Für Gerhard Schröder war es ein Traum, die Sozialdemokraten zu führen. Franz Müntefering kann es

Retter gefragt

Bettina Vestring
7 Min

BERLIN, 6. Februar. Sein Gesicht ist verschlossen, die Mundwinkel hängen herunter. Er blickt in die Runde, streicht über das Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt, fährt mit der Zunge über die Lippen. Er sammelt sich. Es sind schwierige, wohl schmerzhafte Sätze, die vor ihm liegen, und man sieht Gerhard Schröder in diesem Moment an, wie traurig sie ihn stimmen. Er beginnt, mit leiser, fester Stimme. Er verzichtet darauf, den Journalisten in der Bundespressekonferenz einen guten Tag zu wünschen, schließlich ist es für ihn auch keiner. Er beginnt einfach. "Ich habe, meine Damen und Herren, für morgen den SPD-Vorstand einberufen lassen", sagt Gerhard Schröder. "Ich werde ihm vorschlagen, auf einem Sonderparteitag Ende März Franz Müntefering als Parteivorsitzenden zu wählen."Zwei Sätze, mit denen ein Traum zu Ende geht. Gerhard Schröders Traum davon, Vorsitzender einer Partei zu sein, an deren Spitze einst August Bebel, Friedrich Ebert und Kurt Schumacher standen. Der Traum, von dieser Partei einmal so geliebt zu werden wie sein großer Vorgänger Willy Brandt. Schröder ist daran gescheitert, endgültig. Und selbst in diesem Augenblick findet er für seinen Abschied nur dürre Worte. "Sie werden sich vorstellen können, dass ich das Amt, das ich gerne ausgefüllt habe, ungerne aufgebe", sagt er. Vier Jahre lang war er beides, Bundeskanzler und Parteichef. Nun will Schröder nur noch regieren, und er hofft, dass das nun leichter wird.Der Mann, der dieses Wunder schaffen soll, sitzt neben ihm. Franz Müntefering, der treueste, der loyalste aller Parteisoldaten, soll an die Spitze seiner ehrwürdigen Partei aufrücken. Dass ihm das gelingen wird, steht außer Frage. Die Bestätigung durch den SPD-Vorstand, die Wahl durch den Sonderparteitag, für Franz Müntefering sind sie nur Formalien. Niemand aus der Berliner Spitze ist in der Partei so beliebt, niemand genießt so viel Respekt und Autorität, niemand kann so direkt zu den 650 000 deutschen Sozialdemokraten sprechen wie er. Hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, dann lieferte der designierte Parteichef ihn an diesem Freitag. "Es muss Schluss sein mit der Sehnsucht, übereinander und gegeneinander zu reden. Wir müssen es schaffen, indem wir uns unterhaken", ruft Müntefering seinen zerstrittenen Genossen zu. Dann zitiert er, frei aus dem Gedächtnis, den SPD-Gründervater Ferdinand Lassalle. Das ist ein Name, der noch immer das sozialdemokratische Gemüt ergreift. "Das hat ja Lasalle damals gesagt, an diesem 23. 5. 1863, als sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gründete: Wenn man will, dass es besser wird, muss man sich selbst auf den Weg machen und unterhaken."Die Worte stimmen, der Ton, die Mimik. So überzeugend ist Franz Müntefering in diesem Augenblick, dass selbst der neben ihm sitzende Gerhard Schröder sich traut, zum ersten Mal durchzuatmen. "Das ist die Botschaft, die ich meiner Partei mitgebe: Wenn man regiert, ist das Regieren die Hauptsache", sagt Müntefering. "Die Partei und die Fraktion müssen sich auf das Regieren konzentrieren, auf die Unterstützung für diejenigen, die die Politik gestalten. Diese Partei ist nicht gegründet worden, um sich von irgendetwas zu unterscheiden, sondern sie ist gegründet worden, um die Politik zu bestimmen."So schnöde hatte Schröder das nie zu sagen gewagt. Er verneigte sich vor der Partei, bemühte sich, ihr zu schmeicheln, ihre Autorität zu loben. Doch wurde er den Ruf nie los, eigentlich sehe er seine eigene Partei nur als Instrument des Machterhalts. Müntefering dagegen kann sagen, was er will; ihm glauben die Genossen dennoch, dass er Ehrfurcht vor der Geschichte der SPD hat.Ein Teil ist äußerlich. Schröder und Müntefering haben zwar den selben, bescheidenen Hintergrund: Arbeiterkinder beide, die erst auf dem zweiten Bildungsweg studieren konnten. Begeisterte Fußballer sind beide Männer übrigens auch. "Ich habe bis 18 Fußball gespielt, dann sieben Jahre gelesen, und dann bin ich in die SPD eingetreten", beschreibt Franz Müntefering seine Jugend.Für Schröder sind die Zeiten, in denen er Bier aus der Flasche trank und schlechte Anzüge trug, lange vorbei. An diesem Freitag ist die Krawatte von gepflegtem Grün, das Tuch dunkel und edel. Der Kanzler umgibt