Franz Müntefering mag Tempo beim Gehen und knappe Telefonate. Der SPD-Vorsitzende über seinen Umgang mit Zeit, Spaß am Rechnen und den neuen Stolz der Sozialdemokraten

Der Schrittmacher

Regine Zylka
17 Min

INTERVIEW: REGINE ZYLKA (TEXT) UND ANDREAS LABES (FOTO)Der Besprechungstisch im Büro des SPD-Vorsitzenden ist oval. Franz Müntefering sitzt normalerweise am Kopfende, mit dem Rücken zur Fensterfront. Der Fotograf zögert ein wenig. Gegenlicht ist ungünstig für Porträtbilder, aber wie setzt man einen Parteichef um? Müntefering kommt ihm zuvor: "Ich setz' mich auch woanders hin, ganz wie Sie wollen", sagt er freundlich. Der Fotograf platziert ihn daraufhin an der Längsseite des Tisches, dem Tageslicht zugewandt. Müntefering, der manchmal die Augen schließt, wenn er mit Gesprächspartnern Blickkontakt aufnehmen will, scheint es zu gefallen. Während des Interviews über Zeit und ihre Bedeutung schaut der SPD-Chef viel aus dem Fenster. Fragen zu seiner neuen Freundin will er nicht beantworten. Indirekt antwortet er dann aber doch darauf.Herr Müntefering, wir haben eine gute Stunde für dieses Gespräch. Ist das viel oder wenig?Zu wenig.Wieso?Es gibt viel zu sagen zum Thema Zeit.Warum geben Sie uns dann nicht mehr Zeit? Sind Sie Herr über Ihren Terminkalender oder Knecht?Nicht Herr, nicht Knecht. Die Tage müssten mehr Stunden haben, aber die Erdumdrehung ist nun mal so.Obwohl Europa-Wahlkampf und Krise ist, verbringen Sie momentan viel Zeit in Verbänden ihrer Partei. Warum machen Sie das?Ist gut für meine Erdung. Ich bin gerne im Getümmel, ich will wissen, was in der Partei los ist. Und es macht den roten Brüdern und Schwestern Mut, denke ich. Die Partei registriert, dass der Vorsitzende unterwegs ist, mittendrin. Das stärkt das Gemeinsamkeitsgefühl.Macht das mehr Spaß, als ein Ministerium zu führen?Anderen. Ist eine große Sache, das mit der Partei. Heute habe ich auch die nötige Zeit dafür. 2004, als ich gleichzeitig Partei- und Fraktionsvorsitzender war, hatte ich das nicht so.Trotzdem beklagen Sie manchmal, wie wenig Zeit Ihr Job für andere Dinge lässt. Was vermissen Sie denn?Ich habe einen Berg Bücher, von denen ich zehn ganz dringend lesen müsste. Wenn ich morgens wach werde, liegt da aber ein Tagesplan. Wenn ich abends lese, dann meistens das, was ich am nächsten Tag brauche. Ich glaube, dass unsere Welt ein wenig darunter leidet, dass wir uns keine Zeit mehr nehmen für die Muße des Nachdenkens. Man sollte nicht immer so tun, als ob man alles schon wüsste und kennte. Man kann nicht alles wissen.Sie sind seit 43 Jahren in der SPD. Wie viele gefühlte Jahre haben Sie davon in Gremien verbracht?Ich würde mal sagen fünf. Ja, das kommt schon hin.Hätten Sie im Rückblick manche dieser Abende lieber mit Ihren Töchtern verbringen wollen?Ach, das wäre jetzt ungerecht, wenn ich das sagte. Man lernt in der Politik viele interessante Menschen kennen. Leute, die bereit sind, sich für die Gesellschaft zu engagieren, sich einzumischen, zu streiten. Frauen und Männer, Alte und Junge. Gar nicht immer die mit großen Namen. Das sind oft auch ganz einfache Mitglieder, die einen sehr überzeugen, weil sie auf eine redliche Art, oft auch selbstironisch, sich Gedanken machen, wie das mit der Welt eigentlich ist. Und was man tun muss, damit es besser wird. Die trifft man eben gehäuft in Parteien. Wenn ich früher Fußball gespielt habe, dann waren da 15, 20 Jungs, die haben halt Ball, Ball, Ball gedacht. Politik beschäftigt einen anders. Wir haben uns die Köpfe heißgeredet, ohne immer ein Tor schießen zu wollen. Ich habe sehr davon profitiert.Dann ist das kein Klischee und die SPD ist doch eine Art Familie für Sie?