Kriegspolitik

Blech statt Bürger: Warum Deutschland Milliarden für den falschen Krieg ausgibt

Wieland Giebels Buch „Die Schlacht um Kyiv“ entlarvt die deutschen Rüstungspläne als veraltet und fordert dezentrale Resilienz statt Bürokratie.

9 Min
Ein Schild mit der Aufschrift „Gefahr! Minen!“ warnte nach Kämpfen im Frühjahr 2022 mit russischen Truppen auf dem Flugplatz Hostomel nahe Kiew.

Ein Schild mit der Aufschrift „Gefahr! Minen!“ warnte nach Kämpfen im Frühjahr 2022 mit russischen Truppen auf dem Flugplatz Hostomel nahe Kiew.

© Pavlo Gonchar/dpa

Der nächste Krieg wird anders sein als alle zuvor. Auf dem Experimentierfeld Ukraine lässt sich erahnen, wie er aussehen könnte. Der Westen rüstet derweil für einen Krieg, den es so nicht mehr geben wird. Abermilliarden fließen in Technik des vorigen Jahrhunderts. Auch deshalb ist die Frage von Krieg und Frieden in Deutschland längst nicht mehr theoretischer Natur – zumal das Rüstungsgeld eben nicht aus „Sondervermögen“ kommt, sondern aus unser aller Taschen. Kürzlich zitierte diese Zeitung Sipri-Zahlen, denen zufolge die Bundesrepublik im kommenden Jahr 151,3 Milliarden Euro Militärausgaben plant, rund 26 Prozent des Bundeshaushalts.

Der Streit darüber, wie viel und ob überhaupt Geld in Rüstung fließen sollte, läuft heiß – aber die naheliegende Frage, ob Deutschland die Milliarden richtig ausgibt, also im Sinne wirksamer Landesverteidigung und Stärkung der Widerstandskraft im Ernstfall, bleibt erschreckend unterbelichtet. Was man erstens sieht: Im Ukraine-Krieg kommt es nicht mehr auf Panzer, Fregatten oder Kampfflugzeuge an. Zweitens: Die ukrainische Armee verfügte als weltweit erste über eine eigene Teilstreitkraft für unbemannte Systeme – für den Drohnenkrieg. Inzwischen hat Russland nachgezogen.

Wieland Giebel, 76, ist seit Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 zwölfmal in die Ukraine gereist, um zu erfragen, wie genau die Ukrainer diesen Krieg führen und wie sie standhalten. Jetzt hat der Wehrkriegsverweigerer, Kurator der herausragenden Ausstellung über NS und Holocaust sowie des Ukraine-Museums im Berlin-Story-Bunker, Autor zahlreicher Bücher, ein neues Buch von höchster Aktualität veröffentlicht: „Die Schlacht um Kyiv. Wie es eigentlich war – Konsequenzen für Europa“.

Zum Buch
Berlin Story Verlag

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Titel: Wieland Giebel. „Die Schlacht um Kyiv. Wie es eigentlich war – Konsequenzen für Europa“, Berlin-Story-Verlag

Umfang: Taschenbuch, 263 Seiten, 16 Euro. 

Extra: Mehr als 50 Interviews mit zentralen Protagonisten sind bei Berlin Story News, teilweise auch als Videos auf Deutsch und Ukrainisch: https://www.berlinstory.de/news/?s=Interviews frei zugänglich.

Noch ein Buch: Parallel erscheint das Buch von Enno Lenze „Know your enemy“, in dem dieser zeigt, wie russische Drohnen aufgebaut sind – zum Beispiel mit westlichen Hightechbauteilen.

Es ist das Resultat von 50 Interviews. 30 davon führte Wieland Giebel 2025 in verschiedenen Teilen der Ukraine. In 20 Gesprächen befragte er 2026 Menschen, die in den ersten Stunden und Tagen nach dem russischen Überfall an der vordersten Front standen und die massiv anrückende Kriegsmaschinerie stoppten. Wie das gelingen konnte, steht im Zentrum der Augenzeugenberichte. In ihnen stecken einfache, unerhört klingende Gedanken, wie sich Gesellschaften auf große Schocks einstellen und sie überstehen können.

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Das ist relevant für Deutschland, deren Regierung an der Kriegstüchtigmachung arbeitet, während große Teile der Gesellschaft das ablehnen und auf Diplomatie hoffen, auch wenn bislang alle derartigen Versuche scheiterten. Die 18- bis 29-Jährigen, also die, auf die es ankommt, lehnen laut Forsa-Umfrage die Wehrpflicht zu 63 Prozent ab. Die Bundeswehr findet nicht einmal genügend Freiwillige für die Nato-Brigade, die in Litauen, direkt an der russischen Grenze, stationiert wird.

Nach Befehlsverweigerung: der entscheidende Schuss

Über Medien erfahren wir täglich, wie viele Ukrainer durch russische Geschosse sterben, Häuser und Infrastruktur zerstört werden. Der Rest bleibt schemenhaft. Giebel liefert Auskünfte von enormer Authentizität. Er unternahm seine Aufklärungsmission übrigens als Privatperson – kein Staat, keine NGO, kein Medienunternehmen steht hinter ihm, er erhielt kein Geld von „Mächten“.

Allerdings: Ohne ukrainische Unterstützer wäre er wohl nicht so nah an seine Quellen gekommen – zum Beispiel an Serhij Falatyuk, den 25 Jahre alten Nationalgardisten, der am Tag des Überfalls auf dem Flugplatz von Hostomel, 20 Kilometer nordwestlich von Kiew, Dienst tat und den ersten russischen Hubschrauber des Krieges abschoss. Falatyuk stand, bewaffnet mit einer sowjetischen Igla-Schulterrakete aus dem Jahr 1981, am Flugfeld, als er die ersten anfliegenden russischen Hubschrauber hörte, bevor er sie sah.

Die Reaktion des Hauptquartiers auf seine Meldung lautete: „Da ist nichts. Das sind nur unsere eigenen Düsenflugzeuge.“ Wäre er in diesem Moment den Stillhaltebefehlen gefolgt statt seinen Augen, wären die russischen Elite-Truppen gelandet, hätten die Ankunft der schweren IL-76-Transportmaschinen gesichert, wäre Kiew gefallen.

Falatyuk handelte gegen den Befehl, nahm den 16 Millionen Euro teuren Ka-52-Alligator-Kampfhubschrauber ins Visier, aktivierte den Infrarotsuchknopf. Niemals zuvor hatte er ein solches Geschoss bedient, nun drückte er ab – das 18-Kilo-Projektil traf den Rumpf des Hubschraubers. Nun gab sein Kommandeur nachträglich das Feuer frei. So erfuhr es Giebel von dem jungen Unterleutnant und hat damit den ersten Kronzeugen für seine im Buch immer wieder belegte These: Befehlsverweigerung als Folge „konstruktiver Eigeninitiative, die den russischen Blitzkrieg letztendlich brechen sollte“.

In den Wochen und Monaten zuvor hatte die ukrainische Führung unter Präsident Selenskyj alle Warnungen vor der bevorstehenden Invasion in den Wind geschlagen, weil sie – so Giebels Analyse – Panik in der Bevölkerung vermeiden und wirtschaftsschädliche Unruhe vermeiden wollte. Giebel nennt das die „staatlich verordnete noble Lüge“. Sie ergänzte die zahllosen russischen Lügen, die den Überfallplan bestritten. Bei allem Friedenswillen muss man seither der russischen Führung alles zutrauen – und sich besser vorbereiten als damals die Regierung Selenskyj.

Wie halten die das durch? Die Kiewer Feuerwehr kennt keine Pausen – hier Einsatzkräfte vor einem brennenden Wohngebäude, das durch russische Geschosse zerstört wurde.

Wie halten die das durch? Die Kiewer Feuerwehr kennt keine Pausen – hier Einsatzkräfte vor einem brennenden Wohngebäude, das durch russische Geschosse zerstört wurde.

© Vadim Ghirda/dpa

Giebel nennt das „die Rationalitätsfalle“. Indem die ukrainische Führung hineintappte, sei sie reaktionsunfähig geworden. Er schreibt: „Sie ging davon aus, dass der Gegner rational handeln würde, und unterschätzte Wladimir Putins Bereitschaft, irrational zu agieren.“ Diese Falle schnappe immer dann zu, wenn Entscheidungsträger das Verhalten ihres Gegners ausschließlich nach ihren eigenen Maßstäben von Vernunft und Nutzen bewerteten: „Was aus der eigenen, zivilisatorischen oder ökonomischen Perspektive als militärisch sinnlos, logistisch unmöglich oder gar suizidal erscheint, wird fälschlicherweise als ausgeschlossen abgetan – im trügerischen Glauben, der Gegner werde am Ende schon vernünftig handeln.“

Daraus leitet er die Warnung ab: Die Rationalitätsfalle sei im deutschen Wohnzimmer „zur Bequemlichkeitsfalle“ geworden: Man wolle den frustrierten, ideologisch zerfressenen Diktator nicht als das sehen, was er ist, weil dieses Bild die eigene Illusion einer bequemen, risikofreien Friedensordnung im Herzen Europas zerstören würde. Die These von der Rationalitätsfalle bildet den überaus bedenkenswerten Kern des Buches.

„Ohne Erlaubnis das Richtige tun“

Wem Giebels Sympathien gelten, ist offenkundig – er bewundert seine Helden, vor allem die „kleinen“, die sich als mündige Akteure, oft im Alleingang, gegen die Aggressoren stellten. Da ist der Elektriker Mykola Pawljuk, 52, der 26 Jahre Dienst tat am Kosarowytschi-Damm, der den Fluss Irpin westlich von Kiew staute. Pawljuk wusste, wie die Anlage zu sprengen war, um die Ebene zu fluten und so den Vormarsch der Invasoren auf die Hauptstadt im Schlamm zu stoppen. Er handelte wie Falatyuk mit der „Fähigkeit, ohne Erlaubnis das Richtige zu tun“. Durch solche Menschen sei in jenen Stunden eine dezentrale Verteidigung entstanden, die die starre russische Befehlshierarchie zum Kollabieren brachte.

Hochinteressant ist auch die Aussage von Hanna Maljar, 2022 stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, die vor der Invasion der Stillhaltedoktrin zu folgen hatte. Sie führt die Abwehr der ersten Großattacke auf das Funktionieren horizontaler Netzwerke zurück, die sich in der Zeit des Euromaidan von 2014 gebildet hatten, als proeuropäische, antirussische Kräfte einen raschen EU-Beitritt der Ukraine durchsetzen wollten.

Wenige Stunden nach der Invasion hätten die zivilen Unterstützergruppen wieder funktioniert, Geld gesammelt, Ausrüstung, Medikamente und Nahrungsmittel beschafft und eine dezentrale Versorgung für die kämpfende Truppe organisiert. Die Ukraine, so Maljar, habe überlebt, „weil die Mündigkeit der Bürger die materiellen und strukturellen Lücken des staatlichen Systems kompensierte“. Es ging, so Giebel, im Angesicht der Bedrohung nicht darum, „den Frieden herbeizusehnen, sondern das Überleben geräuschlos zu organisieren“.

Heldenverehrung für den faschistischen Nationalistenführer Stepan Bandera (1909–1959). Die Statue wurde 2007 in Lwiw eingeweiht.

Heldenverehrung für den faschistischen Nationalistenführer Stepan Bandera (1909–1959). Die Statue wurde 2007 in Lwiw eingeweiht.

