Atomwaffen

„Tote Hand“ für den Gegenschlag: Russland baut geheimes Kommandozentrum im Ural aus

Indizien weisen laut einer Recherche auf die Modernisierung eines unterirdischen Bunkers zur Führung der Nuklearstreitkräfte hin – als Garantie zur gegenseitigen Vernichtung.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Teststart einer russischen Interkontinentalrakete vom Typ RS-24 Jars im März 2024

Teststart einer russischen Interkontinentalrakete vom Typ RS-24 Jars im März 2024

© Russisches Verteidigungsministerium/imago

Russland hat einen geheimen Kommandobunker tief im Ural in den vergangenen Jahren offenbar in großem Umfang ausgebaut. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche der dänischen Rechercheplattform Danwatch, der britischen Sunday Times und des russischen Exilmediums Dossier Center hervor, die am Wochenende veröffentlicht wurde. Die russische Nachrichtenseite FederalPress griff die Berichte am Montag auf.

Im Mittelpunkt steht der als „Objekt 1335“ bezeichnete Bunker im Berg Koswinski Kamen nahe der Ortschaft Kytlym in der Region Swerdlowsk. Die Rechercheteams werteten nach eigenen Angaben rund 2,5 Millionen russische Ausschreibungs- und Beschaffungsdokumente seit 2011 sowie Satellitenbilder aus. Demnach hat das russische Militär die Arbeiten dort ab 2018 deutlich verstärkt.

Stahl für drei Eiffeltürme

Beschafft wurden laut Danwatch schwere Bohr- und Aushubgeräte, Belüftungstechnik für Bergwerke, Filteranlagen gegen chemische, biologische und radioaktive Verunreinigungen sowie erdbebensichere Klimatechnik.

Insgesamt seien rund 20.000 Tonnen Stahl bestellt worden. Das entspricht dem Gewicht von etwa drei Eiffeltürmen. Die Unterlagen nennen mindestens 24 unterirdische Kammern. Zwischen Haupt- und Notausgang liegen in gerader Linie rund 2,5 Kilometer.

Der dänische Bauingenieur Per Goltermann von der Technischen Universität Dänemark schätzte gegenüber der Sunday Times, die eingesetzte Betonmenge reiche für ein Bauwerk mit rund 150.000 Quadratmetern Fläche. Am stärksten seien die Bauarbeiten zwischen 2020 und 2021 gewesen.

Die Rechercheteams ordnen die Anlage dem sowjetischen Führungssystem „Perimetr“ zu, im Westen bekannt als „Tote Hand“. Das System soll sicherstellen, dass Russland auch dann noch einen atomaren Gegenschlag auslösen kann, wenn die politische und militärische Führung durch einen Erstschlag ausgeschaltet wäre. Kernstück sind eigene Kommandoraketen, die den Startbefehl an überlebende Raketensilos weitergeben.

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Grad der Automatisierung ungewiss

Der US-Rüstungsforscher Jeffrey Lewis von der Middlebury-Universität sagte der Sunday Times, vieles spreche dafür, dass Moskau die „Tote Hand“ wieder in vollen Betrieb nehme. Der norwegische Sicherheitsforscher Tom Røseth vom Norwegian Staff College schätzte gegenüber Danwatch ein, die Anlage werde vor allem gegen bunkerbrechende US-Waffen gehärtet. Sie sei weiterhin für einen Gegenschlag und nicht für einen Erstschlag ausgelegt.

Widerspruch gegen die These einer Reaktivierung kommt vom russischen Nuklearwaffenexperten Pawel Podwig, Leiter des Projekts „Russian Nuclear Forces“ und leitender Wissenschaftler am UN-Institut für Abrüstungsforschung UNIDIR. Gegenüber dem Exilmedium The Insider sagte er, der Bunker sei zwar tatsächlich neu ausgebaut worden. Von einer Wiederbelebung des Systems „Perimetr“ könne aber keine Rede sein, weil es zu keinem Zeitpunkt abgeschaltet gewesen sei.

Auch der pensionierte russische Generalmajor Wiktor Chalin, der nach eigenen Angaben von 2005 bis 2010 die Modernisierungsarbeiten leitete, geht von einem durchgehenden Betrieb aus. In einem Beitrag der Fachzeitschrift Weteran-raketschik schrieb er, „Perimetr“ sei seit 1986 im Dienst und werde seither laufend modernisiert.

2023 sei auf Objekt 1335 eine neue Generation der Führungstechnik in Betrieb gegangen. Damit verfüge Moskau nach Chalins Darstellung über die Möglichkeit eines Vergeltungsschlags sowohl im teilweise als auch im vollständig automatischen Betrieb.

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