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Frau Wabel und die Kraft der Urne: Die bewegende Geschichte einer Spätaussiedlerin

Im Jahr 1993 beginnt für eine russlanddeutsche Familie ein neues Leben in Thüringen. Doch die Erinnerung an den verstorbenen Sohn lässt sie nicht los.

Birgit Meyer
Birgit Meyer
6 Min
In einem großen Koffer brachte Frau Wabel die sterblichen Überreste ihres Erstgeborenen nach Deutschland (Symbolfoto).

In einem großen Koffer brachte Frau Wabel die sterblichen Überreste ihres Erstgeborenen nach Deutschland (Symbolfoto).

© Oberhaeuser/Imago

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Eigentlich war es Valentina Iwanowna Wabel, die unbedingt nach Deutschland gehen wollte, damals im Jahr 1993. Artur Wabel, ihr Ehemann und Nachfahre der aus dem Schwäbischen stammenden Auswanderer, die im 19. Jahrhundert dem Ruf der Zarin gefolgt waren, wollte lieber in Nowomoskowsk bleiben.

Zwar litt auch er unter dem kargen Leben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Er konnte sich aber nicht wirklich vorstellen, wie es ihm ergehen würde, in diesem fremden Deutschland, dessen Sprache er nur leidlich verstand und kaum sprechen konnte. Einzig die von seiner Frau immer wieder beschworene Aussicht auf eine bessere Zukunft für Alexej, den 30-jährigen Sohn, schien ein Argument zu sein, Russland zu verlassen und als Spätaussiedler einen Neubeginn zu wagen.

Ankunft in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenberg

Den älteren Sohn, Kolja, hatten die Wabels bereits zu Grabe getragen. Er hatte an der Hochzeitsfeier eines Freundes teilgenommen, im April 1986, in der Nähe von Tschernobyl. Die Strahlenkrankheit hatte ihn langsam aufgezehrt. Es gab keine Rettung für Kolja, den angehenden Sportlehrer, den gut aussehenden, athletischen Langstreckenläufer. Die Wabels trugen das Schicksal stumm, wie so viele andere Familien auch.

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Valentina Iwanowna hatte kurz darüber nachgedacht, ob es wohl möglich wäre, Koljas Urne einfach nach Deutschland mitzunehmen. Dann wäre auch er im Land der väterlichen Ahnen sicher und behütet im Kreis der Familie. Artur hielt dies für groben Unfug und verbot seiner Frau, die Totenruhe des Erstgeborenen zu stören.

Im August 1993 kamen die Wabels in Thüringen an, zunächst in Eisenberg, einer großen Erstaufnahmeeinrichtung, einige Wochen später dann in einer Kleinstadt in Nordthüringen. Artur und Alexej bekamen deutsche Personalausweise, Valentina blieb Russin mit Aufenthaltstitel. Die zugewiesene, karg möblierte Plattenbauwohnung am Stadtrand dekorierte Valentina sogleich mit Spitzendeckchen, Ikonenabbildungen, dem Samowar und mehreren Babuschkas.

In der ersten Nacht in der neuen Wohnung träumte Valentina Iwanowna von Kolja. Er erschien ihr als Kind, lachend einen Schneemann bauend, vor dem Schulgebäude in Nowomoskowsk. Sie schalt ihn, weil er keine Handschuhe trug. Valentina erwachte fröstelnd und mit tränennassem Gesicht. Gegen Morgen fasste sie den Entschluss, Koljas Urne zu sich zu holen. Der Traum schien ihr eine ernste Ermahnung des Allmächtigen zu sein.

Da war nichts, was ihm Freude bereitet hätte

In den nächsten Jahren platzten zahlreiche Träume der Wabels. Es gab allmonatlich pünktlich Sozialhilfe vom Amt, Arbeit für Artur und Alexej gab es nicht. Im Norden Thüringens lag die Arbeitslosenquote Mitte der Neunzigerjahre zeitweise bei mehr als 20 Prozent. Hin und wieder gab es eine „Maßnahme“ vom Arbeitsamt für die Männer, meist Grünanlagenpflege oder Beseitigung illegaler Abfälle in der Natur. Für Artur, den gelernten Koch, war das nichts, was ihm Freude bereitet hätte.

Mit der deutschen Sprache taten sich alle Wabels schwer. Stets war es Valentina Iwanowna, die Behördengänge erledigte und resolut in einem eigentümlichen Gemisch aus Deutsch und Russisch radebrechte. Arturs von den Vorfahren erlernten Dialekt, der zu Sowjetzeiten verpönt war, verstand man in Thüringen kaum. Einige Behördenmitarbeiter konnten noch etwas Schulrussisch, sodass die Verständigung mit Valentina Iwanowna einigermaßen gelang.

Alexej, der in Russland im Straßenbau gearbeitet hatte, begann zu trinken. Auch er sprach kaum Deutsch, traf sich am liebsten mit anderen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, stets war Wodka dabei. Der Tiefpunkt war erreicht, als Alexej im Supermarkt als Ladendieb erwischt wurde. Er wollte eine Flasche Wodka stehlen, um seinen Freunden eine Freude zu machen. Seine Mutter weinte sich die Augen aus, fassungslos vor Scham. Artur wurde stiller, in sich gekehrt und schließlich schwer krank. Ein Herzinfarkt führte zu einem langen Krankenhausaufenthalt und anhaltenden Depressionen.

Russlanddeutsche Aussiedler im Aufnahmelager Unna im Jahr 1996

Russlanddeutsche Aussiedler im Aufnahmelager Unna im Jahr 1996

© Jochen Eckel/Imago

Mit zehn Euro den Busfahrer beruhigt

Valentina Iwanowna kam immer mehr zu der Überzeugung, dass alles Unglück nur eine Ursache hatte: Kolja war in russischer Erde zurückgelassen worden. Sie sprach darüber mit der Mitarbeiterin des Sozialamts, die für sie zuständig war. Die blond gelockte Verwaltungsfachangestellte wurde von Valentina stets auf Russisch begrüßt: „Sdrastwuitje Snegurotschka.“

Die Sachbearbeiterin war zu jung an Jahren, um noch in der Schule die Geschichte von Väterchen Frost und Snegurotschka, seiner Gefährtin, Schneeflöckchen genannt, gehört zu haben. Pflichtbewusst gab sie der „Leistungsempfängerin Wabel“ – inzwischen „Grundsicherungsempfängerin“ – zu verstehen, dass eine Kostenübernahme für die Überführung der Urne des Sohnes unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt infrage käme. Betrübt verließ Valentina Iwanowna das Amt.

Ein paar Monate später reiste Valentina wie jedes Jahr für einige Wochen per Bus in die alte Heimat. Die Strapazen der fast zwei Tage dauernden Busreise ertrug sie in freudiger Erwartung des Wiedersehens mit ihren Schwestern und deren Familien, die ihr zu Ehren stets ein großes Fest gaben. Gleich nach ihrer Ankunft erfuhr sie von ihrer Schwester Ljuba, dass eine Wildschweinrotte auf dem nahe gelegenen Friedhof mehrere Gräber verwüstet hatte, darunter auch Koljas Grab.

Ljuba wunderte sich darüber, dass Valentina angesichts dieses Ärgernisses seltsam ungerührt blieb. Sie bot an, ihr bei der Schadensbeseitigung zu helfen, aber Valentina meinte, sie schaffe das allein.

Bei der Rückreise nach Deutschland drei Wochen später schimpfte der Busfahrer, der das Gepäck verstaute, über das Gewicht des Koffers dieser älteren Dame. Valentina lächelte und drückte ihm einen Zehn-Euro-Schein in die Hand, das Gezeter verstummte.

Artur ignoriert die Veränderung

In Thüringen angekommen platzierte Valentina Iwanowna das mitgebrachte Gefäß neben einem Foto von Kolja auf einer Anrichte im Wohnzimmer. Sie war darauf gefasst, dass Artur außer sich sein würde. Doch Artur ignorierte die Veränderung, er warf nur mit regungsloser Miene einen kurzen Blick auf das Arrangement und verließ das Zimmer wortlos.

Bald darauf gab es kleine Lichtblicke für die Wabels. Artur erhielt einen Platz in einer Tagespflege, seine Stimmung hellte sich ein wenig auf. Alexej ging zur Entgiftung in eine psychiatrische Klinik; anschließend fand er Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle der Diakonie. Für Valentina Iwanowna war klar, dass allein Koljas Ankunft für die positiven Veränderungen verantwortlich war.

Valentina Iwanowna Wabel, Geburtsjahrgang 1928, starb im Jahr 2012 während einer ihrer Besuchsreisen in Nowomoskowsk, ihre Urne wurde vor Ort beigesetzt. Eine Überführung nach Deutschland erfolgte nicht.

Birgit Meyer, 1966 in Sondershausen geboren, studierte Rechtswissenschaften in Halle (Saale). Seit 1990 arbeitet sie in einer Thüringer Kommunalverwaltung.

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