(Nickt) Ich habe das mal säkularisierte Kirche genannt. Man liebt sich nicht nur, aber es ist eine besondere Form von Verbundenheit.Aus der sich auch mehr ergeben kann ...Im Einzelfall auch. Ja.Na dann Glückwunsch. Platzt Ihnen nie der Kragen, wenn stundenlang über ein Thema diskutiert wird?Doch schon, aber rumgebrüllt habe ich nie. Ich neige nicht zu cholerischen Ausfällen. Jeder Mensch hat seine Gefährdungen, bei mir ist das eher die zynisch-sarkastische Art. Die ist nicht laut. Die halte ich aber möglichst zurück, das habe ich gelernt.In solchen Sitzungen wird oft viel geredet, aber nichts geklärt. Ist das nicht eine einzige Zeitverschwendung?Ich saß mal mit Johannes Rau und Björn Engholm und anderen zusammen, wir redeten stundenlang und kamen zu keinem Ergebnis. Da hat Johannes gesagt: Ich gehe jetzt nach Hause und schreib euch meine Meinung auf. Er schrieb eine Bezugsstelle im Evangelium auf. Wir haben sie gefunden. Da stand: Der eine sagt dies, der andere jenes, und sie verstanden einander nicht. Oder so ähnlich. Ja, viele Debatten sind verloren, aber das gehört auch dazu.Was machen Sie, wenn Ihnen in Sitzungen langweilig wird?Ich male, vorzugsweise auf Servietten. Ich kritzele. Denn ich kann überhaupt nicht malen, vor allem nicht perspektivisch. Auf dem Blatt schiebt sich immer alles ineinander. Bei Frank-Walter Steinmeier kann man immer erkennen, ob der Tisch hinten oder vorne steht, an ihm ist ein richtiger Architekt verloren gegangen. Manchmal fange ich an, etwas zu schreiben. Das ist aber gefährlich. Ich kann nicht zuhören und was anderes denken.Sind Sie mit den Jahren geduldiger geworden oder haben Sie jetzt weniger Sitzfleisch?Früher habe ich mehr gesessen, glaube ich, heute springe ich eher auf und renne rum. Manchmal muss man sich einfach abreagieren, wenn man nicht meckern oder zynisch werden will - im Koalitionsausschuss oder so. Nee, geduldiger bin ich nicht geworden. Wenn man 69 ist, kommt einem eher in den Kopf, dass man sich etwas beeilen muss. Es könnte ja sein, dass in 31 Jahren doch alles vorbei ist.Das erklärt, warum man Sie nie schlendern sieht.Spazierengehen war schon immer meine Schwäche.Ende 2007 sind Sie von Heute auf Morgen aus dem Regierungsjob ausgestiegen, um bei Ihrer schwer kranken Frau zu sein. Viele Führungskräfte gibt es nicht, die so etwas machen. Wie haben Sie die Vollbremsung verkraftet?Ganz gut, ich hatte genug zu tun. Mit der Pflege war viel Zeit ausgefüllt, stundenweise konnte ich auch lesen. Ich habe noch mal viel gelernt, insofern war das auch ein Sabbatjahr, wie man so sagt.Ist Ihnen wirklich nicht schwer gefallen, aus vollem Tempo in eine andere Welt zu fallen und nicht zu wissen wie es weitergeht?Nicht so schwer, nein. Ich bin genug bei mir. Auch flexibel. Ich kann auch ohne Funktionen leben. Und die Aufgabe war da. Außerdem habe ich in dem Jahr das eine oder andere aufgeschrieben. Da gab es 'ne ganze Menge Text. Ein Teil davon bleibt unter Verschluss oder ist auch schon wieder weg.Wie weg? Haben Sie die Texte weggeschmissen?Ich schmeiße auch Tagebücher weg, man weiß schließlich nie, wo das landet hinterher.Es geht das Gerücht, Sie hätten sich weiter kräftig eingemischt in die Führungsstreitigkeiten der Sozialdemokraten. Haben Sie viel mit Parteifreunden telefoniert ?Ja, aber das dauert dann häufig nur zehn oder 15 Sekunden. Wer gerne lange redet, telefoniert nicht gerne mit mir. Ich bin da anstrengend, ich weiß. Aber so ist das halt. Ist wie mit dem schnellen Gehen und den kurzen Sätzen.War kein bisschen Flucht vor Kurt Beck mit im Spiel?Nein. Ich kann mich schnell einstellen auf neue Situationen, jedenfalls wenn ich das als nötig und richtig empfinde. Das