Gedenken auf Berliner Art

Werner Kolhoff
2 Min

Wo es um politische Symbole geht, ist die Parteipolitik nicht weit. Handelt es sich dann noch um das Symbol eines Straßennamens und spielt das Ganze in Berlin, dann ahnen wir: Es wird schwierig.Willy Brandt war unstreitig neben Ernst Reuter der bedeutendste Bürgermeister der Stadt. Er war auch einer der bedeutendsten Nachkriegspolitiker. Er war Friedensnobelpreisträger. Er steht für das Verlangen nach nationaler Einheit ebenso wie für die Aussöhnung mit Polen. Und da sollte sich kein würdiger Platz in der Mitte jener Hauptstadt finden, in der die Mauer fiel und zusammenwächst, was zusammengehört?Es gab vor einem Jahr die bestechende Idee, den quasi namenlosen "Platz vor dem Brandenburger Tor" an der Westseite des Portals nach dem im Oktober 1992 verstorbenen SPD-Politiker zu benennen. Das macht Sinn. Dieser "Willy-Brandt-Platz" läge in einer geografischen Linie mit dem "Ernst-Reuter-Platz" und der "Straße des 17. Juni", verbände also Symbolbegriffe Berliner Nachkriegs- und Teilungsgeschichte. Es wäre ein würdiger Ort. Noch vor einem Jahr schlug die damalige SPD-Spitzenkandidatin Ingrid Stahmer solches vor, doch versickerte die Anregung.Aus unerfindlichen Gründen ist Berlins SPD gestern von diesem Vorschlag abgerückt. Nun will sie den "Platz der Republik" vor dem Reichstag nach ihrem Ehrenvorsitzenden benennen. Ein noch bedeutenderer Ort. Und genau das macht den Vorschlag so problematisch. Ein Hinderungsgrund ist erstens, daß diese Stelle derzeit jene Bezeichnung trägt, die ihr am besten entspricht. Einen Republik-Platz hat fast jede bedeutende Hauptstadt, die die Monarchie abgestreift hat. Philipp Scheidemann rief die Volksherrschaft am 9. November 1918 vom Fenster just jenes Reichstages aus, der künftig wieder das demokratische deutsche Parlament beherbergen wird. Warum von der Bezeichnung abrücken?Zweitens wird die Bonner CDU der SPD nicht gestatten, "dem deutschen Volke" symbolisch einen Sozialdemokraten vor die Nase zu setzen. Zwar hat Eberhard Diepgen Zustimmung signalisiert, doch will das nicht viel heißen. Hier, am zentralen Ort, mischen noch andere mit. Irgendein Hinterbänkler wird sicher noch fordern, das Areal vor dem Reichstag nicht nach Brandt, sondern nach Konrad Adenauer zu benennen, denn der sei schließlich der erste Kanzler nach dem Krieg und irgendwie der eigentliche geistige Vater der Einheit gewesen. Es besteht die Gefahr, daß sich die Parteien gegenseitig blockieren und gar nichts entschieden wird. Nach allen Berliner Erfahrungen wird dann am Ende jemand kommen und, damit überhaupt etwas passiert, auf irgendeinen neuen Platz in Spandau hinweisen, der noch keinen Namen trägt. Oder in Karow-Nord. +++

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