Ich gebe zu, dass mir dieser Text nicht leicht gefallen ist. Über Karl-Eduard von Schnitzler (1918–2001) zu schreiben, heißt, sich an einem Mann abzuarbeiten, den man lieber liegen ließe. Aber er ist eine Figur der Zeitgeschichte, und wer über politische Propaganda nachdenkt, vor allem über ihr Scheitern, kommt an ihm für den Osten nicht vorbei. Am 20. September jährt sich sein Tod zum fünfundzwanzigsten Mal. Das Kalenderblatt erinnert daran, und irgendjemand sagt dann garantiert diesen Satz: Ist doch wie früher, die erzählen uns doch auch nur, was wir hören sollen.
Also gut. Reden wir über früher.
Wie der Klassenfeind ins Wohnzimmer kam
Bei uns zu Hause hing das früher an einem Rohr. Mein Vater hatte die Idee, dass man das sogenannte Westfernsehen auch bei uns empfangen könnte, und daraus wurde ein Bauprojekt. Zwei Gerüstrohre, jedes sechs Meter lang, gekoppelt, obendrauf ein Antennenteil von gut zwei Metern. Aufgerichtet werden musste das vom Erdboden aus; einen Moment lang hing es in der Schwebe und drohte, uns zu erschlagen. Nachbarn kamen dazu, unter ihnen der Abschnittsbevollmächtigte, den man heute Bürgerpolizisten nennen würde. Übrigens ein geachteter Mann.
Der Vertreter der Staatsmacht half also beim Aufrichten einer Antenne, deren einziger Zweck darin bestand, den Klassenfeind ins Wohnzimmer zu holen. Alle wussten es. Keiner sagte etwas. So war das.
Das Ergebnis war bescheiden. „Grieß“ auf dem Bildschirm, mehr nicht. Wir Kinder haben am Antennenstecker gewackelt, halb aus Hoffnung, halb weil sich damit das Zubettgehen hinauszögern ließ. Es blieb beim Grieß. Die Ingenieurskunst der Republik hat damals Wunder hervorgebracht, aber Wunder haben ihre Grenzen.
In genau dieses Land hinein sendete Karl-Eduard von Schnitzler seine Warnungen vor dem Westen. Montagabends, halb zehn, nach dem Spielfilm. 1519 Mal, von 1960 bis 1989. Die Zuschauerforschung des DDR-Fernsehens – so etwas gab es angeblich – ermittelte in den Achtzigerjahren eine Sehbeteiligung von etwa fünf Prozent. Fünf Prozent. Im Volk ging der Witz um, niemand habe seinen Namen je zu Ende gehört, weil bis dahin umgeschaltet war. Karl-Eduard von Schni …
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Einen Fetzen habe ich trotzdem behalten, als junger Mann, weil man eben noch sitzenblieb. Es ging um Arbeitslosigkeit, so kannte der DDR‑Bürger das ja nicht. Ein Betroffener wurde interviewt und gefragt, was der Jobverlust mit ihm mache. Er antwortete sinngemäß, er müsse sich wohl beim Ziergeflügel einschränken. Also Papagei oder Wellensittich werden nun zu teuer? Mehr nicht.
Ich hatte etwas anderes erwartet. Angst um die Wohnung. Nicht wissen, wie er seine Familie ernähren soll. So ging schließlich die Erzählung Karl-Eduard von Schnitzlers. Stattdessen Ziergeflügel. Ich will Arbeitslosigkeit nicht ins Lächerliche ziehen, sie ist bitter. Aber da ist bei mir etwas gekippt, und das lag nicht am Interviewten, sondern am Kommentator. Er hatte den Beitrag ausgesucht, er hätte tausend andere nehmen können.
Alles echt und trotzdem gelogen
Darin liegt die eigentliche Mechanik, und sie ist bis heute dieselbe. Schnitzler hat nicht gelogen in dem Sinne, dass er Bilder erfunden hätte. Er zeigte echte Aufnahmen aus ARD und ZDF, echte Menschen, echte Sätze. Er hat ausgewählt, zugeschnitten, den Zusammenhang weggelassen und seinen Kommentar darübergelegt. Jedes Einzelteil schien zu passen und dennoch – das Ganze war falsch. Insofern hat dieser Mann, ganz gegen seine Absicht, eine Generation im Osten zu Medienkritikern erzogen.
Die Bänder seiner Sendungen ließ er übrigens meist vernichten. Erhalten sind heute etwa 350 der 1519 Folgen, weil westdeutsche Stellen mitgeschnitten haben.
Das „von“ hat er behalten
Dass ausgerechnet er den Wächter über den Kapitalismus gab, ist die zweite Pointe. Geboren 1918 in Berlin-Dahlem, Sohn eines Legationsrats, die Familie eine Kölner Bankiersdynastie, ein Vetter im IG-Farben-Vorstand und in Nürnberg verurteilt. Gegen die Nazis hat Schnitzler agitiert und kam dafür ins Strafbataillon 999. Das war gefährlich und ehrenwert. Sein Handwerk lernte er bei der BBC, danach baute er für die Briten den Nordwestdeutschen Rundfunk mit auf, bis man ihn 1947 hinauswarf. Seine eigene Kündigung hat er öffentlich als politische Verfolgung beklagt.
Doch das adelige „von“ hat er behalten, jahrzehntelang, als Kämpfer für die Diktatur des Proletariats. Dabei lag eine andere Möglichkeit nahe. Arnold Vieth von Golßenau, sächsischer Adel aus Dresden, wurde Kommunist, legte den Namen ab und nannte sich nach dem Helden seines eigenen Romans: Ludwig Renn. Sein Erinnerungsbuch aus dem mexikanischen Exil heißt „Adel im Untergang“. Beide lebten in derselben Republik. Der eine legte das Prädikat ab, der andere ließ es jeden Montagabend im Vorspann stehen: eine Sendung von und mit Karl-Eduard v. Schnitzler.
Karl-Eduard von Schnitzler war der Chefkommentator im DDR Fernsehen, analysierte 29 Jahre lang immer montags den „Schwarzen Kanal“. Hier eine Aufnahme von 1992.
© Wolfgang Maria Weber/imago
Hier hört das Schmunzeln auf
An dieser Stelle muss ich aufhören zu schmunzeln. Hier kommt der Ernst unserer Geschichte hinzu, und ohne diesen Blick kann ich es nicht schreiben.
Denn während wir über Antennen und Ziergeflügel reden, saßen in Bautzen Menschen ein. In Brandenburg. In Hoheneck. Und der Mann, über den ich schreibe, sagte 1962 im Fernsehen über die Toten an der Mauer, das Leben der Grenzsoldaten sei mehr wert als das eines Gesetzesbrechers. Die Mauer nannte er später das humanistischste Bauwerk des Jahrhunderts. Was empfindet jemand, der in Hoheneck oder Bautzen war, wenn er heute diesen Beitrag liest? Ich weiß es nicht. Aber die Frage muss hier stehen, mitten in der Ironie, damit sie nicht bequem wird.
Was man ihm lassen kann: Er ist sich treu geblieben. Noch 1997 hielt er den Mauerbau für richtig. Kein Widerruf, keine späte Reue, keine dieser Wendehalsgeschichten, von denen wir nach 1990 so viele erlebt haben. Man nennt das Konsequenz. Nur ist Konsequenz keine Tugend, sondern eine Eigenschaft. Sie sagt, wie fest jemand steht, nicht wo.
Leben wir heute besser?