war es.Hatten Sie wegen Ihres Rücktritts kein schlechtes Gewissen angesichts der Lage, in der die SPD sich befand?Ich war mit mir im Reinen. Das habe ich auch von Helmut Schmidt gelernt. Man kann nicht immer sagen, ob man das Richtige tut, aber man muss sich entscheiden, wenn die Zeit da ist und dann auch dazu stehen.Sie haben mal erzählt, dass Sie zu Hause in Bonn täglich auf dem Laufband waren und dort ein spezielles Verhältnis zur Digitalanzeige entwickelt haben. Was ist so spannend an den Zahlen?Das ist ein alter Tick von mir. Ich mache gerne Rechenspiele. Ein Jahr hat 8 760 Stunden, ein Schaltjahr 8 784. Schon in meiner Bundeswehrzeit konnte ich den anderen jederzeit sagen, wie viel Stunden das noch waren bis zur Entlassung. Auf dem Laufband rechne ich immer mit. Wenn man Tempo zehn läuft, und 20 Minuten vorbei sind, hat man 3,3 Kilometer. Man weiß dabei immer, in wie viel Sekunden man wie weit sein muss. So mache ich das auch im Wahlkampf.Stimmt es, dass Angela Merkel Sie halten wollte und Ihnen quasi eine Teilzeitstelle angeboten hat?Sie hat mich gefragt, ob man das nicht auch anders machen kann, also eine kurze Zeit ausscheiden und dann wiederkommen. Das war anständig von ihr. Ich hatte aber das Gefühl, das geht so nicht. Und ich hatte recht.Die meisten Menschen können sich nicht leisten, für die Pflege eines Angehörigen ganz zu Hause zu bleiben.Ja klar, ich war da privilegiert. Ich war finanziell gesichert, mir konnte nichts passieren. Ein 50-jähriger Familienvater kann sich nicht erlauben, diese Zeit zu nehmen und seinen Job wegzugeben. Insofern fand ich das nicht so außergewöhnlich von mir.Aber schön fanden Sie es schon, voll für Ihre Frau da zu sein?Es war gut, für uns beide. Wir hatten das auch verabredet. Wir hatten uns versprochen, wenn das passiert, dann bleibt der andere zu Hause und kümmert sich. Das habe ich auch bei meiner Mutter gemacht damals. Bei meinem Vater hatte ich das leider verpasst. Da habe ich nicht kapiert gehabt, wie krank er war. Das hat mich dann über die Jahre begleitet.Beeinflusst die Auszeit Ihre Politik?Ich finde heute, die Gesellschaft sollte offener über das Sterben sprechen. Wie erlebt man eigentlich die letzte Zeit des Lebens? Was macht man, damit man da menschlich gut durchkommt? Das gilt für diejenigen, die gehen, aber auch für diejenigen, die bleiben. Viele Menschen sterben ziemlich allein. Glaube ich. Sie werden nicht so intensiv begleitet wie es gut wäre.Ist das Älterwerden ein Zeitgewinn?Wir leben zehn Jahre länger als diejenigen, die 1960 vergleichbar alt waren. 88 000 Lebensstunden obendrauf sind ne ganze Menge. Das ist sehr gut.Man kann das aber auch als Last empfinden. Viele sind krank, einsam oder können mit ihren Tagen nicht so viel anfangen. Was kann die Politik für solche Menschen tun?Politik hat da Grenzen. Es geht um die soziale Gesellschaft. Wir müssen das Ehrenamt weiter stärken. Durch Krankenhäuser gehen Frauen in grünen Kitteln. Die gehen von Bett zu Bett und fragen: Wollen wir uns mal unterhalten? Großartig. Es sind zu 95 Prozent Frauen, die das machen. Auch in der ganzen Hospizbewegung arbeiten 95 Prozent Frauen. Ich frag mich, was mit uns Männern da los ist.Das Gerede von den neuen Männern stimmt also nicht?An der Stelle merke ich jedenfalls nichts davon. Ich kann uns einfach nur raten, da nicht nur zuzugucken, sondern das als eine Aufgabe zu verstehen.Können Sie berufstätige Eltern heute besser verstehen, die an der Doppelbelastung verzweifeln und dieses Märchen von der Vereinbarkeit nicht mehr hören können?Weiß ich nicht, ich hab das Jahr jedenfalls als Privileg empfunden. Ich musste mich nicht fragen, ob ich das schaffe. Bei