© Imago

Für die komplexe Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs interessiert sich der Autor in diesem Buch nicht: das Vorrücken der Nato bis an die Grenze Russlands, den in der Ukraine grassierenden Ultranationalismus mit seinen Wurzeln in den 1930er- und 1940er-Jahren, als die Verfechter der ukrainischen Unabhängigkeit auf die Nazis setzten – und von Hitler enttäuscht wurden. Giebel spricht nicht vom in der Westukraine heute hochverehrten faschistischen Nationalistenführer Stepan Bandera, nicht über die Drangsalierung der russischen Bevölkerung im Donbass. Auch die furchtbare Korruption spielt für Giebel in seinem Anliegen keine Rolle.

Seine dringlich vorgetragene Botschaft an die deutsche Gesellschaft lautet: Wacht auf aus dem Dornröschenschlaf, bereitet euch vor. Schaut euch an, wie die Ukrainer widerstehen, denn „wir müssen anfangen, die zivile Resilienz, die geistige Wehrhaftigkeit und die dezentrale Improvisationskraft unserer eigenen Gesellschaft zu stärken. Wir müssen lernen, dass der Staat eine schützenswerte Struktur ist, aber dass am Ende immer die Gesellschaft die eigentliche Macht und das Immunsystem der Demokratie bleibt.“

So, wie es die regierenden Kriegstüchtigmacher angehen, hält es Giebel für fatal falsch: Man könne Panzer und Fregatten bestellen, aber keine Kampfbereitschaft oder Wehrhaftigkeit. Milliarden Euro Steuergeld kauften „Blech, keine Soldaten“. Entscheidend seien „die immateriellen Faktoren der Kampfkraft – die Mündigkeit des einzelnen Bürgers, die Agilität der dezentralen Führung und der freie Wille einer Nation …“.

Die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland beschreibt er mit erschreckenden Zahlen: Mehr Uniformierte arbeiten in der Verwaltung der Streitkräfte als in den Kampfeinheiten. Seit 2017 sei die Zahl der Beamten im Verteidigungsministerium um 39 Prozent gestiegen. Der Minister lasse den Bendlerblock für rund 420 Millionen Euro erweitern: „Für das Geld könnte man rund eine Million FPV-Drohnen kaufen.“ Eine wenige Hundert Euro teure Drohne ist in der Lage, einen 30-Millionen-Euro-Panzer kampfunfähig zu machen.

Eine Drohne wird gelandet, aufgenommen im Rahmen der Übung „Vigilant Roland II“ der Heimatschutzdivision der Bundeswehr im öffentlichen Raum in Stendal im Oktober 2026.

Eine Drohne wird gelandet, aufgenommen im Rahmen der Übung „Vigilant Roland II“ der Heimatschutzdivision der Bundeswehr im öffentlichen Raum in Stendal im Oktober 2026.

© Florian Gaertner/Imago

Am 1. Oktober 2026 informierte Boris Pistorius, die Bundeswehr stelle das erste Drohnenregiment auf – nächstes Jahr und übernächstes. Nimmt man die ukrainische Erfahrung, kommt einem der Gedanke, es müssten schnell überall kleine, mobile Freiwilligeneinheiten mit Schwarmwissen entstehen – motiviert von klarer Sinnhaftigkeit. Vielleicht nach dem Vorbild der großartigen freiwilligen Feuerwehren, verbunden mit militärischer Koordinierung und Kontrolle? Und: Ab 1. Januar 2027 soll ein neues Gesetz den Heimatschutz durch Reservisten stärken.

Giebel will aufrütteln, das zeigt auch die gelegentlich überschäumende Wortwahl – da wird wohl die KI Pfeffer eingestreut haben. Nach mehr als 80 Jahren Frieden ist der Gedanke an Kriegsvorbereitung gewöhnungsbedürftig. Doch man erinnere sich an Wilhelm Buschs klugen Igel aus dem Gedicht „Bewaffneter Friede“ (1900): Der denkt nicht daran, dem friedenssäuselnden Fuchs sein Stachelfell auszuliefern: „Und trotzt getrost der ganzen Welt / Bewaffnet, doch als Friedensheld.“

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