BERLIN. Auf beiden Seiten herrschte so etwas wie Erleichterung, als hätten die Linksfraktion und die SPD-Kandidatin zusammen eine Prüfung bestanden. "Man ist freundlich mit mir umgegangen", sagte Gesine Schwan, die im Mai zur Bundespräsidentin gewählt werden will. Dazu braucht sie möglichst alle Stimmen der Linken-Vertreter in der Bundesversammlung, und deshalb stellte sich die Sozialdemokratin gestern in der Bundestagsfraktion der politischen Konkurrenz vor - man kann ja mal reden.Und die Linke, die zu dem Treffen eingeladen hatte, ersparte der Kandidatin allzu lästige Fragen. Schwan habe offen ihre Meinung vertreten, sagte Fraktionschef Gregor Gysi anschließend. Nur seien die Antworten nicht immer im Sinne der SPD-Führung oder auch der Linken gewesen. "Dazu ist sie viel zu eigenständig" - was Gysi als Lob verstanden wissen wollte. Die Kandidatin erzählte, die Abgeordneten hätten von ihr ein Bekenntnis zu Volksabstimmungen über einen EU-Reformvertrag hören wollen, "aber das haben sie nicht bekommen".Selbst der Konflikt zwischen Schwan und Oskar Lafontaine, den sie im vorigen Jahr einen Demagogen genannt hatte, soll entschärft worden sein. Lafontaine leitete die Fraktionssitzung, zeigte sich aber danach nicht öffentlich. Laut Gysi versicherte Lafontaine Schwan, er sei durch so etwas "nicht zu beleidigen" - und Schwan versicherte, sie habe es auch "so nicht gemeint". Unter Katholiken habe man das ausgeräumt, sagte sie."Sie hat eher etwas gewonnen", fasste Gysi das Ergebnis des Gesprächs zusammen. Die Entscheidung im Mai, zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes, sei der Linken erleichtert worden. Damit steht einer Unterstützung Schwans durch Vertreter der Linken in der Bundesversammlung offenbar weniger im Wege als vorher - wenngleich erst im dritten Wahlgang. Dann reicht die einfache Mehrheit, und der Linken-Kandidat, der Schauspieler und Regisseur Peter Sodann, dürfte ausgeschieden sein. Dann, so hoffen Schwan und die SPD, könnte eine rot-grün-rote Allianz mit Abweichlern aus dem bürgerlichen Lager für die Sensation sorgen und eine zweite Amtszeit Köhlers verhindern.Selbst im dritten Wahlgang aber werde Schwan nicht alle Stimmen der Linken-Wahlleute bekommen, hieß es aus der Fraktion. Zu groß sind bei einigen in Lafontaines Partei die Vorbehalte gegen eine Kandidatin, die in der SPD eher zum konservativen Flügel zählte und zu Zeiten der deutschen Teilung immer als Antikommunistin auftrat.------------------------------Foto: Gesine Schwan warb um Stimmen.
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