Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer schlägt für das Marx-Engels-Forum eine Kunsthalle oder Bibliothek vorBerlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mischt sich immer wieder in die Arbeit von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ein: Er kritisierte die Gestaltung des Einkaufszentrums Alexa, fädelte den Vertrag mit der Modemesse Bread and Butter für den Flughafen Tempelhof ein und stärkte jüngst Kulturstaatssekretär André Schmitz den Rücken, der sich für eine Bebauung des Marx-Engels-Forums aussprach - entgegen den Plänen Junge-Reyers. Grund genug, die Senatorin zu befragen.Frau Junge-Reyer, wer ist im Senat eigentlich für Stadtentwicklung zuständig: Sie oder Klaus Wowereit?Stadtentwicklungspolitische Themen bewegen weit über die Ressortzuständigkeit hinaus die ganze Stadt. Ich freue mich über ein reges Interesse und halte Kontroversen vor einer Entscheidung für normal, ja sogar für wichtig.Wir haben den Eindruck, der Regierende Bürgermeister hält sich für den besseren Stadtentwicklungssenator - nachdem er den Mietvertrag mit der Modemesse Bread and Butter für den Flughafen Tempelhof eingefädelt hat, nach seiner Kritik am Einkaufszentrum Alexa und seinen jüngsten Äußerungen zur Gestaltung des Marx-Engels-Forums.Wir sind erst am Beginn der Diskussion, deshalb gibt es noch keine Ergebnisse und keine Entscheidungen. Der Regierende Bürgermeister hat zur Zukunft des Marx-Engels-Forums gesagt, er wisse sehr wohl, dass mit der Errichtung des Humboldt-Forums und mit dem Bau der U-Bahn-Linie 5 Erkenntnisse gewonnen werden, die erst in ein paar Jahren konkretisiert werden können. Es ist richtig auf einen solchen Prozess zu verweisen.Nach der Kritik am Alexa und der massiven Einmischung Wowereits am Flughafen Tempelhof fragt man sich schon, ob Sie noch die Bauherrin sind?Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich bin nicht Bauherrin bei privaten Eigentümern. Damals wurde zum Alexa gesagt, dass hier Investoren aus Portugal ein vollständig anderes Einkaufszentrum errichten wollen. Jugendstil sollte wieder entstehen, von der Farbe der Außenfassade war damals offensichtlich nicht die Rede.Sie haben mit dem "Call for Ideas" für Tempelhof Vorschläge für eine Nutzung des Gebäudes gesammelt - gleichzeitig bekommen Sie mit, dass Klaus Wowereit den Mietvertrag mit der Modemesse eingefädelt hat. Er desavouiert Sie doch damit.Schauen wir uns Tempelhof nochmal an. Hier ist mit einem möglichen Investor verhandelt worden. Der Regierende Bürgermeister hat nachdrücklich eine Initialzündung zur Vermarktung des Gebäudes unterstützt. Das entspricht meinem Vorhaben, über den "Call for Ideas" Vorschläge zu sammeln. Beide Verfahren passen zusammen. Dass sie unterschiedliche, aber sich ja trotzdem ergänzende Ergebnisse haben, ist wichtig.Reden Sie denn eigentlich auch mal miteinander?Wir sprechen sehr häufig miteinander, wir stimmen uns natürlich ab. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass gerade zu schwierigen städtebaulichen Prozessen der Streit gehört. Solche Auseinandersetzungen müssen geführt werden. Und ich führe sie gerne.Wie bewerten Sie Wowereits Äußerungen, der Überlegungen zur Umgestaltung des Marx-Engels-Forums und des Platzes vor dem Roten Rathaus als legitim bezeichnet hat?Es ist ein Beitrag zur Unterstützung des Planungsprozesses.Der Stadtentwicklungsausschuss hat gerade beschlossen, dass der Senat Grundsätze zur Gestaltung des grüngeprägten Stadtraumes zwischen Spree und Alexanderplatz vorlegen soll. Er unterstützt Sie damit im Bemühen, das Grün auf dem Marx-Engels-Forum zu erhalten. Warum ist das Grün nötig?Wir dürfen uns an diesem Ort nicht nur mit dem Marx-Engels-Forum auseinandersetzen. Wir müssen den gesamten Bereich der historischen Stadt sehen. Es geht auch um den Molkenmarkt und die Leipziger Straße, das Nikolaiviertel und den Schinkelplatz. Der Molkenmarkt wird zu einem neuen innerstädtischen Wohngebiet und als Geschäftsadresse entwickelt