allem, was wir jetzt so machen bei Bildung und Erziehung, sollten wir beachten, dass wir Zeit haben müssen für die Kinder. Wir sollten nicht klagen über die, die wir nicht haben, sondern uns um die kümmern, die da sind.Aber die SPD fordert vor allem Ganztagsschulen. Das tut sie doch deshalb, weil die Frauen arbeiten gehen wollen und auch sollen, oder nicht?Das sehe ich nicht so. Für mich ist das nicht zuerst eine Frage der Gleichstellung, sondern es geht um die Kinder. Jeder Mensch hat das Recht, Bildung und Erziehung zu erfahren. Zunächst sind die Eltern dran, aber wenn die das nicht schaffen, muss sich auch der Staat einmischen. Zeit füreinander haben bedeutet nicht, dass die ganze Familie zu Hause hockt. Die alte Linie, wir sind ne Sippe und machen das alles bei uns Hause, trägt nicht mehr weit. Viele Kinder haben keine Geschwister. Wir brauchen mehr Ganztagseinrichtungen, auch weil die Familien so klein geworden sind. Wir brauchen Orte, wo Behinderte und Nichtbehinderte, Deutsche und Nichtdeutsche miteinander groß werden. Kinder müssen lernen, wie das Leben wirklich ist.Man kann an den Wegscheiden seines Lebens manchmal in die eine oder in eine andere Richtung gehen. Denken Sie manchmal: Hätte ich damals bloß ...?Wenn man so zurückblickt, kann man sich alles mögliche vorstellen. Ich bin ja acht Jahre zur Schule gegangen und habe dann im Nachhinein gelernt, dass das zu wenig ist.Ihre Herkunft war jetzt nicht gemeint, eher Dinge, die Sie selbst beeinflussen konnten. Wie ist das zum Beispiel mit dem Rücktritt von Oskar Lafontaine: Wäre es aus heutiger Sicht nicht besser gewesen, 1999 anstelle von Gerhard Schröder den SPD-Vorsitz zu übernehmen?Nein. Wäre ich damals Parteivorsitzender geworden, wäre das Verhältnis zum Bundeskanzler kompliziert geworden. Wenn ich etwas sehe, wo ich vielleicht taktisch-strategisch nicht besonders klug gehandelt habe, dann war das 2004, als ich dann doch Parteichef geworden bin. Da hat Gerhard Schröder gesagt: Du musst das jetzt machen. Vielleicht wären wir etwas stabiler geblieben, wenn ich das gelassen hätte.Was war das Problem?Die Partei hat von mir erwartet, dass ich unsere Politik korrigiere. Sie hatte das Gefühl, ich könnte jetzt irgendwas tun, um von der Agenda wegzukommen. Das wollte ich aber nicht.Die SPD regiert fast elf Jahre. Vieles, was im neuen Wahlprogramm steht, hätten Sie längst durchsetzen können. Die Frauenquote in Aufsichtsräten etwa. Ärgert es Sie, Gelegenheiten verpasst zu haben?Dass wir nicht immer alles sofort umsetzen können, was wir wollen, dass was hängen bleibt im Gestrüpp, das ist so. Ich will das nicht schönreden. Man darf aber nicht zu absolutistisch sein in seinen Erwartungen. Wenn was liegen geblieben ist, muss man halt neu ansetzen. Den Stein neu rollen. Außerdem lernt man dazu.Hat die rot-grüne Bundesregierung dem angeblich neoliberalen Zeitgeist, also den Finanzhaien, die Sie jetzt auf Plakaten anprangern, zu sehr nachgegeben?Das glaube ich nicht. Natürlich haben wir in der Zeit auch Gesetze gemacht, die Möglichkeiten für Hedgefonds eröffnet haben. Aber restriktiver und kontrollierter als andere Länder. Wenn Deutschland das nicht teilweise zugelassen hätte, dann wäre das Geld aus Deutschland in andere Länder abgeflossen und das hätte Arbeitsplätze gekostet. Das ist ja das Verhängnisvolle. Wenn die ganze Welt falsch rumspielt, dann können Sie nicht nationalstaatlich dagegen spielen. Deshalb muss man das ganze Spiel verändern. International. Das macht jetzt Peer Steinbrück.Die Agenda-Politik hat Sie aber abgehalten, andere Probleme überhaupt noch zu sehen, oder warum fällt Ihnen heute plötzlich ein, die Ostdeutschen würden sich über eine neue Verfassung freuen? 