Der Deutschland-Monitor sagt, nur 51 Prozent im Osten sind damit zufrieden, wie die Demokratie funktioniert, und jeder Fünfte meint, die Medien belögen ihn oder sie systematisch. Beunruhigende Zahlen, ich will sie nicht schönreden. Geworben wird heute mehr denn je, und das Wort „Propaganda“ benutzt dabei niemand mehr. Allein der Bund gab 2024 für Informationsmaßnahmen 88,66 Millionen Euro aus. Nachzulesen in Bundestagsdrucksachen. Dass darin ein Anteil Propaganda steckt, wird man annehmen dürfen. Nun ja.
Trotzdem steckt darin etwas Tröstliches. Schnitzler hatte alles: den besten Sendeplatz des Landes, kein Konkurrenzangebot, den Staat im Rücken, 1519 Anläufe. Gescheitert ist er nicht an der Technik, sondern daran, dass er log, sich die Sachverhalte zurechtbog und mit der Angst arbeitete. Angst kann ein starker Motor sein. Sie ist aber ein kleiner: wenig Hubraum, hohe Drehzahl, viel Lärm.
Daraus folgt etwas, das ich nach vielen Jahren Kommunalpolitik unterschreiben würde. Nicht das Werben ist das Problem. Politik muss werben und erklären, und als langjähriger Oberbürgermeister von Kamenz habe ich genau das getan, manchmal erfolgreich, manchmal vergeblich. Wer es nicht tut, überlässt das Feld anderen. Gefährlich wird es dort, wo einer das Erklären durch das Erschrecken ersetzt und Zahlen und Bilder so lange zurechtlegt, bis die Wirklichkeit scheinbar passt.
Das hält nicht. Es hat vor siebenunddreißig Jahren nicht gehalten und hält auch heute nicht, gleichgültig mit welchem Etat. Lügen haben eine begrenzte Haltbarkeit, geschürte Angst und Feindbilder ebenso.
Meine Antwort: Ja, wir leben besser
Nicht, weil heute alles gut wäre. Sondern weil Sie weiterklicken können. Zum nächsten Sender, zum nächsten Beitrag, zur nächsten Meinung. Niemand muss mehr zwölf Meter Rohr aufrichten, um einem Propagandaangebot auszuweichen. Das ist der technische Fortschritt, und er ist das kleinere Stück.
Jeder hat das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Informationsfreiheit nach Artikel 5 unserer Verfassung ist das wirksamste Schutzschild gegen Propaganda, das je erfunden wurde. Schnitzler nannte seine Arbeit in der letzten Sendung eine Waffe im Klassenkampf. Mag sein. Informations-, Meinungs- und Pressefreiheit sind auch Waffen. Gegen den Missbrauch der Macht.
Es gibt sie ja noch, jene, die glauben, man könne Menschen mit Versatzstücken, Feindbildern und Lügen dorthin bringen, wo man sie haben will. Für die ist Schnitzler ein Lehrbeispiel für misslungene und am Ende zwecklose Propaganda. Sie sollten es sich ansehen, ehe sie weitermachen.
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Das beste Instrument gegen Propaganda aber kostet nichts. Es ist der eigene Kopf, die Fähigkeit, selber zu denken. Nicht der Sprache der Macht zu folgen, wer sie auch gerade spricht, sondern nachzusehen, zu vergleichen, misstrauisch zu bleiben. Fünf Prozent haben damals zugeschaut, fünfundneunzig haben abgeschaltet und sich ihren eigenen Reim gemacht. Einmal mehr nachdenken, kann auch heute nicht schaden.
Postskriptum
Die Sache mit dem Mast hat übrigens ein Ende, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Bei einem schweren Gewitter schlug der Blitz in das Stahlrohr-Ungetüm ein, und durch unser kleines Wohnzimmer fuhr ein Feuerstrahl. Das hatte mein Vater nicht bedacht. Danach wurde der Mast abgebaut, und damit war der Versuch beendet, Westfernsehen – das bei von Schnitzler „Schwarzer Kanal“ hieß – in die Stube zu holen. Manch einer mag das als Sieg des Sozialismus empfunden haben. Gesiegt hatten aber nur die Naturgesetze.
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