sich gern mit Künstlern, Historikern und Schriftstellern, er pflegt den Nimbus des Erfolgs. Erträglich ist das nur deswegen, weil er es immerhin noch fertig bringt, über seinen Aufstieg dann und wann einmal selbst zu grinsen.Müntefering dagegen sieht immer noch so aus wie SPD-Urgestein, jedenfalls dann, wenn sich SPD-Urgestein so anzieht wie ein besserer Sparkassen-Angestellter vom Land. "Das Originelle an mir ist, dass ich überhaupt nicht originell bin", hat er vor ein paar Monaten über sich selbst gesagt, und er hat Recht damit. So einzigartig wirkt dieser Mann im Berliner Politik-Betrieb, dass Schröder ihn einmal als Kultfigur bezeichnete. Das allerdings war lange, bevor er ihm sein Erbe als Parteichef antragen musste.Gut vier Jahre lang war Schröder Vorsitzender der SPD, eine hundsmiserable Zeit für die Partei. Mehr als hunderttausend Genossen haben seit 1999 die SPD verlassen, Dutzende von Wahlen gingen verloren. Gerade noch 24 Prozent der Deutschen würden derzeit den Sozialdemokraten ihre Stimme geben. So katastrophal sind die Aussichten für die vierzehn Wahlen in diesem Jahr, dass die Landesverbände begannen, offen zu rebellieren. Über drei Stunden lang stellten die Landespolitiker am vergangenen Montag die Berliner Parteiführung zur Rede. Es folgten Aufrufe zum politischen Kurswechsel, zum Kabinettsumbau, zur Entlassung des unbeliebten SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz. Es war eine Woche, in der Gerhard Schröder begriff, dass sein Haus lichterloh brennt. Schröder musste einräumen, dass er seine Reformpolitik alleine nicht mehr durchsetzen kann. Von "besonderen Vermittlungsschwierigkeiten" spricht er dann an diesem Freitag, um seinen Rückzug aus dem Parteiamt zu begründen. Solche Selbstkritik gibt es in der Politik nicht oft.Müntefering soll es nun wenden, wie er schon einmal die Stimmung in der SPD wendete: Damals, im Herbst 1999, als der damalige SPD-Chef und Finanzminister Oskar Lafontaine von einem Tag auf den anderen alles hinwarf. Schröder übernahm damals den Parteivorsitz selbst. Seine rechte Hand aber wurde Müntefering, auf dem neu geschaffenen Job eines SPD-Generalsekretärs.So gut machte der Sauerländer seine Sache, dass Schröder ihn im Jahr 2002 mit dem womöglich zweiwichtigsten Job in Berlin betraute: der Führung der Regierungsfraktion. Franz Müntefering war es dann, der im heißen Reformherbst des Jahres 2003 den Kanzler vor dem Rücktritt bewahrte. Er sorgte dafür, dass Rot-Grün für alle Sozialreformen die eigene Mehrheit im Bundestag erreichte. Müntefering schaffte es, weil er selbst begonnen hatte, an Schröders Reformen zu glauben. Was weder der Kanzler noch seine Minister und schon gar nicht der glücklose - nun vor der Abberufung stehende - SPD-Generalsekretär Scholz schafften, gelang dem Fraktionschef: Den widerstrebenden SPD-Mitgliedern und Abgeordneten begreiflich zu machen, dass gerade die SPD verantwortlich zeichnen soll für die Einschnitte bei den Leistungen für Kranke, Arbeitslose und Rentner. Müntefering gelang das, weil er sich die eigenen Schmerzen anmerken ließ. Seine Fraktion folgte ihm, weil sie ihm vertraute.Gerhard Schröders politische Wankelmütigkeit brachte die SPD zur Verzweifelung. Franz Münteferings Bodenständigkeit, seine Solidität, seine Überzeugungsstärke sollen ihr das Selbstvertrauen zurückgeben. Der Mann, der von sich selbst sagt: "Ich kann nur kurze Sätze", soll das Wunder vollbringen, einer demoralisierten Partei den Siegeswillen zurückzugeben. Traurig wirkt Gerhard Schröder an diesem Tag, souverän dagegen Franz Müntefering. Als hätte er jahrelang für den Auftritt geübt, streichelt er die Parteiseele. Nur an einer Stelle kommt er ins Stocken, gerät der Satz zum Ungetüm: "Vorsitzender dieser Partei eventuell zu sein, wenn der Parteivorstand das morgen so unterstützt, was Gerd Schröder ihm vorschlagen wird, ist etwas, was ich nie gedacht habe", sagt er. Und verzieht ein wenig den Mund. Da ist es wieder zu spüren, das größte Kapital, über das der neue SPD-Vorsitzende verfügt: Der Respekt vor seiner Partei."Es muss Schluss sein mit der Sehnsucht, übereinander und gegeneinander zu reden. Wir müssen es schaffen, indem wir uns unterhaken. " Franz Müntefering.Foto: Verschiebung des Kräfteverhältnisses. Franz Müntefering und Gerhard Schröder am Freitag vor der Bundespressekonferenz in Berlin.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner