Muntermacher" und "Hoffnungsträger", sagt etwa der ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter.Ganz so begeistert über Müntefering waren die Sozialdemokraten nicht immer. Und dafür gibt es einige gute Gründe. Noch im letzten Jahr etwa verärgerte er die Partei, weil er als letzter Gralshüter Änderungen an der Agenda 2010 ablehnte. Offen suchte er den Machtkampf mit SPD-Chef Kurt Beck, der sich auf dem Hamburger Parteitag letztlich durchsetzte.Auch keineswegs vorbildlich war sein Rücktritt als SPD-Vorsitzender Ende 2005. Seinerzeit wollte er gegen heftigen Widerstand aus der Partei unbedingt seinen Adlatus Kajo Wasserhövel zum Generalsekretär machen. Sein autoritärer Führungsstil, der viele auf ungute Weise an Gerhard Schröder erinnerte, verärgerte sogar ihm zuvor freundlich gesonnene Genossen. Wasserhövel scheiterte, und Müntefering machte einen halben Lafontaine.Eine Bilanz seiner Zeit als Parteivorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen und später im Bund fällt ebenfalls nicht positiv aus. So hat er die Organisationsreform an Rhein und Ruhr nur äußerst halbherzig vorangetrieben. Zudem konnte er in dieser Zeit weder die Mitgliederverluste noch die dramatischen Wahlniederlagen verhindern. Obwohl er lange sicher zu Recht als Sozialdemokrat wahrgenommen wurde, der wesentlich zum Zusammenhalt der Partei beitrug, hat er kaum Kontakt zur Basis gefunden.Vielleicht liegt das auch daran, dass in all den Jahren selten klar wurde, für welche politischen Inhalte Müntefering eigentlich steht - abgesehen von der Agenda 2010. Programmatisch hat er sich und die SPD nie groß profiliert, sondern völlig problemlos als Bundesgeschäftsführer und Generalsekretär für so unterschiedliche Vorsitzende wie Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder die Partei organisiert. Dabei orientierte er sich stets an dem Leitspruch von Friedrich Engels, dass Freiheit die "Einsicht in die Notwendigkeit" sei. Daher setzte er mit Schröder die Agenda 2010 durch. Die Globalisierung machte sie ja schließlich notwendig.Notwendig war für ihn auch, an der Macht zu bleiben, da er Opposition für "Mist" hält. Dieses An-der-Macht-Bleiben hat die SPD in den letzten Jahren allerdings erst so richtig in Schwierigkeiten gebracht. Denn einerseits kann sie sich von ihrer einstigen Agenda-Regierungspolitik nicht distanzieren und muss hinnehmen, dass sich links neben ihr eine weitere sozialdemokratische Partei etabliert. Und andererseits wird sie von einer CDU, die sich zusehends sozialdemokratisiert, allmählich von rechts aus der Mitte verdrängt.Das ist fatal für die SPD. Schließlich zeigen Umfragen, dass die gesellschaftliche Mitte nach links rückt. Die Sozialdemokraten werden auf absehbare Zeit ihre Krise nicht überwinden, falls sie diese Bewegung nicht überzeugend nachvollziehen. Nur wenn Müntefering die Einsicht in diese Notwendigkeit teilt, könnte er als Muntermacher und Hoffnungsträger der Partei wirklich helfen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner