Gaskrise

Wohlfahrtsverband: Wärmestuben in Berliner Rathäusern einrichten

Niemand weiß, ob Russland weiter Gas liefert. Sozialverbände fordern rasches Eingreifen. Die Politik dagegen warnt vor Panikmache.

Elmar Schütze Christian Schwager
4 Min
Wärmestube der Caritas

Wärmestube der Caritas

© dpa/Gregor Fischer

Wird Russland nach der alljährlichen Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 nächste Woche den Hahn wieder aufdrehen? Eine sichere Antwort gibt es nicht. Manche wollen bereits Sporthallen freiräumen, um daraus im Winter Wärmeräume zu machen. Bei anderen werden so Erinnerungen an die Flüchtlingskrise 2015 geweckt.

Berlins Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (für SPD) warnt vor Panikmache. Er sagt, es sei schon richtig, „sich auf den Worst Case“ vorzubereiten, „der aber noch lange nicht da ist“. Seine Mitarbeiter erinnern unterdessen daran, dass bis zu 70 Prozent des hierzulande verbrauchten Gases aus anderen als russischen Quellen stamme, vor allem aus Norwegen, den Niederlanden und demnächst in flüssiger Form aus Kanada. Und auch Deutschlands Gasspeicher seien inzwischen zu rund 65 Prozent gefüllt. Ob jedoch das Soll von 90 Prozent bis Anfang November noch zu erreichen ist, ist ungewiss.

Aber in jedem Fall sei es richtig, schon jetzt Energie zu sparen. Erklärtes Ziel bleibe, in öffentlichen Gebäuden Berlins zehn Prozent einzusparen, heißt es aus der Wirtschaftsverwaltung. Dafür hat der Senat eine ressortübergreifende Taskforce eingerichtet. Diese soll am Donnerstag erstmals tagen.

Der Vorschlag der Wärmestuben stammt vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. „Da niemand genau sagen kann, wie dramatisch die Entwicklung sein wird, sollte auch überlegt werden, Wärmeinseln oder Wärmeräume vorzusehen, wo sich insbesondere ältere Menschen auch bei einem sehr kalten Winter aufhalten können“, sagte der Städtebund-Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. Vorbild könnten Städte wie Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz sein, die sich bereits darauf vorbereiten.

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In Berlin hält Senator Schwarz das für zweitrangig. Das weit größere Problem seien die weiter steigenden Preise, sagte er am Dienstag der Berliner Zeitung. „Wir müssen in Deutschland dafür sorgen, dass in Härtefällen niemandem aufgrund unbezahlter Rechnungen der Strom oder das Gas abgedreht wird.“

Das sieht Katja Karger, Vorsitzende des Berliner Landesverbandes des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), ganz ähnlich. Bereits jetzt bedeuteten die explodierenden Preise „immense Belastungen und stellen gerade diejenigen mit kleinen und mittleren Einkommen und solche, die Transferleistungen beziehen wie Grundsicherung, Renten, Bafög oder Elterngeld, vor existenzielle Probleme“, sagte Karger der Berliner Zeitung.

Sozialsenatorin Katja Kipping reagierte hellhörig auf den Vorschlag, in Sporthallen Wärmeräume einzurichten. Sie hält wenig davon. „Ich mache mir gerade wirklich viele Gedanken über den bevorstehenden harten Winter der Energiearmut und was Berlin da zum Abfedern leisten kann. In diesen vielfältigen Überlegungen kommen Turnhallen nun gerade nicht vor“, sagte sie am Dienstag.

Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping hat die Sporthallen nicht im Blick

Deutlich forscher geht der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin an das Thema heran. Geschäftsführerin Gabriele Schlimper begrüßt „den Ansatz, Wärmeinseln zu schaffen für Menschen, die zwar eine Mietwohnung haben, aber sich Strom und Heizkosten nicht mehr leisten können und von der Inflation besonders betroffen sind“, wie sie der Berliner Zeitung sagte.

Es sei jedoch falsch, diese Inseln in Sporthallen einzurichten. Das ginge zulasten der Kinder und Jugendlichen, die die Hallen nicht mehr nutzen könnten. „Wir haben während der Flüchtlingswelle 2015 gesehen, dass dies keine gute Lösung ist“, sagte Schlimper der Berliner Zeitung.

Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin: Bezirksämter sollen Räume zur Verfügung stellen

Stattdessen sollten Kulturorganisationen, Clubs, aber auch die öffentliche Verwaltung über Lösungen nachdenken. „Es gibt keinen Grund, warum ein Bezirksamt nicht Räume zur Verfügung stellen sollte, die nachts nicht genutzt werden“, sagte Schlimper.

Die Stadtmission steht der Einrichtung aufgeschlossen gegenüber, verweist aber darauf, dass es nicht allein damit getan ist, Räume zu öffnen. „Um die Menschen gut zu betreuen, braucht man Personal“, sagt Sprecherin Barbara Breuer. „Das zu finden, ist gerade unter den Bedingungen einer Pandemie nicht einfach. Dazu braucht es einen längeren Vorlauf.“

Ein klares Nein zur Nutzung von Sporthallen als Wärmeinseln kommt dagegen vom Berliner Landessportbund. „Sport gehört zur Daseinsvorsorge“, sagte Präsident Thomas Härtel. „Daher ist es für uns unverständlich, dass wieder zuerst Sporthallen in den Blick genommen werden.“

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