Die Stimmung in der deutschen Chemieindustrie hat sich im Mai weiter verschlechtert. Der Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts sank auf minus 30,2 Punkte, nach minus 28,6 Punkten im April. Während die Unternehmen ihre aktuelle Lage besser beurteilten als im Vormonat, brachen die Erwartungen für die kommenden Monate deutlich ein.
Die Bewertung der laufenden Geschäfte verbesserte sich von minus 25,8 auf minus 17,5 Punkte. Die Geschäftserwartungen fielen dagegen von minus 31,3 auf minus 42,0 Punkte. „Die Unternehmen schätzen die aktuelle Belebung im laufenden Geschäft als vorübergehend ein“, sagte ifo-Branchenexpertin Anna Wolf.
Teile der Branche profitieren laut ifo weiterhin von einer höheren Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen infolge gestörter globaler Lieferketten. Gleichzeitig sei die Versorgung mit Vorprodukten angespannt: 31,1 Prozent der Unternehmen berichteten über Materialknappheit, nach 7,0 Prozent im ersten Quartal. Der Indikator für die Preisentwicklung stieg auf plus 47,5 Punkte, nach 32,5 Punkten im April. Die Mehrheit der Unternehmen rechne mit weiteren Preissteigerungen.
Trotz der Belebung planen die Unternehmen nach Angaben des ifo-Instituts eine geringere Produktion und einen weiteren Personalabbau. Die Exporterwartungen verschlechterten sich auf minus 15,7 Punkte, nach minus 2,0 Punkten im Vormonat. „Die vorübergehende Sonderkonjunktur verschafft der Branche kurzfristig Luft, die strukturellen Kernprobleme der Branche bleiben jedoch ungelöst“, sagte Wolf.
Leuna: Domo-Chemiewerk wird in letzter Sekunde gerettet
US-Konzern Dow schließt mehrere Anlagen in Ostdeutschland
Sorge um Standorte in Ostdeutschland
Besonders betroffen von der gegenwärtigen Krise ist die Chemieindustrie in Ostdeutschland, wie sich erst kürzlich bei der 5. Mitteldeutschen Revierwendekonferenz in Leuna zeigte. Gewerkschaftsvertreter forderten, die Standort- und Beschäftigungssicherung müsse beim Bund „zur Chefsache“ gemacht werden, sonst drohe „ein Dominoeffekt für die ganze Region und tausende Arbeitsplätze“.
Im Fokus steht dabei vor allem der Steamcracker in Böhlen in Sachsen, der als zentrales Element des mitteldeutschen Stoffverbundes Rohbenzin in Grundstoffe wie Ethylen und Propylen umwandelt. Diese Stoffe bilden das unverzichtbare Fundament für zahlreiche weiterverarbeitende Betriebe im gesamten Chemiedreieck. Der US-Konzern Dow hatte jedoch angekündigt, den Cracker in Böhlen Ende 2027 stillzulegen. Der Wegfall der Vorprodukte aus Böhlen würde ganze Lieferketten und Tausende Arbeitsplätze in der Region bedrohen. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi erklärte daher: „Die drohende Schließung des Crackers durch Dow stellt unnötigerweise wichtige und erfolgreiche Wertschöpfungsketten dahinter infrage.“
Die DGB-Landesleiterin von Sachsen-Anhalt, Katrin Skirlo, verwies auf die Krise in der Chemiebranche, die zusätzlich zum Kohleausstieg auf die Region zukomme. „Die Schließungen bei Dow und die notwendige Rettung bei Domo zeigen, dass auch tariflich gut abgesicherte Arbeitsplätze in Gefahr sind“, sagte Skirlo. Es brauche verlässliche Energiepreise, einen zügigen Ausbau erneuerbarer Energien sowie Investitionen in Standorte, Netze und Speicher.
Die sächsische DGB-Chefin Daniela Kolbe forderte mehr Tempo beim Strukturwandel. „Wir haben mit den zur Verfügung stehenden Kohlemilliarden die europaweit einmalige Chance, gemeinsam die Zukunft für eine nachhaltige Wirtschaft, sichere und gute Jobs und bessere Lebensbedingungen in der Region zu gestalten“, sagte sie. Eine Aufstockung der Mittel werde es nicht geben.
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