Für das Volksbegehren fehlen "Pro Reli" noch 130 000 Unterschriften. Wie die Gemeinden sich stärker engagieren wollen

Post vom Bischof

Marlies Emmerich
4 Min

Sonntags ist der Gottesdienst in der evangelischen Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg immer gut besucht - auch dank der Zuzügler aus Westdeutschland. Direkt am Eingang steht diesmal der Tisch "Freie Wahl" mit den Listen für das Volksbegehren zu Gunsten eines Wahlpflichtfaches Religion/Ethik. Gleich zu Beginn des Gottesdienstes haben sich zehn Besucher neu bei "Pro Reli" eingetragen.Der Pfarrer predigt am Volkstrauertag über Krieg und Frieden. Auch in den üblichen Informationen für die Gemeinde - diesmal unter anderem zu einem Kinderoratorium - kommt das Volksbegehren nicht vor. "Das muss auch nicht sein, mein Mann und ich haben schon vor Wochen unterschrieben", sagt eine Protestantin. Die Christin geht davon aus, dass die Mehrheit der Besucher bereits ihre Unterschrift geleistet hat.In der nicht weit entfernten katholischen Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße geht der Pater lieber auf Nummer sicher. Geradezu "gebetsmühlenartig", erzählt ein Katholik, erinnere Pater Gerold Jäger jeden Sonntag an die Notwendigkeit des Volksbegehrens. Keine Predigt werde dazu ausgelassen. Die Schautafeln im Eingangsbereich seien "umfunktioniert" und mit Materialien des Volksbegehrens komplett aufgefüllt worden.Nicht überall ist das so einfach. Martin Haesler, bis vor Kurzem "Pro-Reli"-Beauftragter der Dorfkirchengemeinde Dahlem, hat sein Amt abgegeben. Der Musiklehrer fühlt sich, wie er selber sagt, falsch informiert. Inzwischen sei ihm klargeworden, dass es nicht nur um Religionsunterricht gehe, sondern gleichzeitig darum, das bisherige Pflichtfach Ethik für alle ab der siebten Klasse abzuschaffen und parallel als Wahlpflichtfach zu Religion schon ab der ersten Klasse anzubieten. "Solche wichtigen Details hatte ich übersehen. Jetzt kann ich die Kampagne nicht mehr mittragen", sagt Haesler. Der Protestant sagt, dass er "eine Menge" Gesprächspartner mit ähnlichen Auffassungen kenne. Der Gemeindekirchenrat hat sich aber mehrheitlich hinter das Volksbegehren gestellt, vor Gottesdiensten wird regelmäßig gesammelt. Zum Ärger von Haesler gehen sogar die Einnahmen des Herbstfestes vom Wochenende an "Pro Reli." "Früher haben wir das Geld für soziale Zwecke verwendet", so Haesler."Bei einer Wahl zwischen Religion und Ethik werden junge Menschen aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Traditionen in homogene Gruppen aufgeteilt", kritisiert Josef Göbel. Der Theologe wirbt mit anderen, meist pensionierten Pfarrern unter dem Motto "Aus christlicher Herkunft für eine gemeinsame Zukunft" für das Pflichtfach Ethik.Solche Stimmen machen beiden Kirchen Sorgen. Es fehlen noch 130 000 Unterschriften bis Mitte Januar. Etwa ein Fünftel der evangelischen Gemeinden hat nicht einmal einen "Pro Reli"-Beauftragten. Das evangelische Kirchenparlament beklagt allgemein mangelndes Engagement der Christen. "Das ist nicht die Stunde des Jammerns", sagt Bischof Wolfgang Huber. Spontan stellt sich der Bischof am Sonnabend vor die Markthalle am Alexanderplatz. Dort kommen in zwei Stunden 70 Unterschriften zusammen. "Ich habe bei Ihnen in Westdeutschland studiert", sagt ein junger Mann und unterschreibt bei Huber. Ein junger Köpenicker, selbst kein Kirchenmitglied, begründet seine Unterstützung mit der Meinungsfreiheit.Huber will alle Protestanten persönlich anschreiben, um "Pro Reli" zu helfen: "Mit einer nicht sehr anstrengenden Tätigkeit kann man zeigen, wie man zu dieser Kirche steht." Georg Kardinal Sterzinsky will es ihm gleichtun. Unerwartet gibt es Unterstützung aus der SPD-Ecke. Der Arbeitskreis "Aufbruch" der Berliner SPD wirbt für das Volksbegehren. Und SPD-Vizebundeschefin Andrea Nahles sagt: "Wahlfreiheit bedeutet auch, Raum zu schaffen für eine echte Wahl."------------------------------Für neues Gesetz"Pro Reli": Die Initiative will mit einem Volksbegehren durchsetzen, dass Religion gleichberechtigt zum Ethikunterricht ab der ersten Klasse gelehrt wird.Unterschriften: "Pro Reli" hat in einer ersten Stufe zum Volksbegehren mehr als 34 000 statt der nötigen 20 000 Unterschriften gesammelt. Bis zum 21. Januar müssen in einer zweiten Stufe 170 000 Unterschriften zusammen- kommen. Bisher sind es mehr als 40 000. Auf 10 000 Plakaten wird für die Kampagne geworben.Vorgaben: Stimmberechtigt ist jeder Wahlberechtigte, der seinen Hauptwohnsitz seit drei Monaten in Berlin hat. Wenn 170 000 Unterschriften zusammenkommen, gibt es einen Volksentscheid. Bei diesem sind dann mehr Ja- als Nein-Stimmen nötig. Die Ja-Stimmen müssen zudem 25 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen - 610 000 Berliner müssten für "Pro-Reli" stimmen.Gesetzesänderung: "Pro Reli" will das Schulgesetz ändern. In Paragraf 13 heißt es dann: Religion und Ethik sind an öffentlichen Schulen ordentliche Lehrfächer. "Alle Schüler nehmen entweder am Religions- oder am Ethikunterricht teil ... Einzelne Unterrichtseinheiten können gemeinsam durchgeführt werden. Religions- und Ethikunterricht werden in jeder Jahrgangsstufe mit zwei Wochenstunden erteilt."------------------------------Foto: Die Initiative "Pro Reli" nutzt alle Möglichkeiten für das Volksbegehren: Selbst auf Bananen wird für die Kampagne geworben.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner