TV-Kritik

Jüdisches Leben in Deutschland: Gegen Hass hilft nur Humor

Im ARD-Drama „Doitscha“, beruhend auf dem Buch von Adriana Altaras, kämpft eine jüdische Mutter beherzt um den Zusammenhalt ihrer Familie. Denn in dieser fliegen die Fetzen.

4 Min
David Meyer (Yahli Yogev, l.) und Aron Schuster (Samuel Finzi, r.) nehmen am Yom Kippur-Gottesdienst in der Synagoge teil.

David Meyer (Yahli Yogev, l.) und Aron Schuster (Samuel Finzi, r.) nehmen am Yom Kippur-Gottesdienst in der Synagoge teil.

© Andreas Dobslaff

Theaterregisseurin Adriana (Oriana Schrage) macht sich schick für ihren ersten Fernseh-Auftritt. Doch als sie von der Aufzeichnung der Talkshow „Deutschland – Was brennt!“ nach Hause kommt, gesteht sie ihrem Mann Georg (Mark Waschke): „Das war der schlimmste Tag meines Lebens!“ Denn sie hat sich mit dem wichtigtuerischen Moderator namens Markus Pracht (David Rott) auseinandersetzen müssen, der sie nicht nur fragte, wie sicher sich Juden in Deutschland noch fühlen, sondern auch, wie sich ihre Söhne fühlten, „halb deutsch, halb jüdisch“.

In die Schule mit mehrheitlich muslimischen Mitschülern

Adriana kontert zwar schlagfertig, er sei ja auch nicht „halb katholisch, halb deutsch“, doch dann mischt sich auch noch ein arroganter Influencer mit der „Das wird man ja wohl mal sagen dürfen“-Attitüde ins Gespräch und behauptet, wenn er Israeli wäre, würde er deren Regierung aber so was von scharf kritisieren. Die Besetzung des Typen ist ein Gag: Denn Aaron Altaras stammt aus einer jüdischen Familie und ist Sohn von Adriana Altaras, deren Familienroman „Doitscha“ Basis dieser Verfilmung ist. Das Buch ist zwar schon 2015 erschienen, wirkt aber aktueller denn je. Der biografische Hintergrund der Regisseurin Adriana ähnelt stark der Biografie von Adriana Altaras.

Adriana Alkalaj (Oriana Schrage) versucht den Streit zwischen ihrem Mann Georg Meyer (Mark Waschke) und ihrem Sohn David Meyer (Yahli Yogev, M.) zu schlichten.

Adriana Alkalaj (Oriana Schrage) versucht den Streit zwischen ihrem Mann Georg Meyer (Mark Waschke) und ihrem Sohn David Meyer (Yahli Yogev, M.) zu schlichten.

© Andreas Dobslaff

TV-Regisseurin Ester Amrami bleibt nahe am heiteren Grundton der Vorlage, verzettelt sich nicht etwa in quälende kulturpolitische Kämpfe über Antisemitismus und genozidale Strukturen. Auch das jüdische Theater, das Adriana leitet, bleibt von Attacken nicht verschont: Eine hasserfüllte Truppe von „Free Palestine“-Aktivisten crasht eine Lesung mit einem israelischen Autor – ohne dessen Standpunkt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Vor allem zeigt der Film, wie dieser Druck in eine einzelne Familie hineinwirkt.

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Mutter Adriana ist in alle Richtungen um Ausgleich bemüht, betont noch in der Talkshow, ihr jüngerer Sohn gehe in eine Schule mit mehrheitlich muslimischen Mitschülern – und habe noch nie Negatives erlebt. Die Annahme erweist sich als naive Selbsttäuschung. Schon in der eigenen Familie fliegen die Fetzen: Ihr Mann Georg und ihre älterer Sohn David (Yahli Yogev) rangeln solange, bis die Polizei einschreitet. David provoziert den Vater gern als spießbürgerlichen „Doitschen“, hat sich nach dem Überfall der Hamas zum Zionisten entwickelt und will am liebsten sofort in die israelische Armee eintreten. Georg, der gern rebellische Band-T-Shirts trägt, ist strikt dagegen und geht auf Distanz zur jüdischen Sippe.

Botschaften für hyperventilierende Kulturpolitiker

Selbst die äußerlich so selbstsichere, kulturell und historisch versierte Adriana muss sich eingestehen: „Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich verstehe die Welt nicht mehr.“ Oriana Schrage in der Rolle der Mutter, die an ihre Grenzen kommt und dabei ihren Sinn für Komik nie verliert, ist eine echte Entdeckung. Die ARD hätte sich ruhig trauen dürfen, die Mehrsprachigkeit ihrer Helden stärker auszuspielen – doch das Switchen zwischen Deutsch, Hebräisch und Englisch wollte man dem 20.15 Uhr-Publikum wohl nicht zutrauen.

Die herausragende ARD-Serie zum Thema aus dem Jahr 2024, „Die Zweiflers“, wagte dies, war aber nur zu nachtschlafener Zeit und in der Mediathek zu sehen. „Doitscha“ bleibt aktueller und näher am Alltag und hält Botschaften bereit, die man jedem hyperventilierenden Kulturpolitiker gern mal unter die Nase halten würde. Davids Patenonkel (Samuel Finzi) weiß: „Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt. Wer ist stark? Der seine Leidenschaft besiegt. Wer wird von den Menschen geehrt? Der die Menschen ehrt.“

„Doitscha – Alles geht vorüber“: Mi, 4.11., 20.15 ARD, seit 30.10. in der ARD Mediathek

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