werden. Das gilt auch für den Schinkelplatz. Diese Gebiete brauchen attraktive Grünflächen als Markenzeichen der städtischen Lebensqualität.Diese Grünflächen wollen Sie anders als Wowereits Kulturstaatssekretär auf dem Marx-Engels-Forum haben. Heißt das, dass dort gar nicht gebaut werden darf?Ich kann mir zum Beispiel an der Karl-Liebknecht-Straße sehr gut den Bau von Solitären vorstellen, also den Bau von herausragenden einzelnen Gebäuden. Aber in einer modernen Architektur. Das pure Nachbauen einer Altstadtsituation des 18. Jahrhunderts ist mit Sicherheit nicht die richtige Antwort. Sie weist nicht in die Zukunft. Wir sind doch auch sonst stolz auf das neue Berlin!Soll es Solitäre nur an der Karl-Liebknecht-Straße geben?Wir befinden uns erst am Beginn eines Prozesses, aus dem sich die Gestaltung und mögliche Baufelder ergeben werden. Die Entscheidung, wie es konkret aussehen soll, muss bis zum Jahr 2012 getroffen werden. Dann werden wir die Wettbewerbe zur Gestaltung dieser Räume ausloben. Wir werden mit der konkreten Planung bis zum Jahr 2017 fertig sein, wenn der U-Bahnbau beendet und die Baustellen geräumt sind.Nehmen wir an, dass Sie 2012 noch mit der Linken in einer Koalition sind. Wie viel Freiraum haben sie dann noch zum Planen? Der Stadtentwicklungsexperte der Linken, Thomas Flierl, lehnt eine Bebauung der Freiflächen an der Karl-Liebknecht-Straße ab.Für eine lebendige grüne Stadt, und damit für das Planen und Bauen muss es klare Zielsetzungen geben. Deswegen sage ich: Hier können Solitäre mit einer herausragenden, auch internationalen Nutzung entstehen. Hier kann ich mir vieles vorstellen, zum Beispiel eine Kunsthalle oder man könnte sich zum Beispiel überlegen, ob eine Zentral- und Landesbibliothek dort hinpassen würde, obwohl sie eine große Baumasse benötigt. Solche Vorstellungen einer öffentlichen Nutzung sind notwendig.Das überrascht uns. Der Regierende Bürgermeister hat doch gerade erst verkündet, dass der Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek in Tempelhof entstehen soll. Wie ernsthaft ist Ihre Anregung, das Marx-Engels-Forum für die Bibliothek zu nutzen?Wir untersuchen intensiv seit zwei Monaten den Standort Tempelhof für eine Zentral- und Landesbibliothek. Aber wir sollten für das Nachdenken über viele Ideen für eine zukünftige, auch solitäre Nutzung am Marx-Engels-Forum offen sein. Und wir sollten dem Ergebnis dieses Prozesses nicht vorgreifen.Darf das nur eine öffentliche Nutzung sein oder können Sie sich auch vorstellen, dass dort Wohn- und Geschäftshäuser entstehen?Für die Mitte der Stadt gibt es kein Denkverbot. Die beliebige Mischung von Wohn- und Geschäftshäusern wäre an diesem Ort nicht richtig - und eine Planung, die sich an dem Ziel des höchstmöglichen Gewinns für die Landeskasse ausrichtet wird es nicht geben.Muss man auch Respekt vor der Stadtplanung der DDR haben oder darf man das Gelände zwischen Spree und Bahnhof Alexanderplatz frei überplanen?Wir müssen Respekt vor der Geschichte haben, die hier in vielen Schichten vorhanden ist. Wir brauchen zunächst eine Befassung durch die Archäologen, um etwa zu sehen, wo früher Straßen verliefen oder Gebäude standen. Die Geschichte der DDR ist in gleicher Weise bedeutend wie andere historische Epochen in der Mitte Berlins. Der Respekt vor der Geschichte heißt nicht, dass man die Geschichte nachbauen soll, das heißt aber auch nicht, dass man die Geschichte der DDR auf ewig zementiert.Wollen sie mit dem Beginn der Umgestaltung bis 2017 warten?Zwischen Alexanderplatz und der Marienkirche haben wir mit dem Bezirksamt Mitte begonnen zu planen, wie trotz der U-Bahn-Bauarbeiten eine bessere Qualität schon jetzt entstehen kann.Das Gespräch führten Thomas Rogalla und Ulrich Paul.------------------------------Foto: Wie sieht die Zukunft Berlins aus? Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer musste sich in letzter Zeit viel Kritik an ihren Plänen anhören.
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