20 Jahre nach dem Mauerfall ist das etwas spät, oder?Mit Agenda hat das nichts zu tun. Ich denke, dass die Menschen leichter über geschichtliche Ereignisse reden, wenn sie Distanz gefunden haben. Ich habe das ja schon mal erlebt. Als Mitte der 60er-Jahre die Jugendrevolte begann, wurde in Westdeutschland zum ersten Mal offen über das gesprochen, was vor 1945 gewesen ist. Natürlich kann man das nicht vergleichen, Geschichte unterscheidet sich, aber: Als ich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in den neuen Ländern auftrat, war ich als Politiker befangen. Ich dachte immer: Bloß kein falsches Wort. Ich fragte mich: Was musst du tun, damit du nicht irritierst? Das ist im Grunde weg, man redet jetzt offen. Ob das dazu führt, dass man an unserer guten Verfassung was ändert, weiß ich nicht. Aber die Debatte ist nützlich.Den Vorwurf, Sie haben die Diskussion nur deshalb angefangen, weil Wahlkampf ist, lassen Sie an sich abprallen?Den Vorwurf suche ich geradezu. Es wäre ja komisch, wenn ein Politiker die Menschen nicht überzeugen will. Nichts anderes ist Wahlkampf: Streit um den richtigen Weg, um Überzeugungen, um die bestmögliche Lösung.Muss man als Politiker in dieser schnelllebigen Zeit vor allem beharrlich sein oder eher beweglich?Man muss seine Werte und seine Ziele halten und muss beweglich genug sein, um den richtigen Weg dahin zu finden. Für den Wahlkampf habe ich das Beweglichkeit in der Bewegung genannt. Das klingt ein wenig spöttisch, aber man findet nicht immer den direkten Weg. Wenn man eine Schussfahrt macht, kann es sein, dass man zwischendurch ein paar Slalomtore nehmen muss. Das ist erlaubt, Kreisverkehr nicht.Als junger Politiker haben Sie bestimmt Machiavellis "Der Fürst" auswendig gelernt ...Nö.Sie kennen nicht Machiavellis vier Kriterien, an denen er politische Führungsfiguren vermisst?Ich kenne Max Weber. Der hat die Leidenschaft in der Sache, die Verantwortung fürs Ganze und das Augenmaß als entscheidend beschrieben. Augenmaß ist das Schwierigste. Man muss nahe genug dran sein an den Menschen, aber nicht zu nah. Sonst sieht man vor lauter Bäumen keinen Wald mehr. Ein guter Politiker muss ein bisschen Distanz halten. Das ist der Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Das ist die alte Geschichte zwischen der SPD und den Kommunisten.Was meinen Sie damit?In der DDR haben ein paar Idealisten gesagt: Wir machen den Sozialismus und alles ist gut. Auf dem Weg dahin dürfen wir auch 'ne Mauer bauen und Leute einsperren. So etwas haben die Sozialdemokraten immer abgelehnt. Für uns ist der Weg so wichtig wie das Ziel.Zurück zu Machiavelli. Eine politische Führungskraft, steht in seinem Buch, muss in den Geist der Zeit passen. Ist es bei Ihnen erst heute soweit? Haben Sie das Gefühl: Jetzt stimmt alles?Da ist was dran. Wir sind im Grunde wieder eine Bewegung geworden. Die Idee des Sozialen und Demokratischen ist die Denke dieser Zeit. Die Menschen erkennen heute den Staat an, den Sozialstaat, die Sozialpartnerschaft, die Regulierung von Wettbewerb und Markt. Ja, ich habe das Gefühl, dass ich in großer Übereinstimmung bin mit dem, was getan werden muss.Im Moment reden Sie häufig von der "Zeitenwende", wenn Sie über die Finanzkrise sprechen. In Wahrheit meinen Sie Ihre Partei, oder?Nö, die Gesamtlage auf der Welt ist so. Im Moment begreifen einfach viele, dass man soziale Marktwirtschaft, internationale Regeln braucht.Anders gefragt: Wollen Sie die Krise als Jungbrunnen für die SPD nutzen?Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass viele in der SPD wieder stolz sind, dabei zu sein. Sie wissen, dass wir um die Antworten im Detail noch kämpfen müssen, aber dass die Himmelsrichtung stimmt. Das alte Brandt-Wort passt wieder: Wir sind auf der Höhe der Zeit.Zeitenwende heißt doch aber nichts anderes, als dass eine neue Runde im Kampf um die politische Hegemonie beginnt. Also wer bestimmt, wie es weitergeht. Oder glauben Sie, die von Ihnen sogenannten Marktradikalen haben schon verloren?Nein, das glaube ich nicht.Wie wollen Sie die Partei wieder so stark machen, dass Sie ihre Ziele mittelfristig auch durchsetzen können?Zunächst müssen wir dafür sorgen, dass die Sozialistische Internationale besser zusammenwirkt. Die Katholen haben es gut, die sind eine globale Organisation, so was müssen wir auch haben. Und zu Hause müssen wir die soziale Gesellschaft in den Blick nehmen. Der Sozialstaat macht die Gesetze auf der Bundesebene. In der sozialen Gesellschaft zeigt sich, wie weit die Menschen aufeinander zugehen und das Zusammenleben gelingt. Vor Ort. Unsere Städte sind ganz wichtig.Sie wollen Ehrenamtler zwangsweise in die SPD aufnehmen?Sehr witzig.Für eine globale Zeitenwende ist das SPD-Programm ziemlich brav. Wie wäre es mal mit Altersradikalität?Noch mehr?Sie könnten es ja mal probieren.Peer Steinbrück macht das schon, obwohl er jünger ist.Verbalradikalität war nicht gemeint. Meckern ist kein Programm.Meckern ist aber auch kein Gegensatz zu Inhalten. Wir wollen die Steueroasen austrocknen. Wenn die anderen sich nicht bewegen, muss man halt lauter werden. Programme sind außerdem dazu da, dass die Partei selbst sich vergewissert und verständigt. Weiter zugespitzt wird im Wahlkampf. Da fällt uns schon noch was ein.Oskar Lafontaine tut deutlich radikaler, als wolle er die SPD schlucken .Der wird noch ruhiger werden in diesem Herbst. Lafontaine und seine Sache haben den Höhepunkt überschritten.Dann können Sie ihn ja schlucken.Ich will die Wähler. Überzeugen, wohlgemerkt.Die Vereinigung mit der Linken ist also auf der Zeitachse kein Projekt für Sie?Ich nehme doch nicht freiwillig diese WASG-Leute! Das sind Parteienfrikassierer. Die Vernünftigen kommen zu uns.Wie sehen Sie die SPD 2020? Als starke Volkspartei, die die vielen ausgetretenen Mitglieder wieder zurückgeholt hat?Starke Volkspartei auf jeden Fall. Vielleicht die einzige. Es ist nur im Moment keine Mode, in große Parteien reinzugehen. Ich sehe aber ganz viele junge Leute, die politisch klasse drauf sind. Die haben eher die Greenpeace-Mentalität und wollen in Wahlteams mitarbeiten. Sie wollen Aktionen machen, sich aber nicht binden.Da sie über die Jüngeren reden: Müssen die Jusos Sie irgendwann aus dem Willy-Brandt-Haus raustragen?Erstmal kandidiere ich Ende des Jahres zur Wiederwahl. 2011 ist dann der nächste Parteitag, da will ich noch mal antreten.Und weiter in die Zukunft denken Sie natürlich nicht.Die Gedanken sind frei.------------------------------Franz MünteferingIm November 2005 wurde er Arbeitsminister und Vizekanzler. Müntefering galt als Architekt der großen Koalition mit der CDU/CSU. In der rot-grünen Regierungszeit zuvor war er unter anderem Fraktionschef.Im Herbst 2007 trat er zurück, um seine krebskranke Frau Ankepetra zu pflegen, die im Juli 2008 ihrem Leiden erlag. Sein Mandat als Bundestagsabgeordneter hatte Müntefering behalten.Im Oktober 2008 wurde er SPD-Vorsitzender. Sein Vorgänger Kurt Beck hatte unter Druck aufgegeben. Das Amt hatte Müntefering schon einmal inne, war aber 2005 nach SPD-internem Streit zurückgetreten.Am 16. Januar 2009 wurde Müntefering 69 Jahre alt. Der gebürtige Sauerländer lernte Industriekaufmann und arbeitete bis 1975 in der Metallbranche. Aus seiner ersten Ehe hat er zwei Töchter.

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