Ostsee

Gestrandeter Wal in der Lübecker Bucht: Was passiert, wenn das Tier stirbt?

Experten räumen dem in der Lübecker Bucht gestrandeten Wal nur noch geringe Überlebenschancen ein. Doch wie entsorgt man einen toten, tonnenschweren Meeressäuger?

Stefan-Johannes Reich OAZ
5 Min
Gestrandeter Buckelwal: Auch für diesen Wal kam jede Hilfe zu spät. (Symbolbild von der dänischen Küste)

Gestrandeter Buckelwal: Auch für diesen Wal kam jede Hilfe zu spät. (Symbolbild von der dänischen Küste)

© Mikkel Berg Pedersen

Das Schicksal des bei Niendorf gestrandeten Buckelwals bewegt seit Tagen das ganze Land. Noch lebt der Wal, der in der Nacht zu Montag in der Lübecker Bucht gestrandet ist. Seitdem liegt er im flachen Wasser, stößt immer wieder Luftfontänen aus und versucht freizukommen – bisher vergeblich. Auch mehrere Rettungsversuche von Einsatzkräften und Experten sind gescheitert.

Einige Experten räumen dem Meeressäuger mittlerweile nur noch geringe Überlebenschancen ein. Der Meeresbiologe und YouTuber Marc Lehmann machte am Mittwoch auf seinem Instagram-Kanal deutlich:

Dieses Tier wird sterben. Punkt. Und jetzt ist es an uns, der Natur ihren freien Lauf zu lassen, und das bedeutet manchmal auch Leid, Schmerz und Tod.

Meeresbiologe Marc Lehmann

Der gestrandete Buckelwal sei „am Ende seines Lebens“, schwer krank, erschöpft und durch die vergangenen Tage gestresst. „Das könnte Tage dauern, aber das ist der ganz normale Weg, der traurig ist, aber völlig normal in der Natur“ so Lehmann weiter. Es wäre natürlich toll, wenn der Wal „quietschfidel vom Strand raus in den Atlantik schwimmt und ein großes Wunder passiert“. Und es gebe natürlich auch immer die Chance auf Hoffnung, aber seiner Erfahrung nach sei dies extrem unwahrscheinlich.

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Wie entsorgt man einen toten Wal?

Nach dem Tod des Wals beginnt für die Behörden dann allerdings der eigentliche Kraftakt: Wohin mit einem mehrere Tonnen schweren Kadaver, der sich rasch zersetzt und dabei im Laufe der Zeit Gestank verströmt? Der Meeresbiologe Jan-Olaf Meynecke von der australischen Griffith University hat bereits 2024 gemeinsam mit seinem Team im Fachjournal „Marine Science and Engineering“ untersucht, welche Techniken weltweit zum Einsatz kommen, um Walkadaver zu beseitigen. Die Palette ist breit und reicht von der industriellen Verarbeitung über das Vergraben am Strand bis hin zur Sprengung.

Die wohl bekannteste – und abschreckendste – Methode stammt aus dem Jahr 1970: Im US-Bundesstaat Oregon entschied sich eine Behörde, einen 14 Meter langen Pottwal mit einer halben Tonne Dynamit zu sprengen. Die Detonation verteilte Walteile über einen großen Umkreis, ein herumfliegendes Transtück zerstörte ein geparktes Auto. Obwohl die Methode seitdem als gescheitert gilt, wurde sie danach nicht vollständig aufgegeben.

Verbreiteter ist die Zerlegung und anschließende Verarbeitung in Tierkörperbeseitigungsanlagen. Diese Methode wurde beispielsweise 2016 angewandt, als zahlreiche Pottwale an der Nordseeküste gestrandet waren. Dabei werden die Kadaver zunächst am Strand in transportfähige Stücke zerteilt – eine körperlich extrem anspruchsvolle Arbeit. Die Überreste werden dann nach EU-Vorschriften bei 133 Grad Celsius und einem Druck von drei Bar zwanzig Minuten lang unter ständigem Rühren sterilisiert. Dabei entstehen Wasser, Fette – die zu Biodiesel weiterverarbeitet werden – und Tiermehl, das wegen seines hohen Brennwerts in Kraftwerken verfeuert wird.

Die Öffentlichkeit soll sich dem gestressten Wal nicht nähern.

Die Öffentlichkeit soll sich dem gestressten Wal nicht nähern.

© NEWS5

Umweltfreundlichste Methode: Zurück ins Meer

Weitere Optionen sind das Vergraben am Strand, die Entsorgung auf Mülldeponien oder das Verbrennen. In den Niederlanden etwa werden gestrandete Wale nach Harlingen im Norden des Landes transportiert und dort verbrannt. Manche Kadaver landen auch zu Forschungszwecken in Veterinär- und Anatomieabteilungen, Skelette werden in Museen oder Zoos ausgestellt.

Die ökologisch sinnvollste Methode ist laut der Studie von Meynecke und seinem Team das Zurückschleppen und Versenkenlassen auf offener See. Im tiefen Ozean bildet ein Walkadaver ein sogenanntes „Walfall“-Ökosystem: Der Leichnam ernährt über Jahrzehnte hinweg Hunderte von Arten am Meeresboden – eine natürliche Verwertung, die Transportkosten, Energieaufwand und die Probleme der Entsorgung an Land vermeidet. Allerdings ist auch diese Variante logistisch anspruchsvoll, da die tonnenschweren Tiere zunächst vom Strand ins offene Meer geschleppt werden müssen. In der Praxis wird diese Methode dennoch häufig angewandt: Tote Wale werden mit Schleppern aufs Meer hinausgezogen und dort versenkt.

Im Übrigen warnen Behörden und Medien bei so gut wie jeder Strandung von toten Walen vor einer angeblichen Explosionsgefahr. Tatsächlich sammeln sich im Inneren eines verwesenden Wals Fäulnisgase wie Methan. Durch die isolierende Fettschicht kann die Temperatur im Kadaver auf bis zu 40 Grad ansteigen, wie der niederländische Tierpräparator Aart Walen dem Schweizer Tagblatt erklärte. Deshalb schneiden Spezialisten kontrolliert Löcher in die Kadaver, um die Gase entweichen zu lassen.

Warum Walkadaver nicht spontan explodieren

Dass Wale jedoch von selbst explodieren, ist nach Einschätzung von Fachleuten ein Mythos. Der Paläontologe Achim Reisdorf von der Universität Basel erklärte, er sei „immer wieder erstaunt“, wenn er davon höre. Selbst unter Wissenschaftlern habe sich diese Erkenntnis noch nicht überall durchgesetzt. Die Anatomie der Wale sei auf extremen Druck ausgelegt – Pottwale tauchen schließlich mehr als zweitausend Meter tief. „Die sehr dicke Fettschicht hält dem wachsenden Innendruck stand“, so Reisdorf. Entweichende Gase treten langsam aus, auch wenn der dabei entstehende Gestank etwas anderes vermuten lässt.

Nur wenn mechanisch nachgeholfen wird – durch Anschneiden, Anpicken oder Ansägen –, kann es zu unkontrollierten Gasaustritten kommen. Dokumentierte Fälle gibt es etwa von den Färöer-Inseln 2013 und aus Taiwan, wo ein Pottwal beim Abtransport mitten in einer Stadt platzte und eine erhebliche Verschmutzung verursachte. Selbst bei anderen Tierarten ist das Phänomen bekannt: In Panama explodierten Krokodilkadaver, nachdem Geier sie angefressen hatten.

Die Angst vor der spontanen Walexplosion bleibt dennoch hartnäckig – befeuert durch virale Internetvideos. Die Realität ist weniger drastisch, dafür umso mühsamer: Die Entsorgung eines gestrandeten Großwals dauert Tage, kostet erhebliche Summen und erfordert schweres Gerät.

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